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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

AUS 1993 / B/F 1989

Bad Boy Bubby / Marquis

Bildstörungen können eine feine Sache sein. Das gleichnamige Label setzt auf Schönheiten jenseits des Kino-Mainstreams. Kaspar-Hauseriade und surreales Jim-Henson-Theater.
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Bildstörungen können eine feine Sache sein. Das gleichnamige Label setzt auf Schönheiten jenseits des Kino-Mainstreams. Cay Clasen hat sich die ersten Veröffentlichungen, "Bad Boy Bubby" und "Marquis", angeschaut. Kaspar-Hauseriade und surreales Jim-Henson-Theater.

Die schönsten Blumen blühen zumeist abseits der abgetrampelten Hauptpfade. Diese Binsenweisheit hat nicht nur für Wandervögel und Orchideenjäger, sondern auch für mediale Trüffelschweine Gültigkeit. Das neue Label Bildstörung will sich besonders Schönheiten abseits des Mainstreams widmen, die bisher höchstens als Importe zu bekommen waren, und zugleich all jenen Autoren-, Experimental-, Independent- und Undergroundfilmern eine Heimat bieten, die den glatten Fluss der Mainstream-Bilder stören. Die ersten Veröffentlichungen von Bildstörung machen das deutlich. Zum einen "Bad Boy Bubby": Nicholas Hope stolpert in einer kontroversen "Willkommen Mr. Chance"-Variation in die unbekannte Welt. Zum anderen "Marquis", eine Marquis-de-Sade-Hommage, die sich am ehesten als "Jim-Henson-Puppentheater mit Erektionen" beschreiben ließe.

Der Australier Rolf de Heer erregte 1993 einiges Aufsehen mit seiner um Inzest, Tierquälerei und schwarzen Humor angereicherten Kaspar-Hauseriade "Bad Boy Bubby". Ohne rührseligen Hollywoodkitsch erzählt er aus dem Leben eines misshandelten Kindes, das nach 35 Jahren in der Hölle das Licht der Welt erblickt. Bubby wächst in einer heruntergekommenen Kellerwohnung auf, die er aus Angst vor tödlichem Gas noch nie verlassen hat. Er teilt sich das Verlies in inzestuöser Beziehung mit seiner Mutter. Als nach 35 Jahren sein Vater auftaucht, steht er vor seiner größten Herausforderung: der Türschwelle und der Welt dahinter.

Auf Basis der Schriften des Marquis de Sade und einem Drehbuch des Regisseurs in Zusammenarbeit mit Roland Topor entstand 1989 "Marquis". Die Figuren agieren in aufwendiger Tiermaskerade und machen die Geschichte zu einer obszön schillernden Fabel. Der Marquis, ein Cockerspaniel, sitzt im Kerker der Bastille, schreibt und befindet sich im ständigen Zwiegespräch mit seinem größten Kritiker: seinem Penis Colin. Colin plädiert für Ausbruch, ausschweifende Fleischeslust und weniger Verben im Werk des Marquis. Vor dem Hintergrund der nahenden Revolution folgen Eskapaden mit Hummern, Ratten, Schweinen und einem Loch in der Wand. Es entspinnt sich eine große politische Intrige um eine vom König geschwängerte Kuh und einen korrupten Priester. Müsste man eine Schublade aufziehen, dann wäre "Marquis" als surrealistisches, ordinäres und liebevoll gestaltetes Puppentheater für Erwachsene einzuordnen.

Bad Boy Bubby (AUS 1993; R: Rolf de Heer; D: Nicholas Hope, Claire Benito, Ralph Cotterill; Bildstörung)

Marquis (B/F 1989; R: Henri Xhonneux; Bildstörung)