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Ein Vogel wollte Comeback feiern

»Birdman«

»Die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit« lautet der Untertitel von Alejandro González Iñárritus neuem Film. »Birdman« hebt vielversprechend ab und landet unsanft.
Geschrieben am
Man kann als Regisseur starke Superhelden-Comic-Verfilmungen drehen, wie Sam Raimi und Joss Whedon, überschätzte wie Christopher Nolan oder beschissene wie Zack Snyder. Ein Superhero-Darsteller identifiziert sich entweder mit seinem Helden, wie Christopher Dennis es tut, oder empfindet die Rolle als Stempel für die Ewigkeit. Das ist das Stichwort für Michael Keaton.

Nicht die wahre Karriere Michael Keatons ist gemeint, auch wenn diese nach seinen Auftritten als »Batman« eher gemütlich verlief. Keaton gibt in »Birdman oder (Die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit)« sein Comeback mitsamt Oscar-Nominierung ausgerechnet in der Rolle eines ehemaligen Superhelden-Darstellers. Dieser Riggan Thomson möchte das Hollywood-Image im fortgeschrittenen Alter loswerden und sich am Broadway selbstverwirklichen. Die Gelegenheit zum Neustart gibt ihm – beziehungsweise Michael Keaton – Regisseur Alejandro González Iñárritu.
 
Bei den Oscars ist Iñárritu seit dem Episodenfilm »Amores Perros« aus dem Jahr 2000 ein alter Bekannter. Die Sinnsuche ist dem Mexikaner über die letzten 15 Jahre treu geblieben, ineinander verwobene Episoden sind wohl passé. Als Episode im Leben Thomsons möchte Birdman sich nämlich nicht abspeisen lassen. In voller Montur steht die Filmfigur in der Garderobe hinter dem Schauspieler, der ihn einst verkörperte, und redet auf ihn ein, um die gemeinsame Identität zu beschwören. Aber Thomson will die Blockbuster-Vergangenheit hinter sich lassen, ist besessen von der Inszenierung eines Raymond Carver-Stückes am Theater. Der komische Vogel provoziert derweil unbeirrt Thomsons Scheitern, wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Noch ein »Birdman«-Sequel, das wär´s.
Bei den Proben zum Theaterstück läuft ja auch einiges schief. Der Hauptdarsteller verletzt sich, Nachfolger Mike (Edward Norton) ist ein Publikumsmagnet, aber auch ein veritabler Kotzbrocken. Die altgediente Kritikerin hat ihren Artikel bereits vor der Premiere fertig. Den Pfusch des Trottels aus der Traumfabrik wird sie schon aus Prinzip verreißen, das lässt sie ihn auch wissen. Die Überforderung und der Ehrgeiz sind dem ausgelaugten aber manischen Regie-Novizen Thomson ins Gesicht geschrieben. Keaton bringt das gut rüber.

In einigen komischen Momenten merkt man dem gesamten Ensemble ¬–Naomi Watts, Andrea Riseborough, Emma Stone und Zach Galifianakis mischen ebenfalls mit – die Lust an der Balance zwischen Hollywood-Konventionen und Broadway-Ambitionen deutlich an. Der jazzige Schlagzeug-Score jagt die Figuren durch die Gänge hinter den Kulissen des Theaters, die langen Kamerafahrten betonen die Illusion, sich in einer Bühnenvorstellung statt im Kino zu befinden. Gut und schön. 

Aber spätestens nach einem Trip von Birdman und Thomson durch die Stadt, der in dieser Geschichte den Höhepunkt des Drahtseilakts zwischen Realismus und Fantasy hätte bedeuten können, schmiert das Drehbuch ab. Eine üble Mischung aus Kitsch und Moral vermiest das Finale der One-Man-Show Keatons, sorry, Thomsons, sorry Iñárritus. »Birdman« landet unsanft irgendwo zwischen »Black Swan« und »Der Himmel über Berlin«.

Ach, überhaupt: Die Kunst des Superhelden-Films mag ja streitbar sein, aber würde man ein »Birdman«-Sequel von Joss Whedon nicht jederzeit der Carver-Inszenierung Thomsons vorziehen? Es ist letztlich die spannendste Frage, die Iñárritus mitunter spektakulär aufgemotzte, im Grunde aber als platte Ode an die Selbstverwirklichung aufwirft. Die nächste lautet: Wie viele Oscars?

Ein ausführliches Interview mit Michael Keaton lest ihr hier.