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Coma

John Niven

John Niven, Autor der im Sumpf der Musikindustrie spielenden Splatter-Orgie "Kill Your Friends", widmet sich einem allseits vernachlässigten Genre: dem Golf-Roman.
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John Niven, Autor der im Sumpf der Musikindustrie spielenden Splatter-Orgie "Kill Your Friends", widmet sich einem allseits vernachlässigten Genre: dem Golf-Roman. Eine spannende Sache bis hin zum Showdown, auch wenn einem das gepflegte Putten fremd ist.

Ich bin befangen. Der Übersetzter von "Coma", Stephan Glietsch, gehört zu den ältesten "Freunden", die ich in einer verhurten Branche finden konnte. Wir haben zusammen mit anderen Spaßvögeln eine fiktive Band gegründet, deren Album in allen Musik-Gazetten des Landes besprochen wurde. Wir haben das Blaue vom Himmel gelogen, und niemand ist uns auf die Schliche gekommen. Irgendwann in den Neunzigern wechselte Glietsch, bislang Chefredakteur von Intro, zur Kölner Spex und blieb dort bis zum Berlin-Debakel Redakteur. Er ist berühmt für seine furchtlosen Reportagen und verträgt mehr, als es seine Statur vermuten lässt, was ihn z. B. in den Anfangstagen der Strokes zu deren Duzfreund machte, ein Euphemismus für Drogen-Buddy. Er ist der ideale Mann, um "Kill Your Friends" zu übersetzen. Der Schotte John Niven nämlich wusste als ehemaliger Gitarrist einer Indieband und zugleich A&R-Mann eines ungenannten Schweine-Majors, wovon er schreibt - und er schrieb eine brutalst mögliche Abrechnung mit der alten Musikindustrie, deren Anti-Held sogar den American Psycho etwas blass erscheinen lässt. Glietsch und Niven hatten sich gesucht und gefunden. Derselbe Spott mit demselben emotionalen Punch, eine gemeinsame Liebe zur Aus- und Abschweifung, verschwendete Jahre voller Musik und Drogen - ein Bund fürs Leben.

Aber GOLF?! Ich mache mir Sorgen. Auf Mails reagiert Glietsch nicht, die gemeinsamen Freunde haben nichts Konkretes zu vermelden. Vielleicht schleicht er noch über die "Greens" (Golfplätze) dieser Welt oder besucht eins der "Majors" (die vier wichtigsten Golfturniere der Welt). Weil solche Klammerbemerkungen extrem nerven und die Freiheit, Fußnoten zur Kunstform zu erheben, leider Autoren wie David Foster Wallace oder Mark Z. Danielewski vorbehalten bleibt, übersetzt Glietsch diese Begriffe auf die einzige mögliche Art - na? Genau: gar nicht. Hat ihn bestimmt viel Arbeit gekostet: das Gezicke im Lektorat, die Selbstachtung, Erinnerungen an Kapitän Rinderherz, die ganze Kacke. Als Zusatzlektüre sei also das Golflexikon empfohlen. Am besten ausdrucken und hinten ins Buch legen. Denn "Coma" ist, ich warne noch mal ausdrücklich, ein Golf-Roman.

Für lebensfreudige Stadtbewohner schwer vorstellbar, ist das knapp vierhundertseitige Buch dennoch vor allem ein großer Spaß. Denn unser Protagonist ist alles andere als ein Meister des Sports. Vielmehr ist Golf so etwas wie der Fluch, der über seinem Leben hängt und Gary eine Erniedrigung um die andere beschert. Bis er einen Unfall hat. Als Folge der Hirnverletzung neigt er fortan zu unkontrollierbaren Ausbrüchen von Obszönität, kämpft mit einer Dauererektion und wird zum zwanghaften Wichser. Dafür spielt er wie ein junger Gott respektive ein alter Pro, was ihn wiederum für das örtliche "Open" qualifiziert (Offene Meisterschaften, an denen sowohl Amateure als auch Professionals teilnehmen können). Dort nimmt das Unheil zu unserer grenzenlosen Freude einen besonders energischen Lauf, und in einem explosiven Finale findet Gary schließlich zu sich. Weil sein Bruder ein Kleinkrimineller mit Herz ist, seine Frau wiederum eine geldgeile Schlampe, die den örtlichen Teppichbaron zum Mord treiben will, kommt auch das Drama nicht zu kurz. Es präsentiert sich in Gestalt eines fein ausgespielten Treppenwitzes. Lustiger kann Golf kaum sein ...


John Niven - Coma (Heyne, 400 S., EUR 12)