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Die Geschichte hat keinen Bart

Chaim Lubelski im Gespräch

Chaim ist eine ganz besondere Type: Alt-Hippie, Dauerkiffer, Schachkünstler, Ex-Millionär, jüdischer Gelehrter. Ein Mensch, wie er im Buche stehen sollte. Elkan Spiller porträtiert ihn in dem Kinodokumentarfilm »L’Chaim – Auf das Leben!« Wolfgang Frömberg hat ihn in Antwerpen besucht. Fotos: Hannah & Joel
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Als mich der Zug aus Köln in Antwerpen ausspuckt, sind die Gespräche über die Griechenland-Krise verklungen. Sämtliche Europa-Beamte sind bereits in Brüssel ausgestiegen, wo sich die Verhandlungspartner die Nacht um die Ohren geschlagen haben. Mittlerweile kennen wir das Ergebnis der nächtlichen Diskussionen. Griechenlands Ex-Finanzminister Varoufakis berichtete davon, welchen Druck die deutsche Delegation um Wolfgang Schäuble bis in die Morgenstunden ausgeübt habe, um die Politik der Sozialkürzungen im griechischen Staat voranzutreiben.

Der Mann, wegen dem ich nach Belgien reise, muss sich keine Sorgen um seine Kohle machen. Chaim Lubelski war mal Millionär und hat sein Vermögen an der Börse verloren. Aber es ist ihm egal, wie viel Geld er hat. Das behauptet er nicht nur in Elkan Spillers Dokumentation »L’Chaim – Auf das Leben!«, sondern wiederholt es auch während der drei Stunden, die ich mit ihm in der flämischen Diamanten-Metropole verbringen werde. Ich glaube ihm sofort. Mit den klammen Griechen verbindet ihn dennoch etwas: Deutschland hat sein Schicksal drastisch beeinflusst. Nicht nur, weil er in Regensburg geboren wurde und eine Weile in München gelebt hat. Chaim Lubelskis Großeltern wurden im Dritten Reich ermordet, Mutter und Vater haben die Konzentrationslager Peterswaldau und das aus »Schindlers Liste« bekannte Plaszów überlebt. Der einzige Grund für ihre Verfolgung bestand darin, dass sie Juden waren.
Chaim Lubelski sucht nicht die Öffentlichkeit. Aber nachdem ich den Trailer des Films »L’Chaim – Auf das Leben!« gesehen hatte, wollte ich ihn unbedingt kennenlernen. Auch die belgischen Fotografen Hannah & Joel, die wir für die Story angefragt hatten, waren gleich begeistert: »Jemand müsste ein Buch über ihn schreiben«, schlugen sie vor. Dabei kann er jene Abenteuer, die sich in seine Gesichtszüge eingeschrieben haben, am besten selbst wiedergeben.
Chaim Lubelski ist Jahrgang 1947, also fast siebzig Jahre alt, ein paar Zähne fehlen, die Hüfte macht Zicken, ansonsten ist er munter wie eine Biene im Frühling. Allerdings kommt er beim Reden manchmal mit den Stationen der eigenen Biografie durcheinander. Das liegt wohl daran, dass er seit 1968 dauernd bekifft ist. Manchmal muss er sich wie eine Biene fühlen, die in die Rauchwolke des Imkers geraten ist.

Zwei Stunden zuvor hatten Hannah und Joel ihn getroffen, jetzt erwarten sie mich am Antwerpener Bahnhof. Ihre Bäckchen strahlen vor dem Hintergrund des grauen Julitages. Chaim Lubelski hat das Foto-Shooting ebenfalls Spaß gemacht, bloß kann man seine Wangen unter dem Bartgestrüpp nicht leuchten sehen. Mit der Mütze und den Zotteln sieht er aus wie Fidel Castro. Obwohl der kubanische Revolutionär ebenfalls recht gut Schach spielen konnte, wäre er in einer Blitzpartie gegen Lubelski wahrscheinlich chancenlos geblieben: Chaim ist ein Meister der 64 Felder, ging Ende der Sechzigerjahre nach St. Tropez, wo er mit Liebhabern des königlichen Spiels um Geld zockte. Als Hippie, der die Tora studierte, lebte er am Strand. Anders gesagt: Ein gläubiger Beatnik, der mit Schachfiguren dichtete. Später wollte er sogar Schachweltmeister werden. Und das ist nur eine der Episoden aus Chaim Lubelskis Leben, die sich tatsächlich gut in einem Buch machen würden. Seine tiefe Religiosität war aber einer der Gründe, warum es nicht geklappt hat: Zu viele entscheidende Partien fanden am Sabbat statt.

