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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Die ersten Tage des Filmfestivals

Berlinale Ahoi

Nirgendwo lassen sich die frühkindlichen Extremerfahrungen von der Süßigkeitentheke so gut nacherleben wie auf einem Filmfestival, wie die Berlinale eins ist.
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Nirgendwo lassen sich die frühkindlichen Extremerfahrungen von der Süßigkeitentheke so gut nacherleben wie auf einem Filmfestival, wie die Berlinale eins ist.


Durch animalische Kälte und schwarz verschorfte Bürgersteige, die zusammen mit dem Streusalz von 2009 zu einer panzerbrechenden Legierung geronnen sind, rettet man sich in den warm und samtig ausgeschlagenen Berlinale-Palast und die angeschlossenen Lichtspielhäuser, in denen einen (im Idealfall) filmische Leckerbissen aus aller Herren Ländern erwarten.

Das schiere Überangebot von nahezu 400 Beiträgen sorgt dafür, das spitze Eckzähne wachsen, wo vorher nur an Massenware abgeschliffene Beisserchen waren, und unverwässerte Gier lässt sich als körperliche Empfindung beobachten. Die ganz harten Kandidaten prahlen schon jetzt am zweiten Festivaltag mit acht gesehenen Filmen, eine Nummer, die bis Ende nächster Woche noch auf 60 bis 70 anwachsen soll. Bei der Preisverlosungslotterie gibt es ebenfalls schon ab Start Bewegung bei den Buchmachern, auch wenn der Eröffnungsfilm, Wang Quan'ans "Tuan Yuan" vorsorglich schon wieder von den meisten Listen gestrichen worden ist.


Neben dem offiziellen Programm wird es natürlich auch wieder Bewegung in der Klatschlagune geben, wovon schon jetzt die bunten Bändchen am Halse unrealistisch vieler VIPs künden. Die Stimmung ist trotzdem festlich: Auf den roten Teppichen werden Wetten abgeschlossen, ob Roman Polanski doch noch kommt, und wenn ja, in welcher Verkleidung. Rosa von Praunheim wird wohl auch wieder mit von der Partie sein, und eingeschworene Rosa-Fans wie mein Kumpel Ruslan hoffen da natürlich auf eine Fortsetzung von "Eutergate".

Und dann wären da ja noch die Filme. Die Auswahl galoppierte auch dieses Jahr wieder dermaßen quer durch den Garten, dass die vielbeschworene "Linie" wohl nicht mal von denen zu erkennen sein wird, die sich am Brandenburger Tor die Monumentalaufführung von "Metropolis" gegeben haben und jetzt ihre Frostbeulen bei 165 Minuten mit Shah Rukh Khan erstversorgen. Aber auch ansonsten hält der offizielle Wettbewerb natürlich wieder etliche Abenteuer parat, die schon jetzt für Kribbeln auf der Netzhaut sorgen. Ein Film von Banksy über Banksy ("Exit through the Gift Shop")? Haben wir. Einen Film über Nazi-Propaganda ("Jud Süß")? Haben wir. Filme über Bücher ("Howl"), Ramadan ("Shahada") und Gérard Depardieu ("Mammuth")? Alles da. Dazu die neusten Werke von Michael Winterbottom, Zhang Yimou, Thomas Vinterberg und Bären-Gewinnerin Jasmila Žbanic. Für die nächsten zehn Tage kann sich die Realität ganz warm anziehen, denn Filme anschauen sorgt bekanntlich für Distanz von sich selbst, und nach 100 Stunden Kino kenne ich mich tatsächlich selbst nicht mehr. Deswegen hier noch schnell mein Geheimtipp für den besten Film und für die beste Party: Platz Eins geht an Alexei Popogrebskys "How I Ended This Summer", weil der Einsamkeitschirurg, der uns "Koktebel" brachte, diesen Trick auch noch mal drauf hat und niemand anderer einen Film über zwei Wissenschaftler auf einer Polarstation in einen emotionalen Krimi verwandeln kann. Die beste Party dürfte wohl derweil auch wie in den Jahren zuvor bei den Rumänen stattfinden, die mit "If I Want To Whistle I Whistle" auch ein ganz heißes Eisen im Feuer haben und sich deswegen auch am Sonntag schon einmal vorsorglich hochleben lassen werden.

Nächste Woche mehr, ich muss jetzt erstmal ins Kino.