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Ausstellungen in Frankfurt und Köln: Mit Salz und Pfeffer

Filmkunst im Museum

Die Beziehungen zwischen der bildenden Kunst und der Filmkunst sind reichhaltig. Zwei Ausstellungen beschäftigen sich auf je unterschiedliche Art damit.
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Die Beziehungen zwischen der bildenden Kunst und der Filmkunst sind reichhaltig. Zwei Ausstellungen beschäftigen sich auf je unterschiedliche Art damit. In der Schirn Kunsthalle Frankfurt geht es um abstrakte Zelluloidkunst ohne Kamera. Das Kölner Museum Ludwig zeigt seine reichhaltige Sammlung von Videos und Filmen, die bildende Künstler fabriziert haben. Martin Büsser nahm sich Zeit, um die Programme zu begutachten.

Film ohne Kamera. Ist das nicht wie ein Text ohne Buchstaben? Oder wie Musik ohne Töne? Nein. Film ohne Kamera verzichtet lediglich darauf, die Außenwelt abzubilden. Er ist pure Abstraktion. Aus dem Zelluloid selbst heraus geschaffenes Kino, bei dem die Künstler bzw. Regisseure Muster ins Filmmaterial kratzen, es mit Objekten bekleben oder chemisch bearbeiten. Die in der Schirn Kunsthalle Frankfurt vom 2. Juni bis 29. August laufende Ausstellung "Zelluloid. Film ohne Kamera" macht deutlich, dass diese Tradition des abstrakten Kinos, das auch "direct" oder "cameraless film" genannt wird, so alt ist wie die Moderne selbst.

Schon in den Jahren 1910 bis 1912 arbeiteten die beiden futuristischen Künstler Arnaldo und Bruno Gianni-Corradini an Filmen, die ausschließlich aus Farb- und Lichtexperimenten bestanden. Ganz im Geist des Futurismus sollte die träge abstrakte Malerei in Bewegung versetzt werden. Sie sollte tanzen und flimmern. Von diesen frühen Zeugnissen einer zu Begleitmusik gestalteten Zelluloid-Malerei sind allerdings keine Kopien mehr erhalten.



Musik für die Augen
Die Frankfurter Ausstellungsmacher werfen die Frage auf, ob es sich um Film im herkömmlichen Sinne oder um bildende Kunst handelt. Kuratorin Esther Schlicht schreibt von einer "einzigartigen Zwischenform, in der nicht so sehr der Film zur Kunst, sondern vielmehr die Kunst zum Film wird". Letztlich ist die Frage müßig. Spätestens in den 1960er-Jahren verwischen sämtliche Grenzen, Künstler aller Disziplinen verstehen sich als interdisziplinär - seien es die Happening- und die Fluxus-Bewegung oder die Psychedelic-Shows von Bands wie Soft Machine, wo abstrakter Film ebenfalls eine wichtige Rolle spielt.

Eine Schlüsselfigur dieser Zeit ist der amerikanische Regisseur Stan Brakhage, dessen psychedelische Filmexperimente in Frankfurt ausgiebig gewürdigt werden. Unter anderem ist "Mothlight" von 1963 zu sehen, in dem Brakhage nicht einfach nur das Zelluloid zerkratzt oder beschabt, sondern mit Objekten beklebt, darunter Gräser, Blätter und Mottenflügel. In der musikalisch angelegten Filmkomposition, die einen Mottenflug verbildlicht, werden die lichtdurchlässigen Insektenflügel zu fragilen Kunstobjekten. Immer wieder haben Musiker die sehr rhythmisch angelegten Arbeiten von Brakhage vertont, darunter auch Sonic Youth. Der 2003 verstorbene Brakhage hatte nichts dagegen, bevorzugte aber, seine Filme stumm abzuspielen. Sie waren seiner Ansicht nach selbst bereits "Musik für die Augen".

Im Gegensatz zu vielen Vertretern des "cameraless film" war Brakhage Perfektionist. Ihm ging es nicht alleine darum, das Gestische der abstrakten Malerei in der Tradition eines Jackson Pollock auf bewegte Bilder zu übertragen. Er arbeitete an einer peinlich genauen Choreografie. Weil ihm nicht nur die Bewegung, sondern auch jedes Einzelbild wichtig war, haben seine Filme ein Tempo, bei dem man zwar die Bewegung wahrnimmt, zugleich aber auch jedes einzelne Gemälde als Standbild erkennen kann.

Schirn Kunsthalle Frankfurt "Zelluloid. Film ohne Kamera" (02.06.-29.08.2010; www.schirn-kunsthalle.de)

Anlässlich der Eröffnung von "Zelluloid. Film ohne Kamera" wird die Elektro-Chanteuse Ninca Leece gemeinsam mit ihrem VJ auftreten. Wir verlosen dazu 3 x das aktuelle Album von Ninca Leece "There Is No One Else When I Lay Down And Dream" (Bureau B), bitte schreibt dazu eine Mail an verlosung@intro.de, Stichwort "Ninca Leece".



Auf der nächsten Seite: Kochen mit Tony Conrad und Kölner Sammlung.

Die Beziehungen zwischen der bildenden Kunst und der Filmkunst sind reichhaltig. Zwei Ausstellungen beschäftigen sich auf je unterschiedliche Art damit. In der Schirn Kunsthalle Frankfurt geht es um abstrakte Zelluloidkunst ohne Kamera. Das Kölner Museum Ludwig zeigt seine reichhaltige Sammlung von Videos und Filmen, die bildende Künstler fabriziert haben. Martin Büsser nahm sich Zeit, um die Programme zu begutachten.

