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Die »Untenrum-Arbeiterin«

Charlotte Roche über »Feuchtgebiete«

Das ganze Leben ist Splatter! Findet zumindest Charlotte Roche, die unter dem Pflaster keinen Strand, sondern offene Wunden sucht. In ihrem Roman »Feuchtgebiete« geht es hart zur Sache. Wolfgang Frömberg traf die Autorin in ihrer Kölner Lieblingsbar Elektra.
Geschrieben am
Charlotte Roche ist »Untenrum-Arbeiterin«. Wer das noch nicht wusste, kennt womöglich nur ihre andere Hälfte aus dem Musikfernsehen, wo sie ihre Karriere als Role-Model des starken Mädchens – stets mit Rock über Hose und losem Mundwerk – begann. Oder aus anderen Formaten, mit denen sie ihre TV-Karriere nach dem Ende der Sendung »Fast Forward« bzw. des kompletten Kanals Viva2 fortsetzte, bis sie sich mal wieder selbstbewusst mit den Programmverantwortlichen überwarf. 

Vielleicht habt ihr auch nur die im Netz kursierende Aufzeichnung jener Session gesehen, während der sie mit Roger Willemsen, Mieze und anderen Prominenten »Wahrheit oder Pflicht« spielt; laut Charlotte Roche »das sexuellste Spiel überhaupt«. Oder ihr habt sie schon ansatzweise als Wissenschaftlerin erlebt – durch ihre Lesungen über »Penisverletzungen« und anschließende Diskussionen. Wusstet ihr, dass Charlotte Roche ein gewisser Mut zur Hässlichkeit attestiert wurde, als sie es bei der Vorstellung eines von ihr erfundenen Dammmassage-Apparats in der »Harald Schmidt Show« wagte, einen falschen Schneidezahn aus dem Mund zu nehmen? So, als mache die Lücke sie weniger schön, aber dafür umso bezaubernder. Und wüsstet ihr das alles zusammen, wärt ihr dann nicht der Meinung, sie sei eine ganz und gar entwaffnende Persönlichkeit?

Wenn die »Untenrum-Arbeiterin« Charlotte Roche bezüglich ihrer Steckenpferdchen jenseits der Gürtellinien sowie unterhalb ranziger Heftpflaster berichtet – frei von der Leber weg, wie sich das einem Abgesandten der schreibenden Zunft gegenüber ziemt –, spricht sie von dem Bretterverschlag, den andere um sich und ihre Wunden und Neigungen, Fantasien und Obsessionen bauen (etwa so, wie reiche Leute ihre Domizile ummanteln, damit ihnen kein Habenichts auf die Pelle rücken kann). Sie selbst ist eine Neugierige, die über Zäune springt oder Löcher hinein bohrt, um denen, die dahinter in Deckung gehen, an die Wäsche langen zu können. Aber gut, das hatten wir eh schon geahnt mit all unserem Wissen über Charlotte Roche. (Was wir eher nicht wissen: Wie spricht man ihren Namen richtig aus?) 

Nach der Lektüre ihres Debütromans »Feuchtgebiete« stellt sich aber die Frage, ob auch die Autorin die Charlotte Roche ist, dir wir zu kennen glaubten. Beziehungsweise, wie nahe jene Charlotte Roche und Helen Memel sich eigentlich stehen. Helen ist nämlich die Protagonistin der »Feuchtgebiete« und legt mit einem intimen Geständnis los, das unsere sensible Seite beim Lesen gleich vor den Kopf stoßen könnte: »Solange ich denken kann, habe ich Hämorrhoiden.« Gelogen. Eigentlich ist das gar nicht das Erste, was sie sagt.

