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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Von der Ödnis des Glücks

Daniel Clowes im Interview

In seinen Comics wirft Zeichner und Autor Daniel Clowes einen nicht immer schmeichelhaften Blick auf Außenseiter in der Gesellschaft. Wir haben mit ihm über die Verfilmung seines Comics »Wilson«, sein aktuelles Werk »Patience« und das Schicksal der Heldinnen seines Klassikers »Ghost World« gesprochen.
Geschrieben am

Interview:
Julia Brummert

Die meisten deiner Figuren sind sehr kompliziert, um nicht zu sagen furchtbar anstrengend. Woher rührt deine Liebe zu solch schwierigen Charakteren?
Na ja, all meine Freundinnen und Freunde sind so. Nein, im Ernst, ich finde, dass Menschen, die besondere Leidenschaften und spezielle Interessen haben, dazu tendieren, kompliziert zu sein. Es ist manchmal schwierig, Zeit mit ihnen zu verbringen. Ich habe viele Freundinnen und Freunde, die besessen sind von einigen Themen, und wenn du dich nicht dafür interessierst, werden sie dich zu Tode langweilen. Wir leben in einer Welt, in der niemand irgendetwas weiß. Viele kratzen immer an der Oberfläche irgendwelcher Informationen und haben gar kein Interesse daran, tiefer zu graben und sich mit Dingen genauer auseinander zu setzen. Ich bin genau deshalb fasziniert von Menschen, die Wissen haben, das andere gar nicht interessiert. Ich glaube, dass meine Charaktere genau solche Menschen darstellen.  

Hat sich schon mal jemand aus deinem Freundes- oder Bekanntenkreis in einer der Figuren wiedergefunden?

Ach, manchmal merke ich das selber gar nicht, bevor ich das fertige Buch in Händen halte. Dann realisiere ich, wie offensichtlich es ist, wer mich zu welchem Charakter inspiriert hat. Vielleicht habe ich sogar ein Sprichwort oder Worte benutzt, die diese Personen im echten Leben nutzen. Das fällt mir aber erst auf, wenn die Arbeit abgeschlossen ist.

Was inspiriert dich noch, außer den Menschen in deinem Freundeskreis?

Das ist schwer in Worte zu fassen. Wenn ich herausfinden könnte, was mich am meisten inspiriert, würde ich einfach nichts anderes mehr machen. Für mich ist es ein Rätsel. Inspiration kommt meist dann, wenn ich am wenigsten damit rechne. Deshalb versuche ich, mich selber immer wieder in unterschiedliche Situationen zu bringen und offen zu sein für die Momente, in denen mir bewusst eine gute Idee in den Sinn kommt. Dann schreibe ich sie auf und lasse sie mir durch den Kopf gehen.

Liest du selber Comics?

Selbstverständlich. Ich habe eine große Sammlung mit allen großen Klassikern. Für mich ist weniger die Story als viel mehr Zeichenstil bei einem Comic wichtig und die Art, wie Künstler die Geschichte über die Zeichnungen erzählen. Ich habe viele Comics zu Hause, die ich mir angeschaut habe, die Worte darin habe ich allerdings nicht gelesen. Ich konzentriere mich darauf, wie die Bilder miteinander funktionieren. Es gibt einige Comics, die ich großartig finde, die ich aber nie so richtig gelesen habe. Der Story-Part ist es irgendwie nicht wert.  

Hast du eine Empfehlung?

Einer meiner liebsten Künstler ist einer der frühen Marvel-Zeichner. Er heißt Steve Ditko und hat Spider Man gezeichnet. Er hat aber auch all diese tollen Horror- und Mystery-Comcis geschaffen, bevor er sich Spider Man gewidmet hat. Die sind wirklich sehr einfach und die Plots sind ein wenig abgedroschen, aber die Art, wie die Seiten aussehen und funktionieren, ist wirklich schön und inspiriert mich sehr. 
In Deutschland ist gerade »Wilson« in den Kinos angelaufen. Als ich den Film gesehen habe, habe ich viele Änderungen im Vergleich zum Comic gesehen. Vor allem, wenn man sich Wilsons Ex-Frau Pippi anschaut, die im Film ganz anders ist als im Buch. Wie kam das?
Pippi wird im Comic komplett durch Wilsons Perspektive betrachtet, das heißt, sie ist kein bisschen ausgearbeitet, man bekommt nur einen winzigen Eindruck von ihr. Das war eine der größten Sorgen, als wir anfingen, das Drehbuch zu schreiben. Wie sollten wir aus ihr einen plausiblen Charakter machen? Erst als Laura Dern Interesse an der Rolle gezeigt hat, hat Pippi im Film Form angenommen. Wir haben sie ihr auf den Leib geschrieben. Ich glaube, das ist das erste Mal, dass ich etwas speziell für eine Schauspielerin geschrieben habe.  

Du hattest also ein Mitspracherecht, was die Besetzung von »Wilson« angeht?
Ich will das eigentlich nicht sagen, aber Autoren haben in der Regel nie ein Mitspracherecht an irgendetwas. Aber der Regisseur Craig Johnson war wirklich nett und hat mich immer angerufen, wenn es um die Casting-Entscheidungen ging. Er wollte, dass der Film etwas wird, mit dem ich einverstanden bin, einfach weil ich die Charaktere am besten kenne.  

