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Berlinale 2008

Bruce LaBruce

Neues vom Gott des Queer-Kinos: Maurice Delgado berichtet anlässlich der Berlinale von den Dreharbeiten zum Zombiefilm 'Otto: Or Up With Dead People'.
Geschrieben am
Dieser Tage kann man sich ein ganz gutes Bild davon machen, was die frühen Vertreter des New Queer Cinema heute so treiben. Während wir gespannt auf Todd Haynes' Dylan-Biopic 'I'm Not There' warten (mehr dazu in Kürze), feiert Bruce LaBruce' 'Otto; Or Up With Dead People' auf der Berlinale 2008 Premiere. Maurice Delgado berichtet von den Dreharbeiten und wirft anschließend ein Blick auf das anstehende Festival in der Hauptstadt. Tim Stüttgen besuchte die Aufführung von LaBruce' gefeiertem Theaterstück 'Cheap Blacky'.

Nur ein paar Hundert Meter entfernt vom Schlesischen Tor sind die Wege verstaubt und dreckig. Kein Set muss künstlich errichtet werden. Eine Papier-Recyclingfabrik an der Spree in Berlin-Kreuzberg dient als Kulisse. Es sind die letzen Aborte der Post-Industrieästhetik, die von den Malls und Arenen auf der gegenüberliegenden Uferseite konterkariert werden.

Wir sind zu früh, alles wirkt verlassen und bewegungslos. Dann das erste Bild vor einer maroden Lagerhalle: Otto, der Zombie, isst einen Salat im provisorisch eingerichteten Cateringbereich. Er sieht müde und abgekämpft aus, untot-morbide eben. Um ihn herum bilden junge, poshe Boys und Girls einen stylishen Müllkinderbund: Es ist das Filmteam von Bruce LaBruce, über 20 Leute.

Langsam nimmt das hektische Treiben zu. Der Charme der Improvisation im ruinösen Ambiente entfaltet sich. Morgens war bereits in einem Schlachthof gedreht worden. Die Strapazen stehen LaBruce ins Gesicht geschrieben. Kurze, freundliche Begrüßung. "How is it? Fine!" Dann geht es los.

Nicht das erste Mal, dass der kanadische Filmemacher in Berlin dreht. 'Skin Flick', den es auch als Hardcore-Version mit dem Titel 'Skin Gangt' gibt, wurde 1998 gedreht. Schon lange, bevor die Kleinkunstfalle der subversiven Queerkultur in Berlin zuzuschnappen drohte, hatte Bruce LaBruce Berlin auch als strategischen Ort gewählt. Das liegt nicht nur an der Produktionsfirma Wurstfilm seines Freundes und Produzenten Jürgen Brüning, sondern auch an der ästhetischen Entscheidung, andere Pornos jenseits des Mainstream zu produzieren. Solche, die in der Tradition des amerikanischen "Underground Porn" und experimentellen Kunstfilms der 60er-Jahre stehen. Die werden nicht im Studio, sondern häufig an öffentlichen Schauplätzen verwirklicht.

Berühmt wurde LaBruce durch seinen Film 'Hustler White'. Seitdem ist viel Zeit vergangen. Und Bruce LaBruce sieht sich manchmal selbst als Gefangener eines Genres, zu dem er eine Hassliebe entwickelt hat. Porno scheint seine Baustelle, sein Metier, das er nicht verlassen will und kann. Nicht postmoderne Verspieltheit, sondern die spezifische Dynamik des Sexuellen als implizit politischer Faktor ist Bruce LaBruce' Beitrag zu einer Theorie des Körpers im Film. Schließlich geht es ihm immer auch um eine andere Pornografie, die die Ökonomien der Pornoindustrie bekämpft.

"I don't care about what's going on in Afghanistan, I care about my orgasm", hieß es in 'The Raspberry Reich'. Oft wurde Bruce LaBruce allein in die Tradition sardonischer Sexploitation-Streifen gestellt. Aber er ist auch Seismograf politischer Bewegungen, wenn er sagt: "Jede revolutionäre Bewegung funktioniert über eine starke Sexualisierung." Porno ist kein schockierendes Überschreitungsgenre mehr, sondern eine ausdifferenzierte Kultur unter vielen, die, so zeigte es die Berliner Konferenz "Post-Porn" im Oktober 2006, auch neue Avantgardemodelle hervorbringt und alte Fragen neu beantworten möchte. Bruce LaBruce erscheint selbst als Figur des Übergangs. Vom Gay-Punk zur Pornobejahung zur Pornokritik im Modus eines neuen Feminismus zum Film.

Daneben ist er Porno-Stil-Ikone und Flaneur, arbeitet als Fotograf und Journalist für Magazine wie Butt oder das C Magazine. Er schweift umher, und das nicht nur als weltläufiger Queer-Rebell, als Pendant des kosmopolitischen Kulturbürgers. Sondern vor allem als aufmerksamer, fast zärtlicher Beobachter der anderen. Unvergessen sein Interview mit Gus Van Sant über dessen 'Elephant' im Butt Magazine vor einigen Jahren.

Am Set werden die Bewegungsabläufe der Schauspieler gestellt, Mikros verteilt. Die Kamera diktiert den Weg. Es ist eine kreisförmige Bewegung. Alte DDR-Schulbücher quellen aus den Abfalltonnen der Papier-Recyclingfabrik. Bücher wie 'Die Geschichte der kommunistischen Partei' werden zur Lektüre der Crew während der Pausen. Die Hitze macht allen zu schaffen. Das Stöhnen der Beteiligten ist asynchron. Doch hier gibt es gerade das perfekte Licht - fern der Kunstlichtsonne.