Helens Geschichte beginnt mit einer anderen Offenbarung. So naiv wie wahrhaftig. Sie wolle ihre Eltern wieder in ein gemeinsames Bett stecken, wenn sie pflegebedürftig seien und sich nicht dagegen wehren könnten, schickt das Scheidungskind der Erzählung voraus. Die spielt dann bis zum Schluss im Krankenhaus. Wahrhaftig ist die Präambel deshalb, weil wir Helen als Tabubrecherin kennenlernen, die von A wie Arschloch bis M wie Muschi keine Gefahrenzone auslässt, in der es für sie selbst und ihre Autorin – aber auch das lesende Publikum – unangenehm bzw. peinlich werden kann. Haben wir es mit einer Aufschneiderin zu tun, die alle behaupteten sexuellen und selbst verstümmelnden Praktiken lediglich erfindet, weil sie nicht mal im Zwiegespräch mit ihrer inneren Stimme ehrlich sein kann? Dann wäre die geäußerte Absicht tatsächlich das einzig Wahre an Helens Story. Oder haben wir es einfach mit einer tapferen, einsamen Göre zu tun, die sich die Welt malt, wie sie ihr gefällt, um sie nicht ertragen zu müssen, wie sie nun mal wirklich ist? Dann wäre ihr Plan bloß der wahre Kern. Der Masterplan von Charlotte Roche jedenfalls ist zunächst ein anderer gewesen: Sie hatte ein Sachbuch in Sachen Körperpolitik verfassen wollen. Doch erschien ihr das sinngemäß zu autoritär und didaktisch. So wurde Helen Memel geboren.

Helen Memel ist keine Heldin, wie sie sonst im Buch steht. Ein trauriges Kind wohl, aber kein Kind von Traurigkeit. Mit (post-) feministischen Manifesten oder konventioneller Chick-Lit haben Roches »Feuchtgebiete« kaum Gemeinsames. Sie triefen vor Blut und Körperflüssigkeiten, Liebe tritt nicht einmal am Horizont dieses Alltagssumpfs als echte Möglichkeit auf, und seelischer Schmerz erscheint neben all den offenen Stellen, in denen Helen sich suhlt, als Lappalie. Aber wer glaubt, die »Untenrum-Arbeiterin« Charlotte Roche provoziere Missverständnisse um der Provokation willen, sieht sich getäuscht. Ihre hartnäckige écriture automatique zeugt von Forschergeist, der sich mit oberflächlichen Betrachtungen und billigen Schockeffekten nicht begnügt. 

Man muss verstehen, dass ihrem Roman alltägliche Provokationen vorausgehen. So steht die im Lauf der Handlung ausgeklammerte Gesellschaft – Helen ist voll und ganz auf ihren Body fixiert – für den gesellschaftlich entwickelten Zwang zum individualistischen Körperkult. Erst das Regime der herrschenden Moral treibt Helen Memel wie viele andere in die Vereinsamung und den merkwürdigen Stolz auf ihre abartigen Ticks. Wo bitte ist die Tür nach draußen?

Die Motivation zum Schreiben sei »Wut« gewesen, so Charlotte Roche. Wut auf die Mär vom Sex, der nicht dreckig ist; Wut auf das Bild antiseptischer, rasierter Frauenkörper. Für alle, die mit diesem Bild nicht einverstanden sind, die es weder erfüllen können noch wollen, ist jeder Ausgang verriegelt. Der Schutzwall, von dem Charlotte Roche anfangs sprach, wird sozusagen zum Sarg, in dem sich das tägliche Leben isoliert abspielt. Das Krankenhaus markiert für Roches Figur Helen so etwas wie einen Neuanfang. Zunächst überredet sie den Pfleger Robin, Fotos von ihrer Arschwunde zu schießen. Am Ende entflieht sie mit Robin dem Gefängnis – ohne dass die Autorin, Lenkerin ihrer Geschicke, es mit dem Happy End allzu sehr übertreiben würde. Ein befreiender Schrei ist mehr als genug. Scheidungsbälger lernen schließlich von klein auf, dass jede erwachsene Beziehung bloß eine Zwischenstation ist (auch wenn gut funktionierende Patchwork-Familien den kindlichen Blick in die Zukunft etwas rosiger gestalten können, wie nicht nur die Autorin meint). 

Unter diesem zeitgenössischen Gesichtspunkt interessant ist, dass das Manuskript der »Feuchtgebiete« von einem Verlag, der sich die Pflege deutschsprachiger Popliteratur auf die Fahnen schreibt, wegen des angeblich pornografischen Inhalts abgelehnt wurde. 40 Jahre nach 1968 – und der »sexuellen Revolution« der Sixties! Bei Nutznießer Dumont wird man sich jetzt noch die Finger nach dem abgefahrenen Text von Deutschlands bekanntester Splatter-Feministin lecken; viele weitere Lektoren klatschen der Prosa der »Untenrum-Arbeiterin« Beifall. Auch wir strecken die Waffen – und sähen sie gerne ganz oben auf der Bestseller-Liste.

Charlotte Roche

Feuchtgebiete

Release: 17.01.2018