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Kopftuch und Liposuktion

Buchkolumne

In Deutschland fungiert das Kopftuch als leerer Signifikant, der wahlweise mit Unbildung, der Unterdrückung der Frau, islamischer Fortschrittsfeindlichkeit und Terrorismus gleichgesetzt werden kann
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Nicht nur in Sofia Coppolas Amerika, auch im osttürkischen Kars nehmen sich junge Mädchen das Leben. Orhan Pamuk erzählt in seinem Roman "Schnee" (Carl Hanser Verlag, 512 S., EUR 25,90) von Frauen, die eher Hand an sich legen, als auf ihr Kopftuch zu verzichten. Als man der Anführerin der rebellischen Turbanmädchen vorschlägt, im Namen aller muslimischen Feministinnen an eine westliche Zeitung zu schreiben, antwortet sie eisig: "Ich möchte niemanden repräsentieren. (...) Ich möchte nur mit meiner eigenen Geschichte, allein, mit allen meinen Sünden und Fehlern den Europäern gegenübertreten."

In Silke Scheuermanns "Stunde zwischen Hund und Wolf" (Schöffling & Co., 172 S., EUR 17,90) trifft eine Frankfurter Journalistin ihre beneidete schöne Schwester wieder. Erinnerungen an die Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper unterbinden die Wiedersehensfreude: "Ich war gerade sechzehn Jahre alt geworden. Ich hatte gelesen, alle Teenager in Amerika tun es, und am liebsten hätte ich gleich alles gemacht, hätte am liebsten alle unter dem Fachbegriff Liposuktion aufgezählten Gliedmaßen behandeln lassen, Oberschenkel, Taille, Oberarme."

Pamuks und Scheuermanns literarische Varianten des Weiblichen haben auf den ersten Blick nicht das Geringste gemein. Während sich die eloquente türkische Kopftuchträgerin selbstbewusst gegen die Autorität des laizistischen Staates stellt und über Fragen feministischer Identitätspolitik reflektiert, fühlt sich die Frankfurterin wie "die x-fache Spiegelung eines vor Jahren beendeten Lebens". Die eine versteckt ihr Haar, die andere pusht ihr Selbstbewusstsein mit kurzen erbsengrünen Röcken. Es hieße, die Möglichkeiten der Literatur überzustrapazieren, fasste man die beiden Romanfiguren als realistische Repräsentantinnen ihrer Herkunftsländer auf - und doch bildet sich in den Frauen die türkische respektive die deutsche Geschlechterordnung ab.

In Deutschland fungiert das Kopftuch als leerer Signifikant, der wahlweise mit Unbildung, der Unterdrückung der Frau, islamischer Fortschrittsfeindlichkeit und Terrorismus gleichgesetzt werden kann. Die Kulturwissenschaftlerinnen Christina von Braun und Bettina Mathes warnen in "Verschleierte Wirklichkeit. Die Frau, der Islam und der Westen" (Aufbau Verlag, 476 S., EUR 24,95) vor Kurzschlüssen: Eine unter die Burka gezwängte und aus dem Klassenzimmer vertriebene Afghanin ist anders zu bewerten als eine iranische Studentin, die sich einer feministischen Grassroots-Bewegung anschließt. Eine ukrainische Zwangsprostituierte ist nicht unbedingt freier als eine verschleierte muslimische Politikerin. Akribisch zeigen die Autorinnen, dass das westliche Bedürfnis nach Entschleierung von "Orientalinnen" in schwülen kolonialistischen Haremsfantasien wurzelt und eine Ordnung des Blicks reproduziert, die den Mann zum Betrachter, die Frau aber zum Objekt der Betrachtung stempelt. Auch das feministische Engagement gegen den Schleier hat seine Tücken: "Indem die westliche Frau in der Orientalin die kulturell ›andere‹ erblickt und sich dieser ›anderen‹ im Gestus der Überlegenheit zuwendet, wird es ihr (...) möglich, die Position des universellen Subjekts zu besetzen." Mithin lässt die Bemitleidung der Verschleierten die westliche Gleichberechtigung vollkommener erscheinen, als sie ist. Seitdem Delacroix die Französische Revolution als barbusige Barrikadenkämpferin dargestellt hat, fasst man weibliche Nacktheit in Europa als Zeichen der Befreiung auf. Kopftuch und Suizid mögen im Kampf für Geschlechtergleichheit keine probaten Mittel sein, der Bikini ist es auch nicht - Bulimie und Liposuktion dämpfen den Glanz, in dem die Freiheit des Westens erstrahlt.