Chaim vagabundierte nach seiner Ausbildung in einer jüdischen Londoner Schule um die Welt. Es zog ihn Richtung Frankreich und Israel, später schmuggelte er Haschisch aus Afghanistan und machte Schlagzeilen als Rabbinersohn im Knast. Wenn man der örtlichen Tagespresse vom 21. September 1972 glauben darf, verdankte er Fidel Castros Kumpel Ernesto Rafael Guevara de la Serna seinen Spitznamen »Che«, vermutlich einfach deshalb, weil er für die bürgerliche Gesellschaft ein Schreckgespenst darstellte. Das klang etwa so: »Im Regensburger Pop-Underground nimmt Chaim Lubelski eine besondere Stellung ein. In den letzten Monaten war das Atelier Jean in der Rote-Hahnen-Gasse sein Stammlokal. Dort erzählte Che Chaim jedem, dass er der größte Regensburger Haschischdealer sei ...« Auch mit dem Pop-Mainstream kam der Che von Regensburg in Berührung: Lubelski hätte beinahe mal eine Freundin von Jerry Hall geheiratet, sagt er, und auch der Entdecker von Grace Jones zählt zu seinen Bekannten. Den bereits erwähnten Haufen Geld verdienten sein Bruder Ushi und er durch florierenden Handel mit Levi’s-Jeans.



Für das Interview setzen wir uns in einen Falafelladen im jüdischen Viertel. Lubelski wechselt locker zwischen englischer, deutscher, jiddischer und hebräischer Sprache. Mit dem Verkäufer verabredet er sich für halb vier zur Beratung. Dann öffne die Wall Street und als sein Tippgeber müsse er das Gespräch mit mir kurz unterbrechen, erklärt er. Chaim fügt hinzu, dass die Börse dem Spielcasino ähnele, die Spekulation dort allerdings more sophisticated sei. »Ich bin spielsüchtig«, meint er. Sein guter Rat an mich: »Fang erst gar nicht damit an.« Das Essen könne er dagegen sehr empfehlen.  Lubelski bestellt nichts. Er dreht einen Joint, während ich Falafel futtere. Treibende Kraft hinter »L’Chaim – Auf das Leben!« sei Regisseur Elkan Spiller gewesen, sprudelt es aus ihm hervor. Spiller ist Chaims Cousin. Schon vor Jahren habe der angefangen, ihn zu filmen. Die Aufnahmen seien im fertigen Werk nicht zu sehen. Na ja, wenige Szenen aus den USA und der Zeit des Jeans-Handels schon, erinnert er sich plötzlich. Er habe »L’Chaim – Auf das Leben!« aber auch nur einmal angeschaut.  Fest steht: Aus dem zunächst geplanten Porträt eines unangepassten Individualisten entstand ein Kurzfilm über ihn und seine Mutter Nechuma Lubelski. Schließlich wurden daraus teils durch Crowdfunding finanzierte 90 Minuten – mit dem Leitmotiv des von einer Generation zur nächsten übertragenen Kriegstraumas. Der Film dokumentiert die »Gegenwart der Vergangenheit«, wie Chaim Lubelski es in einer Szene formuliert. 

