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Jonathan Lethem

Der kurze Schlaf

Die Qualität von Science-Fiction-Romanen bemisst sich zu einem Gutteil an deren Einfällen. Je mehr der Autor davon produziert und je bizarrer sie sind, umso höher ist der Wohnkomfort der jeweiligen literarischen Welt für den Sci-Fi-Fan. Philip K. Dick oder J. G. Ballard sind gerade deshalb so belieb
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Die Qualität von Science-Fiction-Romanen bemisst sich zu einem Gutteil an deren Einfällen. Je mehr der Autor davon produziert und je bizarrer sie sind, umso höher ist der Wohnkomfort der jeweiligen literarischen Welt für den Sci-Fi-Fan. Philip K. Dick oder J. G. Ballard sind gerade deshalb so beliebt, weil sie zu den regesten Ideenproduzenten des Genres zählen. Ihre Welten gehören zu den sonderbarsten. Auch die Zukunft in Jonathan Lethems Debütroman “Der kurze Schlaf” sieht einigermaßen seltsam aus: Tiere, etwa Schafe, können, nachdem sie einer Evolutionstherapie unterzogen worden sind, sprechen und auf zwei Beinen laufen, zum sklavischen Nutzen ihrer menschlichen Herren. Genetisch manipulierte Säuglinge haben die geistige Reife von Erwachsenen. Drogenkonsum wird gefördert. Der Staat – wie könnte es anders sein – kann ob der kollektiven Bedröhnung tun und lassen, was er will. Seine Handlanger heißen Inquisitoren. Jeder Bürger hat ein Karma-Konto. Bei Regelverstößen gibt’s Punktabzug. Und ein Konto von Null bedeutet eine Zukunft ohne Bewusstsein in der Gefriertruhe.

Lethem, Autor so schöner Romane wie “Motherless Brooklyn” oder “Als sie über den Tisch kletterte”, hat, was nicht zu übersehen ist, mächtig gemopst: bei Huxley, Dick, Orwell und ein paar anderen. Der Zugewinn an neuen Eindrücken hält sich daher in Grenzen, tendiert, wenn man etwas strenger hinguckt, beinahe gegen Null. Das wäre vielleicht nicht mal so schlimm, würde sich im Verlauf der Lektüre nicht herausstellen, dass das Sci-Fi-Gewand des Romans kaum anderes ist als reine Staffage; es hat nur am Rande mit der Romanhandlung, so gut wie nichts mit ihrer Entwicklungslogik zu tun. Tatsächlich erzählt Lethem eine – zumal in der fiktiven Zukunft äußerst altbacksch wirkende – Hard-Boiled-Detektiv-Story. Ein schlechtes Chandler-Plagiat mit abziehbildhaften Charakteren, vorgetragen in eintönigstem Chandler-Slang. Die Geschichte geht so: Ein Detektiv (hier: Privatinquisitor) von der Sorte großmäuliger, zynischer Typ, der auf schöne Frauen fliegt, will die Unschuld seines unter Mordverdacht stehenden Klienten beweisen. Selbstredend gerät er mit den Inquisitoren aneinander, wird ausgetrickst, landet im Froster, taut wieder auf und macht sich erfrischt und umso beharrlicher erneut an die Arbeit. Irgendwo war etwas von einem “gelungenen Genre-Mix” zu lesen. Zweifellos ist “Der kurze Schlaf” genau das nicht.

(Tropen Verlag, 336 S., EUR 19,80)