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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

D/A 2002 R: Douglas Wolfsperger; Edition Salzgeber

Bellaria – So Lange Wir Leben!

Jeden Nachmittag wird im Bellaria-Kino in Wien die Zeitmaschine angeworfen. Über die Leinwand des plüschig-verstaubten Kinos, das in einer kleinen Straße hinter dem repräsentativen Volkstheater versteckt ist, huschen dann Helden und Heroinen aus der Vorkriegszeit in üppig ausstaffierten Schwar
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Jeden Nachmittag wird im Bellaria-Kino in Wien die Zeitmaschine angeworfen. Über die Leinwand des plüschig-verstaubten Kinos, das in einer kleinen Straße hinter dem repräsentativen Volkstheater versteckt ist, huschen dann Helden und Heroinen aus der Vorkriegszeit in üppig ausstaffierten Schwarz-Weiß-Epen wie ›Rosen In Tirol‹. Die rausgeputzten BesucherInnen, die mit feuchten Augen im Kinosaal sitzen und jede Zeile von Johannes Heesters oder Marika Rökk mitsingen können, sind fast genauso alt wie die verblassten Sterne aus einer vermeintlich heileren, glanzvolleren Epoche. Sie kommen teilweise täglich hierher, um in den Glamour rückwärts gewandter Utopien abzutauchen. Oder auch nur, um mit gleich Gesinnten über einem Kaffeetscherl ein Plauscherl zu halten. Der Fokus von Douglas Wolfspergers Dokumentation ist in doppelter Hinsicht bemerkenswert: ›Bellaria‹ ist ein Film übers Kino und ein Film über alte Menschen. Beides sind nicht gerade Topics, die gerne in publikumswirksamen Dokus verbraten werden – zu selbstreflexiv das eine, zu freudlos das andere. Scheinbar. Dass dem nicht so ist, zeigt Wolfsperger in seiner witzigen, respektvollen und lebenslustigen Studie über die Bellaria-Goldies, die Vorurteile über einsam und depressiv dahindämmernde RentnerInnen mit ihrer Passion für das Kino einfach wegwischen – wie jene glücklich Verwitwete, die sich von genau abgezählten Konserven ernährt, um sich den täglichen Kino-Eintritt vom Mund abzusparen. Denn obwohl das Bellaria-Kino das Zentrum des Films repräsentiert, sind seine tatsächlichen Stars doch die betagten BesucherInnen, die Skurriles und Bewegendes aus ihren Biografien zu berichten haben. Da gibt es die grell geschminkte Diva mit Sonnenbrille und Hut, die beklagt, dass heutzutage nur noch Gewalt und »Nackerte« in Filmen zu sehen seien, was sie nun wirklich nicht interessiere. Die Baroness von Lipsdrill erzählt aus ihrer rauschenden Vita als Tänzerin, Sängerin und vor allem begnadete Melodien-Pfeiferin, die sie bis an den Hof vom persischen Schah führte. Ein rührend nerdig aussehender Mann zeigt Fotos von seinen früheren Shows als Transvestit und gibt sein Heiligtum der Kamera preis: ein Lippenstiftabdruck von Zarah Leander samt Widmung. Der Bellaria-Filmvorführer, der in seiner Freizeit der Baroness die Füße pedikürt, betont mehrmals, sich nie für Sex interessiert zu haben und auch aufgrund einer Kriegsverletzung nicht mehr Vollzugs-fähig zu sein, kommt aber interessanterweise immer wieder auf dieses Thema zu sprechen. Auch wenn die ProtagonistInnen deutlich der sicherlich nicht mehr allzu aufregenden SeniorInnen-Gegenwart entfliehen wollen, liegt eine der Stärken des Films darin, das soziale Netzwerk zu zeigen, das diese Menschen um ihre große Leidenschaft gesponnen haben. Und natürlich auch darin, diese leidenschaftlichen Filmfans nach all den Jahren endlich auch zu Filmstars gemacht zu haben.