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Die billigste Kamera am Tiananmen-Platz

Beijing Bubbles

Die Journalistin Susanne Messmer und der Labelbetreiber George Lindt haben eine Dokumentation über die Untergrund-Musikszene in Peking gedreht.Was war zuerst da: die Begeisterung für China oder für Punk?S: In meiner Tätigkeit als Journalistin habe ich festgestellt, dass aus China ganz tolle Filme ko
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Die Journalistin Susanne Messmer und der Labelbetreiber George Lindt haben eine Dokumentation über die Untergrund-Musikszene in Peking gedreht.

Was war zuerst da: die Begeisterung für China oder für Punk?
S: In meiner Tätigkeit als Journalistin habe ich festgestellt, dass aus China ganz tolle Filme kommen. Mittlerweile kann man jede zweite Woche im Spiegel einen Aufmacher über China als neues Wirtschaftsboomland lesen, diese Filme aber berichten von einem anderen Land. Wir wollten vor Ort herausfinden, ob es Leute gibt, die nicht von Sozialaufstieg und großer Karriere träumen, sondern völlig anders ticken.
Warum habt ihr euch auf Punk als Genre konzentriert, wo es doch heute kaum eine konservativere, epigonalere Musikrichtung gibt?
S: Ehrlich gesagt waren wir da auch ein bisschen nostalgisch. Das, was Punk heute hier ist, interessiert uns nicht mehr, aber wir kommen beide ursprünglich aus diesem Kontext. Die Szene in China haben wir dagegen nicht als epigonal empfunden, aufgrund des rigiden Umfelds, in dem sie existiert. Wir haben zunächst auch viel Material zu anderen Stilrichtungen gesammelt, dann aber gemerkt, dass wir weniger eine Musikdokumentation machen wollten als einen Film über ein anderes Leben in China, ein bewusst gewähltes Außenseitertum.
Der Sänger der Band Joyside verehrt Jim Morrison, die Mädchenband Hang On The Box verweist auf Peaches – kann man das alles überhaupt unter einer Klammer versammeln?
S: Einerseits klaffen die stilistischen Referenzen sehr auseinander, andererseits ist es aber auch so, dass 40 Jahre Jugend- und Protestkultur erst jetzt durch Internet und Medien auf einen Schlag in China angekommen sind. Insofern ist diese bei uns übliche Zeitstaffelung zwischen altmodisch und hip oder cool und uncool da gar nicht relevant. Außerdem ist die Untergrund-Szene dort insgesamt so mini, dass es keinen Sinn macht, noch weiter auszudifferenzieren. Wir haben von allem höchstens eins gefunden: einen Plattenladen, einen Secondhand-Laden, ein Musikmagazin etc. – und das in einer Millionenmetropole wie Peking.


Es gibt eine Szene, wo ihr mit einem Musiker über den Tiananmen-Platz geht, und wie ein Pawlowscher Hund wartet man auf einen Kommentar zu Politik. Aber es kommt nichts, wie auch im ganzen Film Politik nicht thematisiert wird.
G: [lacht] Ein Redakteur von arte, der sich des Films eigentlich annehmen wollte, verlangte von uns, dass wir an genau dieser Stelle Panzer und Polizeirazzien ins Bild schneiden.
S: Aber es gibt keine Polizeirazzien. Das sind einfach kleine Punks, die niemanden interessieren. Wir wurden auch nie bei den Dreharbeiten behindert, obwohl wir keine offizielle Drehgenehmigung hatten. Aber wir haben einfach mit einer unauffälligen Tourikamera gedreht – wir hatten die billigste Kamera am ganzen Tiananmen-Platz. Die Bands fanden Politik langweilig und haben sich auch wirklich geweigert, in den Interviews etwas darüber zu sagen. Politik ist in China unsichtbar geworden. Sämtliche Politiker gehen in die Wirtschaft und versuchen, durch Korruption ihre Butter aufs Brot zu verdienen. Dadurch ist es viel subversiver, wenn man sich durch den Lebensstil unterscheidet. Statt gegen die Regierung zu wettern, ist es schlagkräftiger, sich durch “Gammeln” bewusst aus dem neuen Konsens aus Bildung und Arbeit auszuklinken.
Wie sieht es mit der Geschlechterpolitik der Bands aus?
Da der Konfuzianismus mit seinen patriarchalischen Vorstellungen dank Mao nicht mehr so eine große Rolle spielt, sind die Frauen alle berufstätig und sehr selbstbewusst. Trotzdem ist es so, dass es in China an sich schon schwierig ist, auf der Bühne zu stehen und zu schreien. Für Frauen gilt das noch mal besonders. Hang On The Box haben früher auf die Bühne gepinkelt – so etwas ist in China eigentlich völlig unmöglich. Es gibt unter den ganzen interviewten Musikern allerdings schon einen latenten Frauenhass, den wir dann nicht zum Thema machen konnten. Die fanden die Sängerin von Hang On The Box total unheimlich und haben da gruselige Machosprüche abgeseilt. Abgesehen von Hang On gibt es auch keine andere reine Frauenband – höchstens das übliche Modell der Frontfrau.

Beijing Bubbles. Punk And Rock In China’s Capital
CN/D 2005
R: Susanne Messmer, George Lindt; 19.04.

Trailer zum Film gibt es hier.
.: www.beijing-bubbles.com :.