Wir sind Zeugen einer dramaturgisch nicht unwichtigen Szene: Medea (Katharina Klewinghaus) spricht auf ihrem Spaziergang durch den Müll eine Ode auf die Aborte unserer Konsumgesellschaft. Und Bruce LaBruce agiert als Souffleur, um die Brüche ihres nahezu ewig andauernden Monologs über den Wegwerfwahn der Welt im Allgemeinen - und Amerikas im Besonderen - aufzuheben. Amerika produziert sehr viel Müll, es sind Millionen von Fußballfeldern jeden Tag. Und da kommt Medea etwas ins Stottern bei dieser Passage. Vielleicht denkt sie an Al Gore, sodass die Übertragung misslingt.

Die sexualpolitische Dimension des schwul-lesbischen Films spielte schon in den ersten frühen Super-8-Filmen von LaBruce eine Rolle, in denen er die Obsessionen für das Pornografische an eine eigene Bilderästhetik band. In Toronto war LaBruce in den 1980er-Jahren Teil der entstehenden Gay-Punk-Bewegung, die aufgrund ihres Außenseiterdaseins die Massenkultur bekämpfte.

Der Zusammenhang von visueller Orchestrierung und pornografischer Ikonografie fand seinen grundsätzlichen Kompositionsplan dann Ende der 1980er-Jahre im damals entstehenden New Queer Cinema. Neben LaBruce zählen u. a. Derek Jarman, Todd Haynes, Gus Van Sant dazu. Dass dieses Kino eine Reaktion auf die Krise klassischer Konzepte der Identitätspolitik war, mag man schon nicht mehr wiederholen. Das Genre hat sich gewandelt und in unterschiedliche Subgenres aufgeteilt.

Während Medea am Set umherschweift, erinnere ich mich an ein graues und milchiges Herbstlicht, das durch die Fenster der Volksbühne in Berlin zu dringen versucht. Bruce LaBruce hielt einen Vortrag auf der "Post-Porn"-Konferenz. Frei und spontan. Sehr nachdenklich präsentierte er sich dort, verlieh seiner Traurigkeit über eine von ihm kürzlich besuchte Pornomesse in Barcelona Ausdruck: "A feeling of being displaced." Achtzig Prozent der dort ausgestellten Pornowaren samt PornodarstellerInnen seien tatsächlich nur mit dem Zerrbild einer auf Kommerz und Ausbeutung basierenden Pornoindustrie zu fassen gewesen. Darin öffnen sich nur sehr kleine Fenster für andere Praktiken. Auch die Pornoindustrie ist zombifiziert.

Wir sehen Otto (Jey Crisfar) in den unblutigen Augenblicken des Films. Ist er ein gestylter Gothic-Zombie? Oder entspricht er doch dem von LaBruce favorisierten Look eines stinkenden Neo-Gothic-Dandys? LaBruce möchte der Zombiefigur eine zeitgenössische Form verleihen; eine brutalisierte Gespenstigkeit irdischer Gewalt- und Sexexzesse. Der Film ist eine Fabel aus dem kapitalistischen Menschenpark, kein klassischer Zombie-Movie. 'Otto; Or Up With Dead People' ist als ein gigantischer Mash-up unterschiedlichster Genres und Medien entworfen worden. Alles wird getragen von einer Gesamtkunstwerk-Fantasie, von Rückblenden, von einer Idee des Films im Film, von Zeitsprüngen und komplizierten Beziehungsachsen. Dort Text, hier Illustrationen. Einstudierte Tanzsequenzen des Choreografen Alexandre Roccoli sollen die Narration in einer Zone der Atemlosigkeit und Unterscheidbarkeit verdichten. Zum 'Cabinet des Dr. Caligari' ist es nicht weit - und doch ein Holzweg.



Wir warten noch das Ende der Szene ab. Dann zieht die Filmcrew weiter, das Set bleibt bestehen. Auf den Friedhof in die Blankenfelder Allee zum nächsten Zombie-Drehtermin schaffen wir es nicht mehr. Der Spuk hat uns nachdenklich gemacht. Würde man sich nicht wünschen, dass Bruce LaBruce über ähnliche Budgets wie Todd Haynes oder Gus Van Sant verfügte? Aber LaBruce ist das zuwider. Er hält die Filmfabrik "Hollywood" für überholt und unzeitgemäß, wie er vor Jahren in einem Interview mit JT Leroy sagte: "I like bad acting styles. I just saw ›Swept Away‹ with Madonna - and I kind of like her acting style. She's so stilted and artificial. You can see her trying but it's not working."

Im Verlag Powerhouse erscheint Ende 2008 das Film-Buch 'Bruceploitation!'.

Die 58. Internationalen Filmfestspiele Berlin finden statt vom 07.-17. Februar.

.: www.berlinale.de :.
.: www.brucelabruce.com :.
.: www.ottothezombie.com :.

Ein paar Bemerkungen zum queeren Theater von unserem Autor Tim Stüttgen gibt es hier.

Und ein paar Gedanken zum großen Festival der Berlinale von unserer Autorin Aljoscha Weskott gibt es hier.