Und, bist du einverstanden mit dem Ergebnis?

Ja, sehr. Ich kann mir zum Beispiel kaum vorstellen, wer außer Woody Harrelson für die Rolle des Wilson in Frage gekommen wäre. Es ist wirklich schwierig, ihn zu spielen, ohne die ganze Zeit bemitleidenswert und miserabel zu wirken. Das hätte passieren können, wenn wir einen Schauspieler gecastet hätten, der den lustigen Part nicht hinbekommen hätte. Dann wäre der Film kaum auszuhalten.  

Der Comic zu »Wilson« ist weniger eine stringente Geschichte als viel mehr eine Collage aus Szenen seines Lebens. Wilson sieht außerdem auf fast allen Seiten unterschiedlich aus. Er hat mal einen großen Kopf, manchmal wirkt er wie ein Mensch, manchmal eher wie eine Cartoonfigur – wieso hast du das gemacht?
Das Buch sollte sich anfühlen, wie die Erinnerung an die eigene Vergangenheit. Denn wenn man selber auf sein Leben zurück schaut, hat man auch ein immer unterschiedliches Bild von sich selber im Kopf. Man hat das Gefühl, von Jahr zu Jahr eine komplett unterschiedliche Person zu sein, zumindest geht es mir so. Man erinnert sich außerdem immer nur an die Höhe- und Tiefpunkte, an die erinnerungswürdigen Momente. Ich wollte, dass das Buch genau so funktioniert. Es gibt nicht eine Seite im Buch, die sich darum dreht, wie Wilson von einem Ort zum anderen kommt, oder etwas anderes, das die Episoden miteinander verknüpfen würde. Die Idee, Wilson immer anders aussehen zu lassen, funktioniert aber auch nur, weil das Buch eine gewisse Länge hat. Bei einer Kurzgeschichte von acht oder neun Seiten hätte das natürlich nicht gewirkt. Aber über den Verlauf von 80 Seiten verschmelzt dein Hirn alle Wilsons zusammen und du hast eine Ahnung davon, was für ein Typ er sein könnte. Als das Buch raus kam, habe ich mit einigen Menschen darüber gesprochen, dass Wilson immer anders aussieht. Sie hatten das gar nicht bemerkt, was ein bisschen merkwürdig ist.
Wie wird bei dir aus einer Idee ein ganzer Comic?
Es beginnt mit, nein, nicht mit einer Idee, eher mit einer Kleinigkeit, die mir andauernd durch den Kopf geht. Vielleicht eine Ahnung von einer Beziehung zwischen zwei Menschen oder eine Szenerie, die interessant erscheint. Das bringt mich dazu, mir etwas anderes zu überlegen, das ebenso spannend ist, und das verbinde ich dann miteinander. Das ist der Funke, mit dem es anfängt. Das kann ein wirklich starker Charakter sein, so war es mit Wilson, jemand der in meinem Kopf auftaucht, als eine lebendige, atmende Figur. Dann muss ich weiterdenken, wo kommt sie her, was macht sie, wo lebt sie jetzt? Das ist oft der Punkt, an dem sich entscheidet, ob ich damit weiter arbeiten möchte. Wenn mir langweilig wird, lasse ich es. Aber wenn die Figur und die Idee etwas an sich haben, das bei mir hängen bleibt und mein Interesse bewahrt, dann entscheide ich mich, damit zu arbeiten. Das kann immerhin vier bis fünf Jahre gehen, deshalb ist diese Entscheidung wichtig.  

Ist es ähnlich, wenn du an Drehbüchern arbeitest?

Meistens basieren meine Drehbücher ja auf etwas, was ich zuvor schon gemacht habe. Also ist der Prozess ein anderer. Ich muss herausfinden, wie ich alles zusammen bekomme. Ich muss die Geschichte zerpflücken und sie in einer anderen Form wieder zusammenfügen. Das ist wie bei einem Auto, das man auseinander baut und zu einem neuen Auto wieder zusammensetzt, dann hast du zwar die gleichen Teile, aber ein neues Auto.  

Ich habe gelesen, dass du die Begriffe »Graphic Novel« und »Literatur-Comic« nicht magst. Woran liegt das?

Ich habe aufgegeben, mich darüber aufzuregen. Aber als dieser Begriff »Graphic Novel« die Runde machte, fand ich einfach, dass das eine fürchterliche Bezeichnung für unsere Arbeit ist. Ich fand das wirklich prätentiös und unpassend, denn die meisten Comics, die als »Graphic Novel« bezeichnet werden wie »Maus« oder »Fun Home« sind keine Romane, sie sind Memoiren, was das Gegenteil eines Romans ist. Ich weiß nicht, ich sage einfach »Comic«, weil die Menschen dann nicht so hohe Erwartungen haben. Mittlerweile ist der Begriff aber so gängig, dass ich damit einverstanden bin. Ich merke das schon gar nicht mehr.  

