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USA 2002

Derrida

(R: Kirby Dick, Amy Ziering Kofman; Musik: Ryuichi Sakamoto; 06.11.)Einmal wurde Heidegger gefragt, wie denn wohl Aristoteles’ Leben ausgesehen habe. Heidegger antwortete: »Aristoteles war ein Philosoph, also wurde er geboren, hat gedacht und ist gestorben. Der Rest sind Anekdoten«. Jacques Derrida
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(R: Kirby Dick, Amy Ziering Kofman; Musik: Ryuichi Sakamoto; 06.11.)Einmal wurde Heidegger gefragt, wie denn wohl Aristoteles’ Leben ausgesehen habe. Heidegger antwortete: »Aristoteles war ein Philosoph, also wurde er geboren, hat gedacht und ist gestorben. Der Rest sind Anekdoten«. Jacques Derrida erzählt diese Anekdote in dem Film, der seinen Nachnamen als Titel trägt, und stellt so klar, dass Philosophen ihre Probleme mit der Textsorte Biografie oder, schlimmer noch, Autobiografie haben. Später wird Derrida sagen, dass ›Derrida‹ spätestens bei der Montage ohnehin zu einer Autobiografie der Filmemacher werden wird, er selbst aber zum Medium. Die Dokumentaristen Kirby Dick und Amy Ziering Kofman waren also gewarnt. Andererseits haben sie diese Szene ebenso in ihrem Film gelassen wie jene, in der die Kamerafrau Kirsten Johnson beim Überqueren einer Straße stolpert und der Philosoph spottet: »Durch ihre Kamera sieht sie alles, aber eigentlich ist sie vollkommen blind.« Die Dokumentaristen sind clever, sie wissen, dass es Deconstruction nur im Zeichen des Scheiterns gibt, also versammeln sie nach und nach alle Indizien medial vermittelter Authentizitätssignale vor der Kamera. Doppelbödig geht es hier zu. Aber nicht einmal auf diese stringente Doppelbödigkeit lässt »Jackie« sich ein, kleine Exkurse in die Philosophie wechseln mit verschmitztem Schabernack. Schließlich wird Derrida, der Popstar unter den Philosophen (remember: »I’m In Love With Jacques Derrida« von Scritti Politti!), beim Haare-Schneiden dokumentiert. Hm, interessant! Man sollte sich ›Derrida‹ also am besten als Western vorstellen, als einen ausgekochten Zweikampf zwischen einer negativen Erwartung dessen, was man überhaupt fixieren kann, und einem Objekt, das sich dieser Negation noch zu entziehen sucht, weil sie fix ist. Einmal soll Derrida etwas zu ›Seinfeld‹ sagen, aber er verweigert sich, rät stattdessen zur Lektüre seiner Bücher und stellt fest: »Deconstruction produziert keine Sitcoms!« Es wird sehr viel gelacht in diesem wohl spannendsten Dokumentarfilm seit langem. Dass er fundamental gescheitert ist, lässt sich wirklich verschmerzen. Wie sagt Derridas Vater so schön über die Kunst seines Sohnes? »Wir haben schließlich auch ein Gehirn, aber uns fällt so was nicht ein.«