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Schönheit gegen den Schmerz

Catherine Meurisse über »Die Leichtigkeit«

Als am 7. Januar 2015 zwei islamistische Attentäter die Redaktion von »Charlie Hebdo« stürmten, war Zeichnerin Catherine Meurisse zufällig spät dran und überlebte. Jetzt hat sie mit »Die Leichtigkeit« eine Graphic Novel über ihre Erfahrungen veröffentlicht. Wir haben ihr dazu ein paar Fragen gestellt.
Geschrieben am

Interview:
Julia Brummert

Insgesamt 12 Menschen fielen dem Anschlag auf »Charlie Hebdo« am 7. Januar 2015 zum Opfer, viele weitere wurden verletzt. Die Zeichnerin und »Charlie«-Redaktionsmitglied Catherine Meurisse kam an diesem Tag durch einen Zufall zu spät zur Arbeit, konnte sich verstecken und überlebte so. »Die Leichtigkeit«handelt von diesem Tag, die Zeit danach und dem Versuch, das Trauma, den Schock und die Trauer zu überwinden.
Mit »Die Leichtigkeit« veröffentlichen Sie zum ersten Mal einen Comicband in Deutschland. Erzählen Sie uns bitte ein wenig über sich, wie sind Sie professionelle Zeichnerin geworden?
Ich habe an der Universität Literatur studiert, bevor ich an die Pariser Kunsthochschule gewechselt bin, an die Ecole Estienne und die Ecole des Arts décoratifs. Zu Beginn dachte ich nicht daran, Pressezeichnerin oder gar Comic-Autorin zu werden, ich träumte eher davon, illustrierte Bücher zu machen, wie Gustave Doré etwa, ein etwas aus der Zeit gefallener Traum... Das Pressezeichnen hat sich zufällig ergeben: ich gewann einen von der Ecole Estienne ausgeschriebenen Zeichenwettbewerb, und die Jury, die sich aus »Charlie›-Zeichnern zusammensetzte – Honoré, Tignous und Jul – lud mich in die Redaktion des Magazins ein. Ich nahm an, gleichermaßen begeistert wie verschüchtert. Das war 2001, ich war 21 Jahre alt. Das ausschließlich männlich besetzte Zeichnerteam war hocherfreut, die Tore des Magazins für ihre erste zeichnende Kollegin zu öffnen. Jedoch habe ich Sorge getragen, mein Studium abzuschließen und habe mich dem Team erst 2005 angeschlossen. 

Wie gestaltete sich die Arbeit bei »Charlie Hebdo« für Sie?
An der Seite der »Charlie«-Zeichner zu arbeiten, das war als zöge man Siebenmeilenstiefel an: Ich lernte, schnell zu zeichnen, effizient, Zurückhaltung abzulegen. Die Grenzen zwischen Zeichnung und Journalismus waren durchlässig, ich habe aus allem geschöpft, was mich umgab, meine Neugier wurde pausenlos angestachelt. Parallel dazu habe ich auch Comics gemacht. Comicerzählungen zu machen war wie eine Erholung, es ermöglichte mir, mich zwischendurch von der hässlichen, bedrängenden politischen Aktualität abzuwenden. Ich habe immer darauf geachtet, mich nicht auf nur eine Schublade eingrenzen zu lassen, ich mag es, Brücken zu schlagen zwischen künstlerischem Handwerk und den Künsten, und diese Absicht findet sich im Kern aller meiner Comicalben. In »Die Leichtigkeit« ist die Kunst, mehr noch als die Literatur, ein gewichtiger Verbündeter, und ich hatte bis dahin ihre Heilkraft noch niemals mit solcher Intensität wahrgenommen.

