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USA 2005

Brokeback Mountain

R: Ang Lee; D: Heath Ledger, Jake Gyllenhaal, Michelle Williams; 09.03. Einen Sommer lang hüten Ennis del Mar und Jack Twist gemeinsam Schafe auf Brokeback Mountain. Sie verlieben sich ineinander und erhalten auch als verheiratete Familienväter ihre Beziehung aufrecht. Erst als Jack stirbt, berühre
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R: Ang Lee; D: Heath Ledger, Jake Gyllenhaal, Michelle Williams; 09.03.

Einen Sommer lang hüten Ennis del Mar und Jack Twist gemeinsam Schafe auf Brokeback Mountain. Sie verlieben sich ineinander und erhalten auch als verheiratete Familienväter ihre Beziehung aufrecht. Erst als Jack stirbt, berühren sich zaghaft die Welten, die alle Beteiligten über Jahrzehnte für unvereinbar hielten. Jacks letzter Wunsch, seine Asche möge auf Brokeback Mountain verstreut werden, lässt den Geliebten, der den Ort kennt, und die Ehefrau, die die Asche besitzt, für einen unerträglichen, sprachlosen Moment am Telefon erkennen, was zwischen ihnen beiden und Jack immer fehlen musste: Freiheit und sexuelle Erfüllung einerseits, Verbindlichkeit und Gemeinsamkeit andererseits.

Es ist das große Verdienst dieses Films, die Klischees in den Köpfen des Publikums anzusprechen, ohne ihnen zum Opfer zu fallen. Schwule Cowboyliebe vor urmännlicher Bergkulisse schmeckt nicht nur nach Freiheit und Abenteuer, das Heim mit Frau und Kindern ist nicht nur Gefängnis der Konvention, hier zerstören keine bisexuellen Monster heile Familienwelten. "Brokeback Mountain" lässt alle Figuren zu ihrem Recht kommen: die beiden Männer, ihre Ehefrauen und ihre Kinder. Das exzellente Drehbuch bewegt sich in großen Zeitsprüngen über eine Distanz von 20 Jahren, während derer die beiden Männer aus ihren Ehen immer wieder gemeinsam in die Bergeinsamkeit fliehen. In stark verdichteten Szenen erscheint schlaglichtartig, wie beschädigt alle auftauchenden Beziehungsmodelle sind. So entsteht mehr als ein "schwuler Film" - Ang Lee zeigt die Unmöglichkeit für alle seine Protagonisten, überhaupt selbstbestimmt jenseits von Konventionen zu lieben.

Allein, was das Falsche ausmacht, das das richtige Leben verhindert, wird allenfalls angedeutet. Im Einklang mit den Konventionen des Hollywoodkinos ist Liebe hier eine reine Privatangelegenheit, und die Lebenswelt der Protagonisten erscheint genauso naturgegeben und unveränderlich wie Brokeback Mountain. Die engen Wohnungen voller Zigarettenrauch, die selbstverständliche Doppelbelastung der Frauen mit Job und Kind, der Machismo der Männer, der Kleinkrieg um Autorität in der Familie: all das wird eher gezeigt als thematisiert. Als Antwort auf Jacks Wunsch nach einem gemeinsamen Leben berichtet Ennis eine Kindheitserinnerung. Der Vater zwingt ihn, die Leiche eines brutal ermordeten Mannes zu betrachten, der in der Gemeinde als schwul gilt. Woher aber kommt die Gewalt? Etwas von den gesellschaftlichen Umständen deutlicher auf die Beziehungen der ProtagonistInnen zu beziehen und Gründe zu benennen, unternimmt der Film nur am Rande und will vielleicht etwas zu zurückhaltend erzählen. Trotzdem unbedingt sehenswert, und verdient auch der Goldene Löwe in Cannes und die Golden Globes: wegen der beeindruckenden schauspielerischen Leistungen des gesamten Ensembles, der überlegten Erzählweise und des präzisen Blicks auf Beziehungsräume.