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USA 2003

Coffee And Cigarettes

»Was ich noch zu sagen hätte, dauert eine Zigarette und ein letztes Glas im Steh’n.« (Reinhard Mey) Ob Jim Jarmuschs Idee zu dieser Kompilation von erzählerischen und darstellerischen Kabinettstückchen wohl auf Nicholas Rays hysterischen Western ›Johnny Guitar - Wenn Frauen Hassen‹ (1954) zurüc
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»Was ich noch zu sagen hätte, dauert eine Zigarette und ein letztes Glas im Steh’n.« (Reinhard Mey)

Ob Jim Jarmuschs Idee zu dieser Kompilation von erzählerischen und darstellerischen Kabinettstückchen wohl auf Nicholas Rays hysterischen Western ›Johnny Guitar – Wenn Frauen Hassen‹ (1954) zurückgeht? Darin stellt Sterling Hayden lakonisch fest: »Aber was braucht ein Mann schließlich wirklich? Bloß eine Zigarette und eine Tasse Kaffee.« Dass das nicht die ganze Wahrheit ist, muss Sterling Hayden Minuten später am eigenen Leib erfahren. Doch für Jim Jarmusch funktioniert dieses minimale Setting als Erzählrahmen wunderbar: Interessante Menschen, Promis und deren Images miteinander konfrontieren, sie reden, schweigen und sich vergiften und dabei die Kamera laufen lassen.
Dass das nicht die ganze Wahrheit ist, davon berichten die insgesamt elf Episoden, die die 96 Minuten ›Coffee And Cigarettes‹, Update 04, ausmachen. Drei dieser Episoden sind älter, sie gelten als veritable Indie-Klassiker, wurden zwischen 1986 und 1993 gedreht und auch schon als Triptychon separat veröffentlicht. Jarmuschs ursprünglicher Plan war, jedes Jahr einen dieser entspannten Kurzfilme nach gleich bleibenden konzeptuellen Regeln zu drehen, damit sie einmal zu einem abendfüllenden Spielfilm zusammengefasst werden können. Nach 18 Jahren ist dieser Plan aufgegangen, aber nur, weil Jarmusch die letzten sechs Episoden Anfang 2003 binnen zweier Wochen abgedreht hat. Nachdem ›Episode 3‹ (›Somewhere In California‹) 1993 in Cannes die Goldene Palme für den besten Kurzfilm bekommen hatte, drehte Jarmusch die Filme #4 und #5 an einem einzigen Tag in New York.
Natürlich geht es in ›Coffee And Cigarettes‹ nicht nur um den übermäßigen Konsum legaler Drogen, sondern vor allem um Kommunikation und Sprache, um Erwartungshaltungen und Enttäuschungen, um Täuschungen, Verletzungen und Lebenslügen, um Zahnarztbesuche, Tesla-Spulen, Stardom, Gesundheit, Elvis’ bösen Zwillingsbruder, Ahnenforschung und um den Trost, der in der Musik geborgen ist. »Ich bin der Welt abhanden gekommen, mit der ich sonst viele Zeit verdorben, sie hat so lange nichts von mir vernommen, sie mag wohl glauben, ich sei gestorben«, wird einmal gesungen. Das ist die Vertonung eines Rückert-Liedes von Gustav Mahler. Und die beiden älteren Herren, die wir beim Zuhören beobachten dürfen, sind die Avantgarde-Ikonen Bill Rice und Taylor Mead. Womit wir bei der Qualität und der Schwäche von ›Coffee And Cigarettes‹ wären: seiner Besetzung.
Wie großartig wäre dieser Film wohl, wenn Jarmusch seinen ursprünglichen Plan des alljährlichen Drehens einer Episode realisiert hätte? Hätte er doch unter der Hand vom Kommen und Gehen der Popmoden erzählt! Davon bleiben Fragmente: Gerade die alten Episoden sind unfassbar gealtert. Benigni, Waits, Iggy Pop – braucht es mehr Gründe, um einen Film zu meiden wie der Teufel das Weihwasser? Gibt es – abgesehen von Lou Reed und Sting – uncoolere Typen? Erinnert sich noch irgendjemand an Joie und Cinqué Lee? Spike Lees Geschwister? Erinnert noch jemand die Bedeutung, die Spike Lee 1989 hatte? Als in ›Cousins?‹, der subtilsten Episode des Films, Alfred Molina einen Anruf von »Spike« erhält, denkt der wunderbar blasierte, aber ignorante Steve Coogan an Spike Lee. Dabei sind wir doch längst bei Spike Jonze! Es gibt in ›Coffee And Cigarettes‹ viel Licht und viel Schatten. Die 95er-Episoden ›Ren...e‹ und ›Problems‹ sind schlicht überflüssig, die White Stripes präsentieren sich zu Iggy Pops Version von ›Louie Louie‹ als neurotische, langweilige Nerds, also wenig überraschend. Den Film selbst machen solche Schwächen nur stärker, weil sie die Zeitgebundenheit von Jarmuschs Darsteller-Präferenzen betonen. Wenn die Teetrinker RZA und GZA vom Wu-Tang Clan auf den Kaffeejunkie Bill »Who you gonna call? Motherfucking Groundhog Day« Murray treffen, wird Pop ebenso als Gedächtniskraftwerk präsent gemacht, wie der Auftritt von Bill Rice und Taylor Mead auf Jarmusch-Anfänge in der New Yorker No-Wave-Szene verweist. Bedenkenswert ist auch die Vielzahl der Auslöschungen und Leerstellen (John Lurie, Eszter Balint, Johnny Depp, Joe Strummer, »Screamin’« Jay Hawkins, Neil Young etc.). In den späten Episoden nimmt Jarmusch der schieren Kontinuität des Erzählens ihr Gewicht, indem er Motive deutlicher und sorgfältiger verknüpft und so offen für intertextuelle Resonanzen sorgt: das Ungesunde des Konsums von Kaffee und Zigaretten, die Idee vom Schneller-Träumen, die Erde als Leiter akustischer Resonanz, die Verwechslung von fast gleich lautenden Vornamen als Signal äußersten Desinteresses. In diesem Sinne ist auch der Soundtrack – von Henry Purcell über das Modern Jazz Quartett bis hin zu Tommy James And The Shondells – produktiv. Auch hier läuft die geschmäcklerische Erzählmaschine Jarmusch auf Hochtouren. Der traurigste Song des Films stammt natürlich von Gustav Mahler, den traurigsten Satz bekommt Cate Blanchett gesagt: »I’m sorry there is no smoking in the lounge.« Was soll bloß aus uns Männern werden!

Coffee And Cigarettes
USA 2003
R: Jim Jarmusch; D: Bill Murray, Tom Waits, Iggy Pop, Alfred Molina, Steve Coogan u. v. a.; 19.08.