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Karneval in Bosnien

Das Leben Ist Ein Wunder

Yu/F 2004, R: Emir Kusturica; D: Slavko Stimac, Vuk Kostic, Vesna Trivalic; 16.06. Emir Kusturicas Lieblingsdarsteller sind nicht menschlicher Natur, es sind die Tiere. Obwohl seine Filme menschliche Tragödien in stets humoristisch-karnevalesker Art und Weise abhandeln, sind die (scheinba
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Yu/F 2004, R: Emir Kusturica; D: Slavko Stimac, Vuk Kostic, Vesna Trivalic; 16.06.

Emir Kusturicas Lieblingsdarsteller sind nicht menschlicher Natur, es sind die Tiere. Obwohl seine Filme menschliche Tragödien in stets humoristisch-karnevalesker Art und Weise abhandeln, sind die (scheinbaren) Nebenschauplätze stets von Tieren besetzt. In “Das Leben Ist Ein Wunder” sind dies Hunde, Enten, Geier, Pferde, vor allem aber ein Esel, der sich in seiner störrischen Allgegenwart zum Träger der allegorischen Erzählweise entwickelt, bis er am Ende des Films die Dichotomie von Utopie und Wahrheit nur in ebenjenem allegorischen Sinne – im wahrsten Sinne des Wortes – zu bremsen versteht.

Dass in diesem jüngsten Film Kusturicas Fantasie (bzw. Utopie) und Wahrheit auf eine so überzeugende Weise ineinander verschlungen sind, kann an mehreren Leitmotiven festgemacht werden: Neben dem Esel steht da an erster Stelle die Eisenbahn, die aufgrund ihrer Beschaffenheit und Historie – die Eroberung des Westens im amerikanischen symbolischen Kontext – eigentlich als Vehikel der Freiheit dienen müsste. So ist der Protagonist des Films, der Eisenbahningenieur Luka, auch ein Träumer, der kurz vor Ausbruch des Bosnien-Krieges die Möglichkeit hat, seine Freiheitsutopie zu verwirklichen. Doch statt der Bewegung gen Westen, also der Eroberung des erträumten Landes im Sinne der amerikanischen Pioniere, ist das Schienennetz ein zirkuläres, das nur der Selbstversorgung dient. Utopie und Wirklichkeit werden hier miteinander konfrontiert und durch die omnipräsente Tunnelmetapher untermauert. Wie auch immer man es dreht und wendet: Aus dem unterbewussten Gang ins Unbekannte wird stets nur die Reise in bekannte Regionen. Tritt man aus der Dunkelheit des Tunnels heraus, so erscheint aufgrund der zirkulären Struktur nur stets das Bekannte, ja, auch das Bewusste.

Eine andere recht klug gewählte, weil ungewöhnliche Allegorie ist der Fußball und dessen soziale Funktion. Das Versprechen von sozialem Aufstieg ist hier ganz eng mit Täuschungsmanövern der Regierung verbunden; trotz (von Kusturica brillant inszenierter) fantastischer Leistungen auf dem Platz ist jene Einladung, die es Lukas Sohn ermöglichen soll, als Profi beim Star-Club Partizan Belgrad zu spielen, nur ein Vorwand für seine Einberufung in den Bosnien-Krieg. Interessanterweise bleibt der ferne Fußballclub auch einer der wenigen Hinweise auf die geografische Ortung des “Landkreises”, in dem der Film spielt. Zwar weiß man, dass er an der Grenze zwischen Serbien und Bosnien liegt, denn das dient der Geschichte von Gefangenenaustausch und der unmöglichen Liebe, doch ist eine genaue Ortung unmöglich und auch gar nicht erwünscht.

Das liegt vor allem daran, dass der Ort des Geschehens, an dem sich die Liebesgeschichte Lukas zur muslimischen Krankenschwester Sabaha abspielt, ein Ort der Kunst, der Literatur und des Theaters ist und kein real existierender geografischer Platz. So sehr Kusturica in der zweiten Hälfte des Films Shakespeares berühmtes Liebespaar zitiert, so sehr lässt er sich in der ersten Hälfte Zeit, seinen Ort als einen Ort der Kunst zu bestimmen, an dem man sich nicht mehr auf realistischen Pfaden bewegt, sondern an dem alles allegorisch und reich an Metaphern sowie intertextuellen Verweisen ist. Es verwundert also wenig, wenn Luka und Sabaha plötzlich in ihrem Bett über die schöne Landschaft schweben und das Treiben (und die Eisenbahn) von oben beobachten. “Warum versuchen sie nicht, aus diesem entjungferten Märchenland zu entkommen in ihrem schwebenden Bett?” mag sich da mancher fragen. Doch die Antwort liegt auf der Hand: So wenig es der Eisenbahn möglich ist, den Weg nach Westen einzuschlagen, so wenig kann man aus dem Ort der Kunst entfliehen, denn es ist ja nunmehr ein künstlicher Ort.

Die Tiere, um auf Kusturicas liebste Figuren zurückzukommen, scheinen die einzigen Figuren dieser Märchenwelt zu sein, die sich der Irrealität ihres Schaffens bewusst sind. Als am Anfang des Films ein Küken dem Ei entschlüpft und gleich nach dieser schweren Geburt durch ein Loch im Zaun entwischt, sagt der Postbote, das Leben sei ein Wunder, womit der Ton des Films gesetzt ist, da das instinktive, wissende Handeln der Tiere von den Menschen neidisch begutachtet wird. Dass der Esel, der stets lästig die Schienen blockiert, d. h. die Menschen an ihren zirkulären Reisen hindert, am Ende als die allwissende Instanz dasteht, hat zwar leider etwas von der konstruierten Drehbuchdramaturgie eines M. Night Shyamalan zu schlimmsten “Signs”-Zeiten, jedoch nimmt es Kusturicas Film nichts vom Wunder des Lebens selbst in schlimmsten Kriegszeiten. Ein allegorischer Karnevalsreigen, der sehr lange braucht, sich zu entfalten, aber einen großen Nachhall hat.

Emir Kusturica
... zeichnet nicht nur für moderne Klassiker des osteuropäischen Kinos wie “Underground” oder “Schwarze Katze, Weißer Kater” verantwortlich, sondern drehte in den frühen 90er-Jahren in den USA mit Johnny Depp “Arizona Dream”. Trotz der Verlockungen Hollywoods zieht es der Regisseur allerdings weiterhin vor, in seiner Heimat zu drehen. Starkino
Auch wenn es auf den ersten Blick nicht so scheint: “Das Leben Ist Ein Wunder” ist großes Starkino. Mit dem angesehenen Charaktermimen Slavko Stimac, der den Luka spielt, hat Emir Kusturica schon in zahlreichen Filmen zusammengearbeitet. Vuk Kostic, Milos im Film, ist einer der beliebtesten Jungstars in Serbien, und Vesna Trivalic, die Lukas entfremdete Frau Jablanka verkörpert, ist eine der prominentesten Schauspielerinnen des neuen osteuropäischen Kinos.