×

Lieber Leser, bitte wähle deinen Ansprechpartner aus:

Fragen an die Redaktion

Werbung auf Intro.de

Werbung im Intro Magazin

Intro Abo

Fragen zum Vertrieb

×

INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Bemerkungen zu einem verdammt queeren Stück Theater

Cheap Blacky

Als das Publikum den restlos ausverkauften Saal des Hebbel-Theaters betritt, hat "Cheap Blacky" schon angefangen. In exaltiertem Englisch referiert eine Akademiker-Schwuchtel an einem Vortragspult an der Seite der Bühne endlos ausgedehnt analytischen Gossip: Fassbinder und Pasolini, Schauspielerinne
Geschrieben am

Als das Publikum den restlos ausverkauften Saal des Hebbel-Theaters betritt, hat "Cheap Blacky" schon angefangen. In exaltiertem Englisch referiert eine Akademiker-Schwuchtel an einem Vortragspult an der Seite der Bühne endlos ausgedehnt analytischen Gossip: Fassbinder und Pasolini, Schauspielerinnen-Diven und ihre Liebhaber, Camp und Politik, die 70er-Jahre ... Dieses ausgestellte Sprechen des akademischen Nerds wird in den nächsten Minuten der Soundtrack zu den schattenhaften Betätigungen auf der in blaues Licht getauchten Bühne sein. Wir befinden uns im Kreise einer bürgerlichen Familie mit Vater, Mutter, Sohn und einem großen, farbigen Hausmädchen. Dann wird ein Koffer hereingetragen, aus dem ein nackter Hustler entsteigt.


Der überraschende Gast als Fremdkörper der Familie und produktiver Virus, der alle verdrängten Begehren aufbricht und damit die selbst-unterdrückerische Gemeinschaft durch eine sexuelle Katharsis heilt - das Thema aus Pasolinis Film "Theorem" (1968) gibt Bruce LaBruce die Struktur seiner so modernen wie queeren Interpretation, die auf eine andere Kunstfilmreferenz der gleichen Ära trifft: Fassbinders "Whity" (1971). "Whity" ist Fassbinders einziger Western, ein Südstaaten-Musical, das hier nicht nur viel Raum für die grandios lustigen Songs bildet, sondern in "Blacky" umbetitelt wird. Und das nicht zuletzt für den Star des Stückes, die afroamerikanische Drag-Queen-Ikone Vaginal Davis, die allein durch ihre Anwesenheit das weiße Bürgertum mit dem historischen Anderen der Sklaverei konfrontiert und als so glamouröses wie devotes Hausmädchen zum vielleicht noch viel subversiveren Fremdkörper der bürgerlichen Community wird.

Bruce LaBruce hat zu den filmhistorischen Einflüssen gesagt: "Alle diese Filme entstanden in einer Periode großen politischen, sozialen und sexuellen Aufbruchs, einer Ära der Entmantelung des Status quo als Zeugnis des Todeskampfes der letzten verbliebenen Unschuld aus den unterdrückten und selbstzufriedenen Fifties und dem Anfang der Sixties. Dieser historische Moment hat mich immer angezogen, als alte Formen und erzählerische Gewohnheiten aufgebrochen und erschöpfte Mythen entmystifiziert wurden."

Für dieses Set-up hat der kanadische Regisseur offensichtlich die richtige Truppe gefunden. Neben dem Zeichner, Model und Künstler Christophe Chemin oder der auch auf der Bühne aktiv die SchauspielerInnen umfrisierenden Make-up-Tunte Tanh Bin Nguyen bildet besonders das Berliner Performance-Kollektiv Cheap Klub den irren Kern der Besetzung. Vermutlich ist es ein gewöhnlich blöd-deutsches Phänomen, dass Cheap Klub außerhalb Berlins noch wenig bekannt ist. Seit die Gruppe um Daniel Henricksen, Marc Siegel und Susanne Sachsse 2002 queere, psychedelische Partys veranstaltet hat, ticken für alle, die dabei waren, die sexuellen Uhren etwas anders.

"Cheap Blacky" grenzt an eine Sensation. Insidern wird das Repertoire aus postpornografischen Gesten, Drag, queeren Befreiungsversprechen, Musical-Camp und schwuler Hipness teilweise bekannt vorkommen. Doch all diese Ingredienzien auf der Theaterbühne konsequent und smart bis zum Anschlag überlappen zu lassen, das hat man selten gesehen. Am Ende von zehn Mini-Akten steht eine fast spirituelle Befreiung, die brillant albern inszeniert ist und glücklicherweise auch die Überladung all der Zitate, Bilder und Diskurse in einer vielschichtigen Klimax auflöst. Das Publikum klatscht und lacht, ist geschockt und staunt - was bleibt ihm auch übrig. Drei ausverkaufte Vorstellungen und weitere in Hamburg, Zürich und Wien lassen sogar auf ein Follow-up hoffen. Der heterosexuellen Langeweile des Kulturbetriebs wäre es zu wünschen.

Hier geht es zum Hauptartikel.