Kochen mit Tony Conrad
Wesentlich anarchischer ging es bei Tony Conrad zu, der sich dem abstrakten Film in den 1970ern vor dem Hintergrund der Konzeptkunst näherte. Er bearbeitete das Filmmaterial nach bestimmten Kochrezepten. Zusammen mit den Zutaten wurde der Film erhitzt, das fertig "gekochte" Ergebnis bestand aus abstrakten Farbschlieren. Die Idee, Kino und Kochkunst miteinander zu verbinden, geht bis auf den surrealistischen Künstler Man Ray zurück. Der schrieb zu seinem Filmexperiment "Le Retour À La Raison" von 1923: "Ich würzte einige Abschnitte mit Salz und Pfeffer, so wie ein Koch seinen Braten vorbereitet; auf die anderen Abschnitte warf ich, zufällig, Stecknadeln und Reißnägel."

Dieses Spiel mit Verfremdung und Zufall hat eine lange Tradition. Sie reicht von der "écriture automatique" bei den Surrealisten, die ein sinnfreies, spontanes, von jeglicher Kontrolle losgelöstes Schreiben anstrebten, bis hin zu den Kompositionsverfahren des Avantgarde-Musikers John Cage. Auch Cage präparierte die Instrumente mit Nägeln, Büroklammern und anderen Objekten, um zu bislang unbekannten Klängen vorzustoßen.

Die Beispiele für kameraloses Filmen führen in der Frankfurter Ausstellung bis in die Gegenwart hinein. Denn kameraloses Filmen ist nichts, was sich in einer einzigen Ästhetik erschöpft. Es kann immer wieder neu variiert werden. Für die meisten Künstler ging und geht es um Grenzüberschreitung und sinnliche Prozesse. Mit Ausnahme von Isidore Isou, Kopf der französischen Lettristen, die der Situationistischen Internationale nahestanden. Er erklärte 1951 das herkömmliche Kino für tot: "Während die anderen noch dabei sind, die Potenziale der Fotografie zu erkunden, mag ich das Foto nicht mehr."

Kölner Sammlung
Wie sehr Kino die jüngere Kunstgeschichte beeinflusst hat, ist noch bis zum 31. Oktober im Kölner Museum Ludwig zu sehen. "Bilder in Bewegung: Künstler & Video/Film" macht nach 30 Jahren erstmals die umfangreiche Film- und Videosammlung des Museums komplett zugänglich. Etwa 270 Arbeiten sind über Videosichtplätze abrufbar, darunter Filme und Videos von Nam June Paik, Mike Kelley, Bill Viola, Valie Export und Joseph Beuys.

Im Gegensatz zu Frankfurt wird in Köln nicht eine bestimmte Tradition präsentiert. Die Ausstellung setzt auf Vielfalt und bezieht sich nicht nur aufs Kino. Video als Material bot sich für viele Künstler seit den 1960er-Jahren an, nachdem Concept Art, Performance und Aktionskunst auf temporäre, nicht mehr musealisierbare Arbeiten setzten. Damit diese, so das Paradox der bilderstürmerischen Avantgarde, am Ende doch noch in den Museen und Galerien gezeigt werden konnten, mussten sie gefilmt werden.

Dennoch besteht ein wesentlicher Aspekt der Kölner Ausstellung darin, nach dem Einfluss des Kinos auf die bildende Kunst zu fragen. Mit Renée Green und Jonas Mekas werden Künstler vorgestellt, deren Arbeiten direkt an das Verfahren des politischen Dokumentarfilms anknüpfen. Andere wiederum zitieren Film ganz konkret. So hat Clemens von Wedemeyer einen Sketch von Laurel und Hardy in einen neuen Kontext gestellt.

"Bilder in Bewegung" regt an, darüber nachzudenken, inwieweit die Kunst den Film ebenfalls seit Anbeginn beeinflusst hat. Augenfällige Beispiele liefert der expressionistische Stummfilm, etwa "Das Kabinett des Dr. Caligari" (1919) von Robert Weine. Hier sind die verzerrten architektonischen Kulissen der expressionistischen Malerei entlehnt. Regisseure wie Walter Ruttmann, Hans Richter und Dziga Vertov wandten das Verfahren der Montage und Collage auf den Film an, bedienten sich also beim Konstruktivismus. In Godard-Filmen wie "Weekend" (1968) finden sich wiederum Collage-Prinzipien mit Agitprop-Elementen und Pop-Art vereint.

Beispiele dieser Art ließen sich bis in die Gegenwart finden. Vor allem solche, die deutlich machen, wie Bewegungen, die in der bildenden Kunst längst historisch geworden sind, im Film noch immer weiterleben. Vor allem der Surrealismus hat im Kino unterschiedlichste Spuren hinterlassen: die bizarren halbanimierten Filme eines Jan Svankmajer, das Rätsel-Kino von David Lynch und die psychoanalytischen Traumata bei Guy Maddin. Die Wechselwirkungen sind geradezu erschlagend. So erschlagend wie das Programm in Frankfurt und Köln, für das man viel Zeit mitbringen sollte.



Museum Ludwig Köln "Bilder in Bewegung: Künstler & Video/Film" (29.05.-31.10.2010; www.museum-ludwig.de)