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Wunden gibt es immer wieder

Colson Whitehead über »Underground Railroad«

Das Trauma der Sklaverei reißt nicht nur eine Wunde in die US-amerikanische Gesellschaft der Gegenwart, sondern auch in die europäische. Und Rassismus und Apartheid spielen in Colson Whiteheads mehrfach ausgezeichnetem Roman »Underground Railroad« nur vordergründig eine historische Rolle. Wolfgang Frömberg sprach mit Whitehead über Leben und Schreiben im Kapitalismus. 
Geschrieben am
Colson Whitehead passt ganz gut in die Kulisse des Excelsior Hotel Ernst. In diesem einzigartigen 5-Sterne-Etablissement am Kölner Dom wird Zuvorkommenheit groß geschrieben. Buchstäblich jeder Wunsch wird den Gästen von den Lippen abgelesen, seien es auch nur die Bedürfnisse zweier Journalisten, die einen bekannten Schriftsteller in den Räumlichkeiten des Hotels interviewen möchten. Andererseits wirken der Portier und die übrigen Bediensteten auf charmante Weise verkleidet, und das Interieur sowie der übergroße Weihnachtsbaum in der Lobby sind irgendwie aus der Zeit gefallen. Ähnlich wie in den Büchern Colson Whiteheads oder in einem Film von Wes Anderson erahnt man jeden kleinen Trick, der hinter der Inszenierung steckt.

Whitehead, Jahrgang 1969, der beim Schreiben am liebsten Postpunk hört, debütierte Ende des letzten Jahrtausends mit einer einfallsreichen Detektivgeschichte namens »Die Fahrstuhlinspektorin« (Original: »The Intuitionist«). Die New York Times lobte den Roman einst überschwänglich. Colson Whitehead erkennt das Zitat aus dem Jahr 1999, das ich ihm vorlese. Es besagt, dass der Ruf eines Literaten nicht vorhersehbar sei wie die Fahrtrichtung eines Fahrstuhls, dass Whiteheads Name aber auf dem Weg sei, sich in den oberen Regionen der literarischen Welt zu etablieren, sofern es dort Gerechtigkeit gebe. Die »Intuition«, so mein Kalauer zum Warmwerden, habe den Kritiker der New York Times offenbar nicht getäuscht, als er einst diese Prophezeiung machte. Schließlich kassierte Whitehead für sein jüngstes Werk »Underground Railroad« sowohl den National Book Award als auch den Pulitzer Preis.
Die Geschichte des mehrfach ausgezeichneten Romans ist allerdings weniger lustig, wenn sie auch einen aberwitzigen Zug in sich trägt. Die Handlung spielt zur Zeit der Sklaverei und ist angelehnt an die wirklichen Begebenheiten um ein Helfer-Netzwerk, das Sklaven im 19. Jahrhundert bei ihrer schier unmöglichen Flucht aus der Gefangenschaft unterstützte. Diese »Underground Railroad« wird in Whiteheads Roman zur tatsächlichen Eisenbahn, die in einem Tunnelsystem verkehrt. »Die Idee basiert auf meiner kindlichen Vorstellung der Metapher des legendären Netzwerks«, erklärt Whitehead. Einige deutsche Kritiker haben ihm diese Idee übel genommen, genau wie sie die Methode kritisierten, dass sich der Autor in seinem Szenario gezielt von historischen Fakten entferne.

Whiteheads Heldin, die Sklavin Cora, begibt sich auf eine Reise durch verschiedene Staaten, in denen jeweils ein ganz spezielles gesellschaftliches Klima herrscht. Auf einer ihrer Stationen wird gar an einer »Endlösung« der Sklavenfrage gearbeitet – und Cora versteckt sich, in Anlehnung an das Schicksal Anne Franks, auf einem Dachboden.

»Jeder Afroamerikaner bekommt den Rassismus in den USA täglich zu spüren«, erklärt Colson Whitehead. Doch seine Roman-Konstruktion baut er nicht einfach vor der eigenen Haustür auf, um mit ihrer Hilfe den Schmutz unter der US-Fassade aufzudecken. In »Underground Railroad« erscheinen Rassismus und Apartheid als Verbrechen der Gegenwart mit einer langen historischen Tradition, die sich nicht auf die USA beschränken lässt. Die Schilderungen sind teils drastisch. Besonders schwer sei es ihm nicht gefallen, sich in einen Typen wie den brutalen Sklavenjäger Ridgeway zu versetzen, dessen Perspektive großen Raum einnimmt. »Es ist als Schriftsteller meine Aufgabe, mir die Gedanken anderer Leute anzueignen«, so Whitehead. Der gebürtige New Yorker hat offensichtlich keinen Bock, sich auf »schwarze Themen« festlegen zu lassen, auch wenn die Titelhelden seiner Romane meist Afroamerikaner sind, die sich in einer rassistischen Gesellschaft behaupten müssen. Whitehead betont die künstlerische Freiheit: »Ich kann schreiben, worüber ich möchte, und bin nicht verantwortlich für politische Literatur!« Wer würde das bestreiten wollen?

Mit »Underground Railroad« hat er ein echtes literarisches Ungetüm geschaffen. Das Buch ist Coming-of-Age-Roman, Liebesgeschichte, Steampunk-Fantasy, feministische Ermächtigung und politischer Kommentar auf das Trump’sche Amerika sowie die Festung Europa. Mindestens. Als roter Faden zieht sich die Kritik am Kapitalismus durch Coras Roadtrip. Whitehead fasst den Aspekt des Bildungsromans zusammen: »Der Kapitalismus bringt eine neue Form der Sklaverei mit sich, vor der auch der moderne Sklaventreiber selbst nicht sicher ist. Cora begreift das früh, denn sie lernt sehr schnell.« Für die reine Opferrolle ist ihm seine Heldin also zu schade. Das heißt aber nicht, dass Cora ihr Trauma jemals überwinden wird. Es ist die traurige Erkenntnis einer unbequemen Geschichte, deren Kettenrasseln und Peitschenhiebe lange nachhallen.

Colson Whitehead

Underground Railroad: Roman

Release: 21.08.2017