Kürzlich ist »Patience« auf Deutsch erschienen. Du widmest dich zum ersten Mal einer Science-Fiction-Geschichte. Wie kam es dazu?

Zeitreisengeschichten haben mir schon immer gut gefallen, aber meistens mochte ich das Ende nicht. Da wird immer alles so kompliziert und dreht sich nur darum, wie paradox das Ganze ist. Die meisten Geschichten erzählen nicht, wie interessant es für die Charaktere ist, durch die Zeit zu reisen. Bevor ich mit der Arbeit an dem Buch angefangen habe, gab es eine große Retrospektive mit meinen früheren Comics und Bildern. Ich stand in der Zeit in Kontakt mit einer 30 Jahre jüngeren Version von mir selbst und musste mich damit beschäftigen, was für eine Person das war. Das hat sich angefühlt, als würde ich in der Zeit reisen, fast so, als sei zwischen meinem 22. und 52. Lebensjahr kaum Zeit verstrichen. Und dann stand ich da und die ganze Arbeit lag vor mir und so fühlte sich das Thema für mich fast unausweichlich an. Ich mag es nur nicht Science-Fiction nennen, denn eigentlich gibt es in dem Comic keine Wissenschaft. Es ist nur Fiktion, »Science« würde ich in Anführungsstriche setzen. Ich habe mir ganz bestimmt keine einzige Minute lang Gedanken darüber gemacht, wie ich Zeitreisen logisch möglich machen würde. Das wäre doch nur Zeitverschwendung. Wer braucht Details? Seit »Patience« fertig war, habe ich einige Bücher gelesen und Filme zu dem Thema gesehen und umso mehr sie es erklären, umso dümmer wird es. 
In »Patience« und in eigentlich in all deinen Büchern, sind die Liebesgeschichten immer ziemlich kompliziert, meist auch unglücklich. Wieso dürfen deine Figuren nicht einfach mal zufrieden sein?
Wo wäre denn da der Spaß? Das wäre doch wirklich schwierig zu erzählen. Die beiden Figuren in »Patience« sind eigentlich ziemlich glücklich verliebt, aber ihnen werden viele Steine in den Weg gelegt. Wenn du Freundinnen und Freunde hast, die glücklich und erfolgreich sind, willst du das doch auch nicht hören, oder? Es ist traurig, aber wahr!  

Dir wurde eine Retrospektive gewidmet und Comics wie »Ghost World« sind so etwas wie Klassiker des Genres. Wie fühlt sich das für dich an?

Das ist wundervoll! Am schönsten ist, wenn Menschen emotional auf meine Arbeit reagieren. Ich offenbare sehr intime Gefühle in meinen Comics. Dazu kommt, dass ich ganz allein am Schreibtisch sitze, wenn ich zeichne. Die Leserinnen und Leser sind meistens auch allein, wenn sie meine Bücher lesen. Das heißt, ich kommuniziere ziemlich direkt mit einer völlig fremden Person, eins zu eins. Das macht mir wirklich Freude. Ich trete selten in der Öffentlichkeit auf und rede selten mit Menschen, die meine Bücher lesen. Wenn ich es aber doch mache und die Menschen geben mir positive Rückmeldung, ist das sehr schön. Sie sagen dann oft, dass ich die netten Dinge schon zig mal gehört hätte – aber Komplimente hört man doch immer gern.  

Es gibt eine Frage, die sicherlich viele deiner Leserinnen und Leser schon lange beschäftigt. Was ist aus Enid Coleslaw geworden, der Heldin aus »Ghost World«? Am Ende der Geschichte sitzt sie in einem Bus und fährt weg. Wie würde es ihr wohl heute gehen? Gibt es eine Chance, dass wir sie und ihre Freundin Rebecca mal wieder sehen?

Es wäre wirklich schwierig, eine Fortsetzung zu schreiben, die es hinbekäme, die Besonderheit der beiden nicht auf eine gewisse Art und Weise zu schwächen. Es müsste schon etwas sein, das ihnen schmeichelt und nicht die Erwartungen der Leserinnen und Leser enttäuscht. Mir fällt da die Fortsetzung zu »Kill A Mockingbird« ein, die vor ein paar Jahren herauskam. Da wurde einer der beliebtesten Romancharaktere aller Zeiten auf einmal zum Rassisten. Nicht, dass ich Enid und Rebecca das antun würde, aber es könnte passieren, dass man sie kaputt machen würde, wenn man erzählt, was aus ihnen geworden ist. Ich müsste ehrlich sein. Ihnen einfach ein Happy End anzudichten, damit alle glücklich werden, wäre irgendwie nicht richtig. Ich würde es vermutlich gerne machen, aber vielleicht tauchen sie auch einfach am Rande von anderen Geschichten auf. Mir gefällt die Idee, meine alten Charaktere in den Hintergrund meiner neuen Comics auftauchen zu lassen.  

Also müssen wir vielleicht einfach nur genauer hinschauen.

Ich mag den Gedanken, dass es ihnen gut geht. Immerhin ist aus den Menschen, die ich kenne und auf denen Enid und Rebecca basieren, etwas Großartiges geworden.

Daniel Clowes

Patience

Release: 01.03.2017