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Lost In Transmission

Control

Anton Corbijn hat Joy Division und ihrem erratischen Sänger Ian Curtis nun ein filmisches Denkmal geschenkt. Jürgen Dobelmann beleuchtet es für uns.
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Joy Division waren schon längst Geschichte, als bei den meisten Lesern (und Redakteuren) dieses Magazins die Popsozialisation losging. Und trotzdem hat uns die Band um Ian Curtis nie so richtig losgelassen. Anton Corbijn hat ihr nun ein filmisches Denkmal geschenkt: 'Control' - und Jürgen Dobelmann beleuchtet es für uns.

"Deutschland ist das einzige Land auf der ganzen Welt, wo die Menschen glauben, Joy Division hätten The Cure kopiert. Der Rest der Welt kennt die Wahrheit."


Nur gut für uns, dass der im August verstorbene Factory-Impresario Tony Wilson in seinem letzten Lebensjahr noch darauf hinwirken konnte, dass die von ihm angeprangerte musikhistorische Schieflage hierzulande endlich gerade geklopft wird. Als Ko-Produzent des Ian-Curtis-Biopics 'Control' sorgte der Joy-Division-Entdecker dafür, dass Regisseur Anton Corbijn dem Sänger, Poeten und Über-Charismaten ein betont ernsthaftes und ästhetisch unriskantes filmisches Denkmal schuf. Kostproben des handfesten Humors, der Curtis von Zeitgenossen zugeschrieben wird, bekommt der Kinobesucher derweil nicht zu sehen. Den Mythos I.C. mit einer heiteren Note seiner profitablen Entrücktheit zu berauben wäre wohl ein zu großes Wagnis gewesen.

Südlich von Manchester


Gerade einmal 40 Minuten benötigt ein gewissenhafter Pop-Pilgerer heutzutage für die Zugfahrt mit Virgin Trains von Manchester ins etwa dreißig Kilometer südlich gelegene Macclesfield. Der unscheinbare Ort am Rande des Hochland-Naturparks Peak District, der 2004 von der Times zur "unkulturellsten Stadt Großbritanniens" gekürt wurde, zählt angesichts der Sehenswürdigkeitendichte im Norden Englands nicht gerade zu den rocktouristischen Hotspots der Region.

Dennoch übt die 50.000 Einwohner zählende Gemeinde auf Indie-Pop-Nerds eine unwiderstehliche Anziehungskraft aus. Der Grund: Neben John Squire (ehemals Stone Roses und Seahorses), Terry Hall (The Specials, Fun Boy Three, The Colourfield) und den (ehemaligen?) New-Order-Mitgliedern Phil Cunningham, Gillian Gilbert und Stephen Morris lebt auch Deborah Curtis hier. Die 48-Jährige hatte im August 1975 im Alter von 19 Jahren den etwa gleichaltrigen Ian Curtis geheiratet und ihm knapp vier Jahre später Tochter Natalie geboren. Wiederum ein Jahr später erhängte sich der Sänger, der unter epileptischen Anfällen litt, im Alter von 23 Jahren in der Küche seines Hauses in der Barton Street in Macclesfield - einen Tag vor dem Abflug zur ersten US-Tour, die seiner Band Joy Division wohl den ersehnten Durchbruch beschert hätte.

Sein Freitod sollte ihn nicht nur zur Grufti-Ikone Numero uno und die Musik seiner Band für alle Zeiten unsterblich machen, sondern war gleichzeitig auch die Geburtstunde von New Order - jener (Pop-) Band, mit der sich die drei verbliebenen Bandkollegen innerhalb weniger Jahre zu internationalen Millionensellern aufrappelten und vom NME mit dem Spitznamen "The Disco Beatles" geadelt wurden. Mit 'Control' wurde die berühmte Geschichte vom frühen Ableben des dunklen Genies (basierend auf dem Buch der Witwe: "Aus der Ferne") erstmals für ein Kinopublikum aufbereitet.

"Alle Welt denkt, ich hätte Joy Division damals in Schwarz-Weiß fotografiert, damit die Bilder besonders atmosphärisch werden. Der eigentliche Grund war aber, dass es eine Undergroundband wie sie seinerzeit sowieso nie in ein Farb-Musikmagazin geschafft hätte."
(Anton Corbijn, 2007)

Man kann anzweifeln, ob sich Anton Corbijn seiner monopolistischen Verantwortung voll bewusst ist, die er in der visuellen Ausgestaltung des Vermächtnisses des ersten Factory-Signings trägt. Neben den Fotos von Kevin Cummins (die jüngst in dem streng limitierten Fotoband 'Juvenes' veröffentlicht wurden) sind es vor allem die monochromen Bilder des Holländers aus dem Jahre 1979, die in den vergangenen zweieinhalb Dekaden die Erinnerungen an eine Band prägten, von der so gut wie kein brauchbares Live- oder gar Interview-Video-Footage existiert. Darüber hinaus hat der heute 52-Jährige, der mit seinen trademarkhaften Lichtbild-Arbeiten für U2, Depeche Mode, Nick Cave u. v. a. reich und berühmt wurde, als Regisseur des Videoclips zum 1988-ReIssue der Joy-Division-Single 'Atmosphere' 50 Prozent der existierenden Videoclips der Band maßgeblich mitgestaltet.

