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Alte Liebe tröstet nicht

»Das Versprechen«

Der Fall erregte vor 30 Jahren einiges Aufsehen in den USA und wurde in einem spektakulären TV-Prozess verhandelt. Ein junger Diplomatensohn aus Deutschland soll die Eltern seiner damaligen Geliebten in Virgina umgebracht haben. Der Dokumentarfilm »Das Versprechen« erzählt die Geschichte der beiden, die bis heute hinter Gittern sitzen.
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Spätestens seit der Netflix-Serie »Making A Murderer« sind True Crime-Geschichten schwer gefragt. Dabei spielen die Macher der Show wie schon die Regisseure der jüngsten Netflix-Dokumentation »Amanda Knox« mit der Möglichkeit, Licht ins Dunkel eines mysteriösen Mordfalls zu bringen. Schließlich werden in jedem Gerichtsprozess letztlich bloß Geschichten konstruiert. Beweise und Indizien lassen immer mehrere Optionen zu, die reine Wahrheit gibt es nicht, auch wenn am Ende eines Prozesses ein klares Urteil steht. Damit müssen nicht nur die Zuschauer des Dokumentarfilms »Das Versprechen« klarkommen, auch die Verurteilten und diejenigen, die sie verurteilt haben, müssen damit leben. Der Film handelt von den entscheidenden Augenblicken, verlorenen Jahren und fehlenden Antworten im Leben des Jens Söring und der Elizabeth Haysom – und von der Unmöglichkeit, ihre Aussagen zu verifizieren. Beziehungsweise von der Möglichkeit, es doch zu tun.  

Der deutsche Diplomatensohn Jens Söring sitzt seit 30 Jahren im Knast – in Untersuchungshaft und als verurteilter Doppelmörder im Hochsicherheitstrakt. Nicht viel länger ist es her, dass er sich als Studienanfänger in Virginia in seine Kommilitonin Elizabeth Haysom verliebte. Eine Liebe, die Elizabeth etwas überraschend erwiderte. Heute weiß die Öffentlichkeit viel mehr über ihre kurze aber heftige Romanze, als die beiden sich in den ersten Schäferstündchen träumen ließen. Nur wenige Monate, nachdem der aufgeweckte junge Mann mit dem typischen 1980er-Nerd-Look und die aufgeweckte junge Frau mit dem Habitus einer geheimnisvollen Schönheit zusammenkamen, fand man Haysoms  wohlhabende und angesehene Eltern erstochen in deren Haus. Nach geraumer Zeit fiel ein leiser Verdacht auf Jens und Elizabeth. Grund genug für eine Flucht nach Europa, wo sie sich mit Scheckbetrug über Wasser hielten, bis sie in London auf frischer Tat ertappt wurden. Durch Briefe aus ihrem Gepäck, in deren Verlauf sie den »Tod« der Eltern durchgespielt hatten, wurde die englische Polizei in Alarm versetzt. Man rief in den USA an und erkundigte sich nach dem Wohlergehen der Haysoms. Tja.
Diese verräterischen Briefe sind es, die Jens’ und Elizabeths Geschichte bis heute wie eine griechische Tragödie erscheinen lassen – und die im Nachhinein als Spuren auf der Suche nach der Wahrheit hinter dem Verbrechen eine zweifelhafte Rolle spielen. Die beiden Hochbegabten verfassten leidenschaftliche Ergüsse ihrer Zuneigung und sparten weder an pathetischen Bekenntnissen noch an heiligen Versprechen. Tatsächlich tauchen Elizabeths Eltern darin als Endgegner ihrer Liebe auf. Aber Jens Söring sitzt nicht wegen der Poesie hinter Gittern, sondern weil er den Doppelmord noch in England gestand. Die größte Dummheit seines Lebens, wie er heute meint. Während Söring jenes Geständnis im späteren Prozess widerrief, blieb Haysom sowohl im eigenen Prozess als auch in der Rolle der Zeugin der Anklage bei einer anderen Version der Geschichte. Sie habe Jens zwar angestiftet, doch der Mörder ihrer Eltern sei ihr Ex. Und an diesem Widerspruch hat sich bis heute nichts geändert. Er bekam lebenslänglich – sie wurde zu 90 Jahren Haft verurteilt.  

Die Journalistin Karin Steinberger beschäftigt sich seit Jahren mit dem Fall. Jens Söring kämpft weiter um seine Freiheit und versucht, die deutsche Öffentlichkeit zu mobilisieren, soweit das dem Insassen einer US-Strafanstalt möglich ist. Vor Jahren besuchte Talksuse Kerner ihn und hörte skeptisch zu, wie Söring erklärte, warum er den Doppelmord einst auf sich nahm. Aus Liebe – und weil er fälschlicherweise dachte, sein Diplomatenstatus würde ihm ausreichend Immunität gewähren, um in Deutschland nach Jugendstrafgesetz verurteilt zu werden. In dem Dokumentarfilm von Steinberger und Marcus Vetter kaut Söring vor der Kamera die Story seines verpfuschten Lebens noch mal durch. Er ist verzweifelt, auch wenn er um Vernunft ringt. In Haft hat er einige bemerkenswerte Bücher verfasst, eines handelt von der Irrationalität des US-Vollzugssystems. Zwischen seinen O-Tönen gibt es Ausschnitte aus den damaligen Prozessen zu sehen. Sowohl er als auch Elizabeth Haysom haben filmreife Auftritte. Immer wieder streuen die Filmemacher Zeilen aus den Liebebriefen ein. Und man möchte als Zuschauer die Frage stellen, ob die beiden die jeweils einzige große Liebe ihres Lebens nochmals wieder sehen möchten – obwohl sie sich seit 30 Jahren gegenseitig des Mordes beschuldigen. Die Frage bleibt aus.



Auch viele weitere Fragen sind offen. Ob die vermeintliche Pro-Söring-Haltung der Filmemacher legitim ist oder nicht. Und ob nicht Elizabeth Haysom und Jens Söring beide auf freien Fuß gehören, da ihre Schuld nicht eindeutig bewiesen werden kann – wobei es freilich auch keinen eindeutigen Beweis für die Unschuld der einen oder der anderen gibt. Sicher ist bloß die Erkenntnis, dass es einem Verbrechen gleicht, Menschen so lange unter solchen Bedingungen einzusperren. Von Elizabeth Haysom, die nicht an Steinbergers und Vetters Film mitwirken wollte, kursieren im Internet Texte zum Knastalltag. Sie ist noch immer eine bemerkenswerte Autorin. Der 50-jährige Söring scheint nicht mehr an die Macht der Worte zu glauben. Es steht für ihn zu befürchten, dass ihm auch der Auftritt in »Das Versprechen« nichts nutzen wird, während Elizabeth noch auf späte Bewährung hoffen darf. So lange ihre Sicht der Dinge als Wahrheit gilt.
 – »Das Versprechen – Erste Liebe lebenslänglich« (D 2016) R: Karin Steinberger, Marcus Vetter Farbfilm Verleih; Kinostart: 27.10. 2016