In Frankreich ist »Die Leichtigkeit« bereits im April 2016 erschienen, seither haben Sie viele Interviews gegeben und Promo-Arbeit leisten müssen – und jetzt an dieser Stelle erneut. Wie gehen Sie damit um, dass Sie die Geschehnisse des 7. Januar 2015 immer wieder durchleben müssen?
»Die Leichtigkeit« zu schreiben und zu zeichnen, »Die Leichtigkeit« zu veröffentlichen, »Die Leichtigkeit« zu teilen und darüber zu sprechen, das hat dazu beigetragen, dass es mir besser geht. Es musste immer über eine künstlerische Verarbeitung nachgedacht werden, um das durch den 7. Januar verursachten Trauma zu überwinden. Das habe ich getan indem ich dieses Album machte. Heute, da das Buch veröffentlicht ist und ich häufig gebeten werde, darüber zu sprechen, achte ich darauf, dass die Zeit, die ich darauf verwende, nicht umfangreicher ausfällt als die für meine künstlerische Arbeit. Über dieses Ereignis zu sprechen ohne gleichzeitig auch kreativ zu sein, ist undenkbar, das Wort allein vermag keine Lösung zu sein.
Wie waren die Reaktionen der Leserinnen und Leser von »Die Leichtigkeit« bisher?
Sie waren überwältigend, die Leser haben »Die Leichtigkeit« als ein Buch des Aufbegehrens, des Widerstehens begriffen, als eine Abhilfe für Kummer und Melancholie, aber auch als ein Buch voller Humor. Ich hatte nicht erwartet, dass es das in diesem Maße vermitteln könnte. Zu Beginn wusste ich nicht einmal, dass meine Zeichnungen zu diesem Buch führen würden, ich verspürte vor allem das vitale Bedürfnis, zu zeichnen um meine Haut zu retten. Ich fürchtete sogar, meine so sonderbare Geschichte würde schwierig zu verstehen sein. Am Ende stellt sich nun das ganze Gegenteil heraus, und das ist sehr gut so, denn es bedeutet einerseits, dass mein Zeichnen über mich selbst hinausgeht – wenn eine Zeichnung ihren Autor überrascht, heißt das, dass sie ihre Kraft zurückgewonnen hat – und andererseits, dass es eine Gemeinschaft von Menschen gibt, für die Schönheit eine Zuflucht darstellt, und Freiheit erstrebenswert ist.

Während man die »Die Leichtigkeit« liest, ist man hin- und hergerissen zwischen Lachen und Weinen. Es tat weh und trotzdem ist dein Buch voller Stärke und Ermutigung. Wie schaffen Sie es, so eine Balance zu erreichen?

Ich habe selbst gelacht und geweint, als ich es gezeichnet habe. Diese Emotionen zu verspüren und sie in diesem Buch niederzuschreiben, war ganz wesentlich: diese Emotionen bewiesen mir, das ich noch lebendig war. Nach dem Anschlag, und trotz des Schocks, hat mich der Humor nie verlassen. Er findet sich in meinem Buch aus mehreren Gründen: zuallererst, weil Humor Teil meiner DNA ist, er ermöglicht es mir, mich der Realität zu stellen. Das Lachen aufzugeben hätte bedeutet, gänzlich zu sterben. Das Lachen ist eine Verneigung vor meinen ermordeten Freunden, die so gerne lachten und zum Lachen brachten. Auch ermöglicht es mir der Humor in »Die Leichtigkeit«, nicht im Pathos zu versinken, den Lesern nicht mein Leiden aufzubürden. »Die Leichtigkeit« ist nicht der Bericht über einen Anschlag, das Buch bietet ein Mittel gegen den Schmerz an, das sich aus drei simplen Zutaten zusammensetzt: Humor, Schönheit, Freundschaft.

Philippe Lancon hat das Editorial geschrieben, voller starker und liebevoller Worte. Er selbst wurde bei dem Anschlag auf »Charlie Hebdo« verletzt, hat jedoch überlebt. Wie haben die anderen »Charlie«-Kollegen auf »Die Leichtigkeit« reagiert?