28 Jahre nach seinem ersten Fotoshooting mit der Band, wegen der er einst seine Heimat verlassen hatte, präsentiert Corbijn nun einen Film, mit dem er der pragmatischen Untergrund-Ästhetik seiner damaligen Fotos bedingungslos treu bleibt. Und nicht nur das: Jede Einstellung zeigt Kultperson Curtis in beneidenswert anbetungswürdiger Pose, meist inklusive Tabakwaren. Auf der Bühne, im Studio, Backstage, in der Telefonzelle, am Schreibtisch der Arbeitsvermittlungsagentur, beim Arztbesuch, im Kreißsaal, selbst bei den krankheitsbedingten Krampfanfällen - stets stellt sich die gesamte szenische Inszenierung in den Dienst der Zurschaustellung der atemberaubenden artifiziellen Pracht des melancholischen Lebensverweigerers. 'Control' ist Corbijns erster Spielfilm.

"Es ist seltsam, wenn alle sagen, dass Sam [Riley] wie Ian aussieht. Sicher, er hat die gleiche Frisur und die gleichen Klamotten, aber ICH sehe aus wie Ian - und Sam sieht MIR überhaupt nicht ähnlich!" (Ians Tochter Natalie Curtis, 2007)

Die Kritik am Casting war abzusehen. Auch wenn grobe Schnitzer wie in Michael Winterbottoms Factory-Film '24 Hour Party People' vermieden werden konnten (u. a. hatte Johnny Marr die um fünf Jahre verfrühte Peroxid-Erblondung von New-Order-Frontmann Bernard Sumner beanstandet) - viele der Charaktere leiden unter dem comichaften Overacting der Darsteller. Neben Joy-Division-Manager Rob Gretton (verstorben 1999), dem aus dramaturgischen Sachzwängen die Rolle des rüden Szene-Großmauls zuteil wurde, stößt man sich u. a. an der Eric-Idle'esken Umsetzung der Figur Tony Wilson, die sich ganz offensichtlich weit weniger an der aus unzähligen TV-Auftritten vertrauten Originalperson als an Steve Coogans '24 Hour Party People'-Comedy-Interpretation orientiert.

Allenfalls kurios nimmt sich die Tatsache aus, dass Ian-Curtis-Darsteller Sam Riley vor fünf Jahren in o. g. Film noch Mark E. Smith, den Sänger der Joy-Division-"Konkurrenz"-Band The Fall, gemimt hatte. Größter Respekt gebührt Deborah Curtis selbst, die sich trotz Ko-Produzenten-Funktion von Samantha Morton als mausiges Heimchen inszenieren ließ, während Gegenspielerin Alexandra Maria Lara in der Rolle des belgischen Edel-Groupies Annik Honoré Ian vor und nach Konzerten mit katzenhafter Erotik umgarnen darf. "Ich denke, meine Mum kommt im Film hausbackener daher, als sie in Wirklichkeit war", empfand auch Natalie Curtis jüngst. "Ich kann mich jedenfalls nicht daran erinnern, dass sie jemals so schlimme Klamotten getragen hat."

"Manchester war in den späten 70ern ein Dreckloch, ganz anders als heute. Abgase wurden kaum gefiltert, und wir hatten Smog, sodass man kaum etwas sehen konnte. Zeitweise konnte man nicht mal das Auto benutzen."
(Martin Moscrop, A Certain Ratio, 2006)

Auch wenn Joy Division stets als typische Manchester-Band herhalten müssen: Keines der Mitglieder stammt tatsächlich aus der Stadt. Zur Zeit der Bandgründung lebten Gitarrist Bernard Sumner und Bassist Peter Hook im benachbarten Salford, Drummer Stephen Morris und Ian Curtis weit außerhalb der Stadtgrenzen in Macclesfield. Kein Wunder also, dass die atmosphärische Beschaulichkeit überwiegt. Und auch das Wetter spielt fast immer mit. Immerhin ragen ab und an einige Hochhäuser Berlin-ostig in den Bildausschnitt und vermitteln so zumindest einen Hauch der erwarteten urbanen Tristesse. Dennoch fragt sich nicht nur Natalie Curtis: "Wo sind die dunklen, leeren Straßen von Manchester der 70er, die man mit der Musik und den Texten von Joy Division assoziiert? Ich hatte keine Geschichtsstunde erwartet, aber dieser Hochglanz ist enttäuschend. Wie soll das Publikum Joy Division verstehen, ohne die Umwelt der Band nachvollziehen zu können?"

