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Die Masken fallen wie reife Früchte

»The Amazing Spider-Man«

Eine junges Leben am seidenen Faden: Die Geschichte von Peter Parker aka Spider-Man wird noch mal neu erzählt. Natürlich auch ganz anders: Düsterer, schneller und in 3-D.
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Fünfzig Jahre nach seinem erstem Auftritt in einem Marvel-Comic, klettert »The Amazing Spider-Man« zum x-ten Mal im Kino die Fassaden hoch. Weil der geplante vierte Teil von Sam Raimis Reihe und damit auch Tobey Maguires nächster Auftritt als Peter Parker nicht zustande kamen, beauftragte Sony Regisseur Marc Webb mit einem Reboot (siehe dazu auch die O-Töne der Beteiligten in der wöchentlichen iPad-Ausgabe). Alles auf Null. Andrew Garfield spielt nun den Außenseiter, der nach einem Spinnenbiss Superkräfte entwickelt. Wie Raimi in »Spider-Man« (2002) hält sich Webb an die Ursprungsgeschichte aus Stan Lees und Steve Ditkos Marvel-Original - mit diversen Abweichungen.

So zitiert Webb zwar Raimis genmanipulierte Spinne, die in der Comic-Fassung noch radioaktiv war, dichtet jedoch einen Vater hinzu, der als Wissenschaftler eine gefährliche Entdeckung macht - und daraufhin verschwindet. Peter wächst wie gehabt bei Tante und Onkel auf. In dessen Rolle schlüpft Martin Sheen, und sein von Peter mitverschuldeter Tod bedeutet auch in »The Amazing Spider-Man« einen entscheidenden Wendepunkt. Peter nimmt alle Schuld auf sich. Er kämpft fortan nicht nur gegen den von Rhys Ifans verkörperten »Lizard«, sondern hauptsächlich mit seinem Gewissen. Unter anderem der 3-D-Effekt macht es möglich: Düsterer, härter, schneller, kurz: spektakulärer ist Webbs Version. Raimi ließ sich vor zehn Jahren mehr Zeit. Sein Peter Parker entdeckte die Veränderungen am eigenen Körper eher im Stillen. Außerdem nahm Raimi eine entscheidende Veränderung gegenüber dem Comic vor, die Webb revidierte. Tobey Maguires Figur verfügte über einen organic webshooter, Andrew Garfield muss als Peter Parker in Sachen Fadenproduktion wieder technisch nachhelfen, was den »Body Horror«-Aspekt schmälert.

Insofern verlässt Regisseur Marc Webb ein wenig den im Comic zwar angelegten, doch erst von Raimi ordentlich ausgetretenen Pfad der Geschichte einer am seidenen Faden hängenden Jungs-Identität, Stichwort: Die Leiden des jungen Parker. Stellt sich nur die Frage, wo er mit seiner Version hin will. Er verzichtet auf den Teil der Story, in dem Peter Parker als Fotoreporter arbeitet, setzt weniger auf den Widerspruch zischen subjektiver Erfahrung und medialer Öffentlichkeit. Stattdessen scheint es ihm stellenweise um so was wie Selbst- und Technikbeherrschung vs. Herrschaft durch Technologie zu gehen: Der New Yorker Polizeichef, für den Spider-Man ein Gesetzloser ist, entpuppt sich als der Vater von Peters großer Liebe Gwen Stacy (Emma Stone). Spider-Mans Endgegner ist ein alter Kollege seines Dads, dem die Wissenschaft über den Kopf wächst. Dieses Konfliktpotenzial wird aber – dem hohen Tempo der Inszenierung geschuldet - schnell aufgelöst. Die Masken fallen wie reife Früchte.

Marc Webb präsentiert mit »The Amazing Spider-Man« eher einen Kino-Event; einen „Ersten Teil“ par excellance, der bis zum Schluss unterhält, über den man aber kaum länger nachdenken möchte, als die Abdrücke der 3-D-Brille auf der Nase zu erkennen sind. Ob »Spider-Man  4 « der bessere Film geworden wäre, darf selbstverständlich auch bezweifelt werden. Die Fortsetzung von Marc Webbs Version folgt im Mai 2014. Das heißt, falls alles so läuft, wie geplant.



»The Amazing Spider-Man«
(USA 2012, R: Marc Webb; D: Andrew Garfield, Emma Stone, Rhys Ifans, Martin Sheen; Kinostart: 28. Juni)