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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

»Noel Gallagher ist nicht schuld daran, dass ich alt werde«

Benjamin von Stuckrad-Barre im Gespräch

Text and Drugs and Rock’n’Roll: Benjamin von Stuckrad-Barre war der Popstar unter den Popliteraten der 1990er-Jahre. Paula Irmschler sprach mit ihm über den neuen Roman »Panikherz«, die Geschichte seines wilden Lebens und seiner Liebe zu Udo Lindenberg. 
Geschrieben am
»I need a hero / I’m holding out for a hero ‘til the morning light«
(Bonnie Tyler)

Sie singen und schreiben, filmen und spielen, geben und nehmen, gewinnen und verlieren, inspirieren und lähmen. Sie sterben nie, und sie sterben doch: Helden, Götter, Legenden, Idole. Sie sind Mythos und Projektion, Sehnsuchts- und Rückzugsort, Familie und Lebensretter. Reale Begegnungen mit Helden sind so eine Sache. Es knüpfen sich eine Menge Erwartungen daran, die große Enttäuschungen nach sich ziehen können.  Wie sich für Benjamin von Stuckrad-Barre die erste Begegnung mit seinem Helden Udo Lindenberg in Hamburg angefühlt haben muss? Egal wie, so ungefähr fühlt sich nun meine Begegnung mit dem Popliteraten im März 2016 in derselben Stadt an. Duzen, siezen oder Schweißausbruch? »Hallo, ich bin Benjamin.« – Durchatmen. Hallo Lebensretter.

Mit dem Roman »Panikherz« hat von Stuckrad-Barre das Buch geschrieben, das er schreiben musste. Nach ein paar Ausreißern in den politischen Journalismus geht es wieder um sein eigenes, diesmal das ganze bisherige Leben – und um Musik als ständigen Begleiter. Der Buchtitel folgt nicht der Logik des Gesamtwerks, er lautet nach »Soloalbum«, »Remix« oder »Livealbum« eben nicht »Best Of«. Aber warum »Panikherz«? Klar, Udo. Ein Jahr hat von Stuckrad-Barre schreibend in Los Angeles verbracht, saß dort am Schreibtisch oder hockte unter dem Zitronenbaum auf dem Anwesen des Chateau Marmont. Eine Autobiografie zu schreiben sei dabei nie seine Absicht gewesen: »Autobiografie, das ist so ein weicher Gattungsbegriff, für so was bin ich auch weder alt noch berühmt genug. Aber ich wollte Sachen erzählen, die ich erlebt habe und die eine Dringlichkeit haben, die über mich selbst hinausweist.«

»Heroes And Villains«  (The Beach Boys)

Dies sind die dringlichen Sachen, von denen in »Panikherz« erzählt wird: die Kindheit in Rotenburg/Wümme, das Aufwachsen als Sohn von Öko- und Pastoreneltern, die Jugend in Göttingen, die journalistischen Gehversuche beim dortigen Stadtmagazin, der Sehnsuchtsort Hamburg, die Zeit als Redakteur beim Rolling Stone, die ersten Begegnungen mit Idolen, das Entstehen des ersten Romans, die eigene Heldwerdung, der Fatalismus der Nacht, die Drogensucht, der Komplettaussetzer in Zürich, die Essstörung, schließlich der Totalabsturz, der Horrorort Klinik, das Überleben. Und immer wieder Udo Lindenberg.
»Die Suchterkrankung war eine sehr starke Erfahrung, die sehr viele Nachteile hatte – und den Vorteil, eine starke Erfahrung zu sein. Mein Beruf ist dann gut, und das Schreiben hat dann eine Bewandtnis, wenn es um etwas geht, wenn nichts davon ausgedacht ist und man eine Erfahrung teilen kann. Ich habe viele Jahre gebraucht, um einen Ton dafür zu finden.«


»Who’s there to save the hero?«  (Beyoncé Knowles)


Udo Lindenberg ist in »Panikherz« quasi der Sidekick des Erzählers. Er spielt in dessen Geschichte von Anfang an eine tragende Rolle. Zunächst als Kinderheld, später als Freund und Retter. Udos Songtexte bieten Notfallstrategien, als gar nichts mehr geht. 

In Wirklichkeit war es auch Udo Lindenberg, der Stuckrad-Barre überredet hatte, »Panikherz« in Los Angeles zu schreiben: »Ich bin mit Udo nach L.A. geflogen und meinte: ›Mann, ich muss dieses Buch noch schreiben, aber ich schaffe das nicht.‹ Und typisch Udo: ›Joa, dann machst du das einfach. Und zwar hier.‹ Also habe ich es ausprobiert und wusste wieder, wohin mit mir. Einfach schreiben. Und so wurde das letzte Jahr zum schönsten jemals. L.A. wurde mein Arbeitszimmer, und ich merkte plötzlich, dass die Stadt sich für die Grundthemen des Romans perfekt eignete: Was wird aus Helden und Träumen, wenn man älter wird? Die Theatralik des Betretens der Hinterbühne und der Mythos – davon handelt die ganze Stadt, und davon handelt mein Buch.«

