×

Lieber Leser, bitte wähle deinen Ansprechpartner aus:

Fragen an die Redaktion

Werbung auf Intro.de

Werbung im Intro Magazin

Intro Abo

Fragen zum Vertrieb

×

INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Globalisierung des Widerstands

Der große Ausverkauf / Florian Opitz

Der Kölner Filmemacher Florian Opitz nimmt in 'Der große Ausverkauf' die weltweite Veräußerung staatlichen Eigentums aufs Korn.
Geschrieben am

Der Kölner Filmemacher Florian Opitz nimmt in 'Der große Ausverkauf' die weltweite Veräußerung staatlichen Eigentums aufs Korn. Im Gespräch erklärt er, wie die porträtierten Globalisierungsgegner in seine Doku kamen – und welche Privatisierungsbefürworter die Öffentlichkeit scheuen.

Privatisierung ist in Deutschland heute ein großes Thema. Das hat vor allem damit zu tun, dass immer mehr öffentlicher Raum und öffentliche Institutionen – von den Elektrizitätswerken bis zu Schulgebäuden – an private Unternehmen verkauft werden. Du hast mit den Arbeiten an deinem Film schon 2002 begonnen. Wie bist du auf das Thema gestoßen?
Vor sechs Jahren habe ich bereits Filme über Globalisierungsgegner gedreht [z. B. 'Goliaths Albtraum. Globalisierungskritiker seit Genua'], da standen jeweils Aktivisten aus den westlichen Industrieländern im Mittelpunkt. Diese Perspektive wollte ich überwinden, also einen Film mit Leuten drehen, die von der Globalisierung unmittelbar betroffen sind. Auf das Thema Privatisierung bin ich gestoßen, weil es vor fünf Jahren eine Diskussion um das GATS-Abkommen gegeben hat, den Beschluss der Welthandelsorganisation WTO, Dienstleistungen weltweit zu liberalisieren und zu kommerzialisieren. Ich wollte dieses schwierige Thema aufdröseln und zeigen, wie sich Privatisierungen konkret auswirken.

Du zeigst vier Protagonisten, die sich auf unterschiedliche Weise mit der Veräußerung öffentlichen Eigentums auseinandersetzen. Mal militant, mal in einem verzweifelten Privatkampf. Wie hast du die Leute gefunden?
Ich habe da ganz systematisch gearbeitet. Wichtig war mir, verschiedene Erdteile abzudecken, einen globalen Film zu machen: Afrika, Asien, Europa, Südamerika. Und wichtig war mir der Widerstandsaspekt. Ich wollte die Protagonisten nicht als Opfer, sondern als Individuen zeigen, die in der Lage sind, ihr Schicksal in die Hand zu nehmen und die privatisierte Realität, in der sie leben, zu verändern. Ich habe versucht, mir vorzustellen: Was sollen das für Leute sein, mit denen ich sprechen will? Als ich dann wusste, über welche Privatisierungen in welchen Ländern ich erzählen will, bin ich auf die globalisierungskritischen Initiativen vor Ort zugegangen. Bis ich schließlich Minda Lorando in Manila oder Bongani Lubisi in Soweto gefunden haben.

Aus dem Rahmen fällt Joseph Stiglitz – ein einflussreicher Wirtschaftswissenschaftler, Nobelpreisträger, ehemaliger Ökonom der Weltbank. Wie kommt Stiglitz in den Film?
Stiglitz ist kein Radikaler, aber er ist ein Kritiker der Privatisierungswelle, der früher ein Star dieses Systems war. Das fand ich interessant. Eigentlich haben wir keinen Kommentator gewollt. Stiglitz fällt ein wenig diese Rolle zu, weil die Sachen so komplex sind, dass sie hierzulande einer Einordnung bedürfen, während – und das hat mich besonders überrascht – in Südafrika, Bolivien und den Philippinen jede Marktfrau genau weiß, wer und was die Weltbank, der Internationale Währungsfonds und die WTO sind.

Wie hast du den Film komponiert?
Das war ein organischer Prozess, in dem wir die Geschichten der Protagonisten immer weiter ineinander verschränkt haben. Wir wollten sie nicht linear erzählen. Mit dem Film wende ich mich auch gegen die Ideologie des Fernsehens, alles "Komplizierte" sei schlecht.

Wird dir die Komplexität zum Vorwurf gemacht?
Nein, ich bekomme stattdessen ab und an zu hören, dass der Film einseitig sei. Nun, there is no such thing as objectivity – ich habe meinen Standpunkt! Ich hätte viel lieber mehr Stimmen pro Privatisierung gehabt. Ich habe mit der WTO und dem Weltwährungsfonds Interviews vereinbart – die wurden zwei Tage vor dem Termin komplett abgesagt. Von vier Interviews mit Vertretern der Weltbank wurden drei gestrichen, der IWF hat sich komplett geweigert, mit mir zu reden. Es herrscht eine echte Paranoia in diesen Institutionen.

Florian Opitz im Intro-Sputnik-Magazin. Auch als Podcast, zum Mitnehmen und später hören.

Der große Ausverkauf
D 2006
R: Florian Opitz; seit 17.05. in ausgesuchten Kinos