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Tropa De Elite

Eine neorealistische Gratwanderung zwischen Gesellschaftskritik und Nihilismus, die bereits vor zwei Jahren in Brasilien mächtig für Furore sorgte.
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Die Moral von der Geschicht', die gibt es nicht. Das gilt jedenfalls für José Padilhas "Tropa De Elite". Eine neorealistische Gratwanderung zwischen Gesellschaftskritik und Nihilismus, die bereits vor zwei Jahren in Brasilien mächtig für Furore sorgte. Von Tim Stüttgen.

Es existiert eine lange, allerdings ungeschriebene Filmgeschichte, die sich um das innige Verhältnis von Cops und Gangstern rankt. Dort treffen die beiden antagonistischen Archetypen des postindustriellen Action-Kinos nicht nur als klassische Gegner aufeinander, vielmehr gibt es zwei Versionen zu erzählen. Eine, die auf dem Cop als Helden fußt. Und eine, die den Gangster als Anti-Helden zur Grundlage hat. Daraus entwickelten sich jene Varianten, in denen die beiden eine innige Beziehung entwickeln, die mehr auf Ähnlichkeiten als auf Unterschieden beruht.

Al Pacino und Robert de Niro in Michael Manns "Heat" (1995) sind so ein Duo, das sich besser aufeinander beziehen kann als auf den großen Rest des grauen (Ehe-) Alltags. In den letzten Jahren hat insbesondere die HBO-Serie "The Wire" erfolgreich darauf hingewiesen, dass, um Gesellschaft zu verstehen, beide Seiten gezeigt werden müssen. Anders als in "Heat" geht es in "The Wire" nicht um ein psychologisches Schachspiel zweier Meister ihres Fachs, sondern um eine ganze Stadt und deren Bewohner. "Sittenbild" hat man das mal genannt, oder "Gesellschaftspanorama". In diesem Fall eines, das die Slums von Baltimore genauso aufs Korn nimmt wie die Korruptionen des Bürgermeisters oder des Polizeichefs. Möglichkeiten der Identifikation gibt es auf beiden Seiten des Gesetzes. Wovon in "The Wire" allerdings ein Großteil entmystifiziert wird, wenn die Hälfte der circa vierzig Hauptfiguren am Ende der letzten Staffel ins Gras beißt. Selten war Kulturpessimismus überzeugender.

Mit dem brasilianischen Box-Office-Hit und Berlinale-Sieger "Tropa De Elite" (dt. Titel "Elite Squad") setzt Regisseur José Padilha in Sachen Kulturpessimismus gar noch einen drauf. Das fängt schon mit dem Protagonisten an: Capitano Nascimento (Wagner Moura) ist weder heldenhaft noch sympathisch, weder faszinierend abgründig noch radikal tiefgründig. Er ist der Kapitän der Anti-Drogen-Einheit BOPE, die in Rio de Janeiro für Recht und Ordnung sorgen soll. Sein Off-Kommentar wird uns durch den Film begleiten: Eine wenig berührende Stimme, die uns mit maskulinen Ritualen im Ausbildungscamp, überforderten Chefs und reichlich sinnlosen Morden vertraut macht. Emotional nachvollziehbar bleibt lediglich, dass er seit der Geburt seines ersten Kindes eigentlich aufhören will. Doch der Papst kommt. Es ist 1997, Johannes Paul will in keinem edlen Touristen-Viertel absteigen, sondern nahe einer mit Drogenhandel durchsetzten Favela. Dass dies für das Viertel Krieg bedeutet, ist Nascimento klar. "Der Papst darf kein Schusswaffenfeuer hören. Wir haben drei Monate, das Viertel zu räumen", erklärt sein Vorgesetzter. Nascimento nimmt die Operation in Angriff, auch wenn er sie von Anfang an ablehnt. Befehl ist Befehl.

Währenddessen sitzt Matias (André Ramiro) in der Uni. Der Polizist studiert Jura. Bei einem Referat über Michel Foucaults "Überwachen und Strafen" streitet er sich mit seinen Kommilitonen, weil sie den Staat mit einem Gefängnis vergleichen, in dem die Polizei gewaltvoll regiert. Matias ist einfühlsam und bodenständig gezeichnet, ohne naiv zu wirken. Allerdings glaubt er, dass gesetzliche und alltägliche Gerechtigkeit dasselbe sind. Erst als er sich mit seinem besten Freund Neto (Caio Junqueira) für die Elite-Einheit BOPE bewirbt, beginnt er zu zweifeln. Doch genau wie die Zweifel Nascimentos bringen seine Fragen keine Besserung, keine Erkenntnis, keine Veränderung. Vielmehr scheinen die Polizisten in "Tropa De Elite" den Dynamiken der Gewalt disziplinarisch unterworfen, selbst wenn es im Verlauf einige Tote gibt.


Die Moral von der Geschicht', die gibt es nicht. Das gilt jedenfalls für José Padilhas "Tropa De Elite". Eine neorealistische Gratwanderung zwischen Gesellschaftskritik und Nihilismus, die bereits vor zwei Jahren in Brasilien mächtig für Furore sorgte. Von Tim Stüttgen.

Schockierend an "Tropa De Elite" ist nicht nur, wie drastisch Gewalt dokumentiert wird, die Folter mit einschließt, sondern auch die Kaltschnäuzigkeit der Regie. Padilha schafft weder Helden noch Anti-Helden, lässt uns nicht in Identifikationsmuster flüchten. Die Konsequenz seines Filmes zeigt sich eher in der Absicht, nichts moralisieren, aber "alles" zeigen zu wollen. "Alles" meint hier nicht Spektakel oder pornografische Nahaufnahmen. Es meint einen generellen Stoizismus, mit dem Padilha soziale Verhältnisse zwischen Uni und Favela, Straßenkrieg und Privatem "dokumentiert" - konsequent in neorealistischer Tradition stehend, mit einer pseudo-dokumentarischen Geste, die manchmal eine minimalistische Poesie schummriger Straßenlampen und dreckiger Pfützen heraufbeschwört. Es interessiert ihn eher die von Verbrechen versetzte Struktur des Stadtraums als die einzelnen Verantwortlichen.

Interpretationshilfe oder eine parabelhafte Moralpoesie sind nicht sein Ding: Bullen und Drogenhändler erscheinen jeweils als Gruppen von Arschlöchern, die die Brutalität des Staatssystems ausagieren.



"Tropa De Elite" startete im Oktober 2007 in Brasilien und hält den Rekord für geschätzte zwölf Millionen Raubkopien, die das Land schon vor der Premiere in Aufruhr versetzten. 2,5 Millionen Kino-Besucher sicherten ihm jedoch trotzdem den Titel für den erfolgreichsten brasilianischen Film des Jahres, bevor er 2008 auf der Berlinale den goldenen Bären gewinnen sollte. Trotz des Mainstream-Erfolgs: "Tropa De Elite" ist kein einfacher Film. Selbst wenn man ihn mit dem nicht weniger blutigen brasilianischen Epos "City Of God" (2002) vergleicht, wirkt er unhip in seiner Ernsthaftigkeit, dafür aber umso konsequenter in seiner nostalgielosen Abgründigkeit, die manche als radikale Gesellschaftskritik, andere wiederum als soziologischen Nihilismus erleben mögen. Eigentlich passt beides ganz treffend als Beschreibung der Überraschung des Kinosommers.

Tropa De Elite
BR 2007
R: José Padilha; D: Wagner Moura, Caio Junqueira, André Ramiro; 06.08.