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Die Abwesenheit von Licht

David Lynch / Inland Empire

Nikki Grace (Laura Dern) ist eine erfolgreiche Schauspielerin. Kein Superstar, aber durchaus renommiert und aufgrund ihrer Heirat mit einem polnischen Mann auch leidlich vermögend. Das Paar wohnt in einer herrschaftlichen Villa mit Dienstpersonal. Nikki hat sich um die weibliche Hauptrolle in einer
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Nikki Grace (Laura Dern) ist eine erfolgreiche Schauspielerin. Kein Superstar, aber durchaus renommiert und aufgrund ihrer Heirat mit einem polnischen Mann auch leidlich vermögend. Das Paar wohnt in einer herrschaftlichen Villa mit Dienstpersonal. Nikki hat sich um die weibliche Hauptrolle in einer vielversprechenden und anspruchsvollen Filmproduktion beworben. Sie erhält den Zuschlag, die Figur der Susan Blue in “On High In Blue Tomorrows” zu spielen, der Neuauflage des deutschen Films “47”, der aus mysteriösen Gründen nie vollendet wurde. Die Freude ist groß. Doch sie währt nicht lange. Denn schon kurz nach Beginn der ersten Proben verliert Nikki ihr Gespür für Realität und Fiktion, Wahrheit und Illusion, Leben und Traum. Immer stärker verwischen die Grenzen ihrer Wahrnehmung. Mehr noch: Die Grenzen ihrer Selbstwahrnehmung, ihrer gesamten physischen und vor allem psychischen Persönlichkeit lösen sich allmählich auf.
Laura Dern ist Nikki Grace ist Susan Blue. Zum dritten Mal nach “Blue Velvet” und “Wild At Heart” hat David Lynch die blonde, aparte und Hollywood-untypische Amerikanerin mit einer weiblichen Hauptrolle bedacht. Der Meister des menschlichen Makels, des Grauens im Banalen und Alltäglichen legt bei der Zusammenarbeit großen Wert auf vertraute Seelenverwandte. So spielen diesmal auch wieder die üblichen Lynch-Verdächtigen wie Grace Zabriskie, Justin Theroux und Harry Dean Stanton in diesem Film gewordenen Albtraum mit. Selbst Naomi Watts, die seit “Mulholland Drive” ebenfalls zum inneren Zirkel gehört, leiht ihre Stimme in der Originalfassung einem von drei Hasen in einer obskuren Puppen-Sitcom, die als eine von mehreren parallel verlaufenden und nicht zwingend kohärenten Subplots verhandelt wird.


Doch “Inland Empire” ist im Grunde genommen eine One-Woman-Show, für die Laura Dern in einer gerechten Welt zumindest eine Nominierung bei den diesjährigen Academy Awards verdient hätte. Sie spielt im wahrsten Sinne des Wortes um ihr Leben, das mehr und mehr zerfasert. Noch nicht mal in seine Bestandteile, im Grunde löst sich Nikki/Susan völlig auf. Und dabei ist genau dieses irreversible Verschwinden von Identität das, was “Inland Empire” zum zwar schwierigsten, aber gleichzeitig auch hoffnungsvollsten Film David Lynchs macht. Fast scheint es so, als sei der Sechzigjährige auf seine alten Tage zum Romantiker mutiert. Beschwört er doch am gewohnt offenen Ende die unbezwingbare Macht der (Selbst-) Liebe.
Seine Filme und sonstigen Arbeiten dienen Lynch als Katalysator und regulierendes Moment der eigenen Psyche, wie im Interview deutlich wird: “Man würde doch kreuzunglücklich, wenn man eine Idee nicht umsetzen könnte. Das würde zu einem Zustand von Traurigkeit und Frustration führen. Wenn man genügend Frustration erfährt, dann entsteht irgendwann Wut und Selbsthass. Wenn man bei der Befriedigung grundlegender Bedürfnisse entweder sich selbst blockiert oder von anderen daran gehindert wird, dann wird man zwangläufig wütend. Und wütende Menschen können erfahrungsgemäß irgendwann sehr seltsame Dinge anstellen.”
Weise Worte eines weisen älteren Herrn oder küchenpsychologische Allgemeinplätze – eines ist unübersehbar: Dieser Mensch ruht in sich selbst, woran die von ihm seit Jahren praktizierte transzendentale Meditation einen nicht unerheblichen Anteil haben dürfte. Der Titel “Inland Empire” ist programmatisch für den Film, aber auch für Lynchs Weltanschauung. In der Introspektion und der Auseinandersetzung mit dem individuellen sowie kollektiven Unterbewusstsein erschließt man sich ein komplexes Reich, das als Fundament für eine stabile Gemeinschaft und Gesellschaft dienen kann. “Man sagt, dass Negativität vergleichbar ist mit Dunkelheit. Nun gut: Was ist Dunkelheit? Dunkelheit ist nichts anderes als die Abwesenheit von Licht. So, wie das Sonnenlicht jeden Morgen die Dunkelheit ein ums andere Mal vertreibt, so wird das Böse durch das Licht aus einem vereinten, reinen Bewusstsein bekämpft. Das Böse an sich existiert also gar nicht selbst, sondern nur in der Abwesenheit von etwas anderem.”