"Dadurch, dass es so wenig Video-Footage von Joy Division gibt, sondern fast nur die Musik, muss man sich den ganzen Rest im Kopf selbst hinzufügen. Ich mag das, es bezieht den Hörer mit ein, er muss selbst kreativ sein. Das ist gut." (Stephen Morris, New Order, 2004)

27 Jahre lang war der Joy-Division-Hörer (nahezu) alleine mit der Musik - mit seinen Assoziationen und den Gefühlen, die die simple, todtraurige, majestätische, zornige, rätselhafte und catchy Musik auszulösen vermochte. Mit 'Control' beginnt nun eine Phase der Visualisierung der Band, von der es kein Zurück gibt. Neben dem Kinofilm, zu dem ursprünglich ein Parallel-Projekt unter Beteilung von Jamie Thraves und Moby existierte, erscheinen dieser Tage gleich mehrere Foto-Bücher zum Thema, dazu aufgepimpte CD-ReIssues der zweieinhalb Joy-Division-Alben 'Unknown Pleasures', 'Closer' und 'Still'. In Kürze folgt die Filmdokumentation 'Joy Division', die unter der Obhut von Grant Gee (Regisseur der Radiohead-Doku 'Meeting People Is Easy') und unter Mitwirkung von Punk-Biograf Jon Savage entstanden ist.

Doch keine Veröffentlichung wird das Bild des abgöttisch verehrten Sängers ab sofort mehr prägen als 'Control' - ein grandios bebildeter 121-minütiger Imagefilm zur Auffrischung der Marke "Ian Curtis / Joy Division", der allerdings einige überlieferte Wesenszüge des Protagonisten komplett ausspart. Mal ehrlich: Wer hätte nicht gerne gesehen, wie Ian vor seiner ersten Begegnung mit Liebschaft Annik vor versammelter Mannschaft backstage in den Aschenbecher uriniert? Oder wie er das Lenkrad von Stephen Morris heimlich mit Marmelade beschmiert? Oder wie er eines Morgens mit Schnittwunden an den Armen erwacht, die er sich beim Malträtieren einer Bibel mit einem Messer zugefügt hat? Auch sein von den ehemaligen Bandkollegen gerühmtes Talent, als Arrangeur den einzigartigen Sound und die Songs erst möglich gemacht zu haben, findet nicht statt. Stattdessen erlebt man Curtis nahezu ausschließlich als Opfer der eigenen Getriebenheit, der eigenen Ansprüche, seiner Krankheit, der Oberflächlichkeit seiner Umwelt und der behandelnden Ärzte.

Gleichzeitig offenbart 'Control' aber auch ein Curtis'sches Handlungsmuster, das in dieser Deutlichkeit zuvor noch nicht zu erkennen war: als Antreiber, Initiator und Anstifter der Personen seines unmittelbaren Umfelds, die er nach erfolgreicher Animierung regelmäßig völlig im Stich lässt. So überredet er Freundin Debbie früh zur Eheschließung, um sie kurze Zeit später schon zugunsten anderer Bekanntschaften links liegen zu lassen. Sein ohne Not aufgebrachter Kinderwunsch resultiert in einer Tochter, die er nach der Geburt nahezu ignoriert. Seine Bandkollegen treibt er zum Erfolg, doch am Vorabend der ersten lukrativen Konzertreise beraubt er Joy Division ihrer unangefochtenen Hauptattraktion - und Zukunft.

Ob Ian Curtis nun jenes übersensible Genie war, das an der Wucht des Lebens, einer unheilbaren Krankheit und dem aufkommenden Erfolgsdruck zerbrach, oder lediglich ein verantwortungsscheuer, unsteter Charakter, vermag 'Control' freilich nicht zu klären. Sinn und Zweck der Produktion war laut Tony Wilson sowieso ein ganz anderer: "Ich habe meinen Teil dazu beigetragen, dass der Film zustande kommt. Und wenn sich auch nur zwei weitere Menschen die wunderbare Musik von Joy Division kaufen oder sie für sich neu entdecken, dann hat sich die ganze Sache gelohnt." Wilson verstarb, ohne den fertigen Film gesehen zu haben.