Die Leichtigkeit erzählt davon, wie ich bemüht bin, mich mit Schönheit zu umgeben, um wieder zu mir zu kommen, und für mich ist Philippe Lançons wunderbar ausgefeiltes Schreiben integraler Bestandteil solcher Schönheit. Niemand sonst als er konnte das Vorwort zu diesem Album schreiben. Er hatte selbst schon in einigen seiner im Krankenhaus entstandenen Chroniken, die dann einige Wochen nach dem Anschlag in »Charlie« erschienen, die Schönheit angesprochen. Ich hatte das als ein Zeichen aufgefasst. Natürlich habe ich »Die Leichtigkeit« dem Team des Magazins vorgestellt. Sie haben mir nach der Lektüre des Albums ihre Gefühle anvertraut. Das Buch ist wie eine große Versammlung, alle tauchen sie darin auf, explizit oder andeutungsweise: die Toten, die Verletzten, die Lebenden.  

Nach dem Anschlag auf »Charlie Hebdo« gab es eine internationale Welle der Solidarität. In Ihrem Buch liest es sich so, als stünden Sie dieser Anteilnahme kritisch gegenüber.

»Kritisch« ist nicht das rechte Wort. Der Schock des Anschlags hat uns wie auf einen fremden Stern geschleudert, alles was sich von da an um uns herum zutrug – Solidarität, Vereinnahmung, Reaktionen von Seiten der Politik und so weiter– erschien uns surreal. Es entzog sich unserem Verständnis. Sicherlich war ich überwältigt von der Solidarität, die sich um uns herum zeigte, und das beschreibe ich auch im Album, aber ich halte mich nicht mit diesen Geschehnissen auf, ich konzentriere mich weiter auf den persönlichen Belang des Ereignisses. Die nationale und internationale Bedeutung hat mich nicht berührt, mein überlastetes Gehirn im Schockzustand konnte nichts damit anfangen.
Im vergangenen Jahr gab es, vor allem in Deutschland, sehr viele Diskussionen darüber, wie weit Satire gehen darf. Als Künstlerin und vor allem als ehemaliges Mitglied einer so polarisierenden Redaktion wie der von »Charlie Hebdo«, wo ziehen Sie die Grenze?
Soweit es mich betrifft, gibt es da keine Grenzen: die Arbeit des Künstlers besteht darin, über das hinauszugehen, was gemeinhin gedacht oder gesehen wird. Wenn Satire verstört, dann umso besser, das spricht dafür, dass man Gefühle empfindet, Betroffenheit, es zeigt dass man lebendig ist. Eine satirische Zeichnung, sofern sie gut ist, ist das Ergebnis einer Reflexion, sie ist eine Sichtweise, die dem Leser angeboten wird, und keine Aggression. Wenn ein Zeichner »zu weit« geht, das heißt auf törichte Weise zu Hass oder gar Mord anstachelt, so gibt es das Gesetz, das ihn in die Schranken weist. Das Gesetz, nicht die Kalaschnikows.

Sie haben die Redaktion von »Charlie Hebdo« verlassen. Was haben Sie nun vor?

Ich widme mich jetzt dem erzählenden Comic. Die Pressezeichnung bekümmert sich ausschließlich um Hässlichkeiten, muss stets unter Zeitdruck entstehen, sie kann mir nicht behilflich dabei sein, zu gesunden. Im Gegenteil, ich empfinde es so, dass es die Zeit ist, die ich mir nehmen kann um meine Bücher zu machen, dass sie es ist die mich in Stand setzt, mich wieder aufzubauen, meinen Kummer zu mildern, nach und nach die Narbe des 7. Januar verschwinden zu lassen. Mein nächstes Comicalbum wird sich um die ländliche Gegend drehen, wo ich aufgewachsen bin, in Westfrankreich. Meine Alben haben immer auf humoristische Weise von der Welt erzählt, in der wir leben, aus einem durch Kunst und Literatur geprägten Blickwinkel. Es gibt noch, auch davon ist in »Die Leichtigkeit« die Rede, eine weitere Herangehensweise, Gewalt auf Abstand zu sich selbst zu halten, und die ich weiter vertiefen möchte: unser Verhältnis zur Natur.

Catherine Meurisse

Die Leichtigkeit

Release: 20.12.2016