»I’ll never be, I’ll never be anybody’s hero now«  (Morrissey)

Ach ja, das Buch. Neben Udo begleiten noch weitere Helden Stuckrad-Barre durchs Leben. Helden, denen er immer wieder begegnet: The Bates, Oasis, Nirvana, The Beach Boys, Harald Schmidt, Jörg Fauser, Bret Easton Ellis, autoritäre Plattenladentypen, Freunde und Frauen. Als er zum Jungen auf der Gästeliste wird, betritt er deren Hinterbühnen, berührt den Mythos und lebt ihn schließlich selbst. Über das schreibende Heranpirschen und durch das Beobachten des Lebens nach der Show, das auch zu Anekdoten wie etwa Haschisch-Besorgungen für Rio Reiser führt, entwickelt sich Benjamin von Stuckrad-Barres Biografie zu der eines Popstars.

»Das Künstlerklischee, das ich hatte, war natürlich suchtfördernd. Und während man abhängig ist, kann man keine Kunst darüber herstellen, sondern nur dokumentarischen Schwachsinn.« Dokumentarischen Schwachsinn habe er dann auch hergestellt, Taschen und Koffer voller unklarer Stoffsammlungen seien während seiner Suchtzeit entstanden: »Man brauchte Arbeitshandschuhe, um in den Stoff reinzugehen. Ich glaubte, in diesen Notizen aus 15 Jahren den neuen Roman zu finden. Beim letzten Umzug vor zwei Jahren sagte ich dann ›Auf Wiederschauen‹ zum Material. Und ab ging es zu einer Deponie, von der ich ein Zertifikat bekam, dass alles zu Granulat gemacht werde – was gut für die Umwelt ist. Von da an konnte ich das Ganze wie einen Roman behandeln.«

»We can be heroes, for ever and ever / What d’you say?«  (David Bowie)


In »Soloalbum«, Benjamin von Stuckrad-Barres Debütroman, entdeckt er Oasis und lebt schließlich mit der Band. Jetzt begegnet er Noel Gallagher wieder, gealtert, weniger rotzig, viel leiser, und wird auf die eigene Entwicklung der letzten 20 Jahre zurückgeworfen. »Panikherz« ist vom Thema Scheitern durchzogen. Er stellt fest: »Noel Gallagher ist nicht schuld daran, dass ich alt werde. Das ist mein Problem. In L.A. habe ich mir ganz viele CDs wieder gekauft, unter anderem ›Definitely Maybe‹, für einen Dollar. Und das reicht mir schon. Die Leute können sagen, dass das dritte Album doof war, es ist mir kackegal. Ich bin ein extrem anhänglicher Fan und wahnsinnig sentimental und treu mit den Sachen, die mir etwas bedeuten. Ich bin immer an Bord, mit mir als Fan kann man praktisch alles machen. Und auch das Scheitern muss man gut finden. Ich will von meinen Helden überfordert und enttäuscht werden.«


»There goes my hero, he’s ordinary«  (Foo Fighters)


Mich hat Benjamin von Stuckrad-Barre nie enttäuscht. Seine okayen Politik-Texte, die irgendwie steifen Fernsehauftritte, das geht alles klar. Selbst der schlechteste Von-Stuckrad-Barre-Text ist besser als der sonstige Ramsch, der einem so begegnet. Aus egoistischen Gründen möchte ich noch wissen, wie es denn sei, den eigenen Helden zu begegnen – und wie man den richtigen Umgang in diesen Situationen fände. Was kann man sich da rausziehen? Stuckrad-Barre hat ein aktuelles Beispiel: Von den Pet Shop Boys sei er seit seiner Kindheit Fan, und vor nicht allzu langer Zeit habe er sie zum Interview getroffen. »Ich finde alles toll, was die Pet Shop Boys machen. Da gelten keine Musikkriterien. Ob gute Platte oder nicht, ist egal. Wenn ich die Stimme höre, denke ich sofort daran, wie ich mit elf Jahren mit einer Rothaarigen auf dem Schulhof die ›Actually ausgetauscht habe. Das schwingt alles mit. Eigentlich habe ich nichts mit denen zu besprechen. Ich lasse mir ein Plakat von 1989 unterschreiben, wie der letzte Depp, aber das ist mir egal. Danach kann das knallharte Interview beginnen. Wenn ich jemanden sehe, den ich toll finde, gehe ich immer hin und sage: ›Ich finde dich toll.‹« 

Bevor wir uns verabschieden, zeigt Benjamin von Stuckrad-Barre mir noch das Hintergrundbild seines Smartphones. Ein Foto von ihm und Udo Lindenberg. Natürlich. Immer wieder Udo.

Benjamin von Stuckrad-Barre

Panikherz

Release: 10.03.2016

– Benjamin von Stuckrad-Barre »Panikherz« (Kiepenheuer & Witsch, 576 S., € 22,99)
Die zitierten Songs plus Lieder von Stuckrad-Barres Helden finden ihr in dieser Playlist: