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Zhang Yimou. Kabale und Liebe

Der Fluch der goldenen Blume

Ein neuer Film von Zhang Yimou. Eine weitere historische Kostümschlacht mit großem Star-Aufgebot. Ein typisches Drama von Shakespeare’schen Dimensionen samt einem tragischen, von königlichem Blut getränkten Ende. Und doch eine Besonderheit.In den Neunzigern drehte der chinesische Star-Regisseur Auto
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Ein neuer Film von Zhang Yimou. Eine weitere historische Kostümschlacht mit großem Star-Aufgebot. Ein typisches Drama von Shakespeare’schen Dimensionen samt einem tragischen, von königlichem Blut getränkten Ende. Und doch eine Besonderheit.
In den Neunzigern drehte der chinesische Star-Regisseur Autorenfilme mit humanistischem Unterton, darunter Klassiker wie “Rote Laterne” (1991), “Leben!” (1994) und “Heimweg” (1999). Darin setzte er sich kritisch mit den Methoden der chinesischen Staatsmacht auseinander. Einige seiner Filme wurden in China von den Leinwänden verbannt. Im neuen Jahrtausend ist ein unerwarteter Bruch in seinem Werk zu verzeichnen, seit er sich auf gigantisch ausgestattete Genrefilme spezialisiert hat. Das Martial-Arts-Spektakel “Hero” machte 2002 den Anfang. Zwar wusste “Hero” mit unvergesslichen Bildern zu beeindrucken, inhaltlich wirkte er aber seltsam hohl und blutleer, ganz zu schweigen von seiner fragwürdigen politischen Botschaft. Hinter der prachtvollen Bilderflut vermuteten Kritiker eine Rechtfertigung für Tyrannei und Diktatur sowie ein Plädoyer für die Einheit Chinas um jeden Preis. Wohl nicht ganz zufällig hatte die Armee Tausende von Soldaten als Komparsen für die Dreharbeiten abkommandiert.

Zwei Jahre später folgte mit “House Of Flying Daggers” das nächste computergenerierte Effektgewitter. Wieder hagelte es fliegende Kämpfer und Dolche sonder Zahl, ästhetisch wunderbar in Szene gesetzt. Doch hinter all dem Flitter und Tand verbarg sich eine Story, die kaum mehr darstellte als die Action-Version eines Rosamunde-Pilcher-Romans.
Insofern ist Zhang Yimou mit dem jüngsten Film eine Kehrtwende gelungen. Er befindet sich eindeutig auf dem Weg der Besserung. “Der Fluch der goldenen Blume” hat vor allem einen großen Vorteil – das solide Fundament einer guten literarischen Vorlage. Das Theaterstück “Gewitter” des chinesischen Dramatikers Cao Yu spielt eigentlich in den Zwanzigerjahren. Zhang verlegte die Handlung allerdings weit zurück in die Zeit der Tang-Dynastie. “Eine Fassade aus Gold und Jade, aber darinnen krabbeln die Spinnen”, besagt ein altes chinesisches Sprichwort. Dementsprechend dient die Kulisse dieser prunkvollen Epoche als kontrastreiche Bühne für die düstere Geschichte einer zerrütteten Königsfamilie. Der König (Chow Yun-Fat), seine schöne Gattin (Gong Li) und ihre drei Söhne spinnen untereinander ein komplexes Netz von Lügen und Intrigen. Die Gattin hat nämlich eine geheime Affäre mit dem mittleren Sohn (Liu Ye) aus der ersten Ehe des Königs. Außerdem schmiedet sie mit dem Erstgeborenen (Jay Chou) Pläne, um den Gatten am Tag des traditionellen Chrysanthemenfestes vom Thron zu stürzen. Der ahnt das nahende Unheil und lässt die Königin langsam durch das Gift eines persischen Pilzes vergiften, das heimlich ihrem Heiltrank beigemischt wird. Der Krieg ist schließlich unvermeidbar.
Noch beeindruckender als die furios choreografierten Massenkampfszenen ist indes der Kampf zwischen königlicher Würde, zehrender Krankheit und nagendem Zweifel im makellosen Antlitz der Königin. Gong Li, die erstmals seit über einer Dekade wieder in einem Film ihres einstigen Entdeckers und Lebensgefährten mitspielt, liefert eine majestätische Performance. Auch jenseits der 40 besitzt sie eine geradezu außerirdische Präsenz – in ihren goldenen königlichen Gewändern mit hoch aufgetürmtem Haar sieht sie beinahe Furcht einflößend aus. Zhang weiß genau, wie er sie effektvoll in Szene setzt.
Gong Li berichtete in einem der wenigen Interviews zum Film über die Dreharbeiten: “Meine Kostümierung dauerte jeden Tag über drei Stunden. Langsam kam ich dabei in diese königliche Stimmung, und der Stierkampf konnte losgehen. Zhang war der Torero und ich der Bulle – er stach, quälte und provozierte mich jeden Tag, um mich für meine Rolle anzustacheln. Dann gingen wir nach Hause, schliefen friedlich, und am nächsten Tag ging alles wieder von vorne los.” Ein dramatischer Zweikampf, der letztendlich auch Zhang Yimou zu seinem besten Film seit Jahren angestachelt hat.