Über sieben Jahre dauerten die Dreharbeiten, aber Chaims Geschichte beginnt viel früher: »Mein Vater litt an Tuberkulose. Mit sechs Jahren wurde ich losgeschickt, um für ihn Morphium aus der Apotheke zu holen«, erzählt Lubelski. An der Krankheit scheiterten Pläne einer Übersiedlung der Familie nach Amerika. Der feste Glaube des Vaters, der Chaim prägte, geht zurück auf ein gespenstisches Erlebnis im Konzentrationslager Plaszów. Dort erschoss der berüchtigte Lagerkommandant Amon Göth immer wieder wahllos Häftlinge. Eines Tages wurde Wolf Lubelski zum Tod durch Erhängen verurteilt. Man führte ihn an Göth vorbei, der auf seinem Pferd saß und Wolf erkannte, weil der gelernte Handwerker mehrfach Reparaturen für ihn erledigt hatte. Wolf Lubelski wurde auf der Stelle von dem brutalen SS-Mann begnadigt. Für Chaims Vater ein göttliches Wunder.  

Als der Vater 1999 starb, zog Chaims Mutter Nechuma zu ihrer Tochter Lotti nach Antwerpen. Auch Chaim blieb in Belgien, kümmerte sich Tag und Nacht um Nechuma – bis zu ihrem Tod vor fünf Jahren. Einfühlsam beobachtet Elkan Spiller den Alltag der Mutter-Sohn-Beziehung: Frühstück, Ausflug ins Grüne, Gespräche über die Vergangenheit. »Iss erst mal, dann kannst du vom KZ erzählen«, ermahnt er seine »Mutti« an einer Stelle. In jedem Moment des Films liegen Komik und Tragik eng beieinander. Ein gemeinsames Leben in Jerusalem scheiterte, weil die alte Dame die israelische Hitze nicht vertrug. Nun ist Chaim pleite und kann nicht mehr fort. Aber er möchte Antwerpen sowieso ungern verlassen, weil er regelmäßig zu Nechumas Grab im benachbarten Holland fährt.  

Wir bewegen uns vom Falafelladen aus mit der Straßenbahn zu der Wohnung, in der Chaim Lubelski seine Mutter betreut hat. Eine Nachbarin begrüßt er auf Französisch. Die Fische im Hof werden heute zum zweiten Mal gefüttert, Fütterung Nummer eins fand für die Fotografen statt. Chaim wohnt jetzt alleine hier. Die Miete könne er nicht mehr bezahlen, aber ein »Jude mit großem Herz« unterstütze ihn finanziell, sagt er. Das Bett der Mutter ist seit ihrem Tod unberührt, Lubelski schläft auf einer alten Schaumstoffmatratze. Aus dem Fernseher dröhnen Börsennachrichten, neben dem Schachbrett liegt ein Foto aus den Achtzigerjahren, das ihn an der Seite des jüdischen Schachgenies Michail Tal zeigt. Durchs Schachspiel habe er sogar Antisemiten von ihren Vorurteilen abbringen können, erklärt Lubelski. Von dem Film und der anstehenden Kinotour in Deutschland erhoffe er sich eine ähnliche Wirkung. Nach einer ersten Vorführung in München, so erzählt Regisseur Elkan Spiller später, sei eine Frau auf Chaim zugekommen, um ihm einen Heiratsantrag zu machen. Die Antwort dürfte jener fröhliche Fantasieausruf gewesen sein, mit dem er während unseres Treffens in Antwerpen alles Mögliche kommentierte: »Kuckeruh!« Bevor wir die Wohnung verlassen, drückt Chaim Lubelski mir ein Buch als Geschenk in die Hand. »Deutsche Geschichte«. Eine Geste ohne Bitterkeit oder Anklage, aber voller Herzlichkeit und bestimmt nicht ohne klugen Hintergedanken. Dann begleitet er mich zurück zum Bahnhof.





– »L’Chaim – Auf das Leben!« (D/NL/F/IL/B 2015; R: Elkan Spiller; Kinostart: 27.08.15) 
Kinotour mit Chaim Lubelski und Elkan Spiller. Termine unter www.mindjazz-pictures.de/kinotermine