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D 2004

Aus Der Tiefe Des Raumes

R: Gil Mehmert; D: Arndt Schwering-Sohnrey, Eckhard Preuß, Jürgen Tonkel, Mira Bartuschek Gott, ist der niedlich! Also, irgendwann damals am Niederrhein, Mitte der wilden Sechzigerjahre, als die Jungs noch nicht so recht wussten, was denn nun geiler ist - Fußball spielen oder Beat-Musik hören -, da
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R: Gil Mehmert; D: Arndt Schwering-Sohnrey, Eckhard Preuß, Jürgen Tonkel, Mira Bartuschek

Gott, ist der niedlich! Also, irgendwann damals am Niederrhein, Mitte der wilden Sechzigerjahre, als die Jungs noch nicht so recht wussten, was denn nun geiler ist – Fußball spielen oder Beat-Musik hören –, da gab es diesen schüchternen, Kassenbrillen tragenden Jungen namens Hans-Günter, der vertrieb sich die Zeit bis zur endgültigen Entscheidung der Fragen aller Fragen mit der Hand. Er wurde zum Tipp-Kick-Aficionado, so gut, um gar bei der westdeutschen Meisterschaft mitzuspielen. Doch eines Tages kommt seiner Karriere die entzückende Fotografin Marion in die Quere, und im Verlauf einer eher zögerlichen Liebesnacht kommt es dann zu einer denkwürdigen – Blitz und Donner! – Mutation: Hans-Günters Lieblingskicker, handgefertigt, Rückennummer 10, als Spielmacher gedacht, gerät in eine alchemistische Prozedur, die das kleine Metallmännchen nicht nur auf Lebensgröße aufbläst, sondern auch mit (anfangs allerdings nur etwas) Leben erfüllt. Der Homunkulus, der ein wenig wie Diether »Thomas« Kuhn aussieht, behält die 10, bekommt aber eine blonde Langhaarperücke und muss sich im Leben zurechtfinden. Aber, keine Sorge, irgendwann rollt ein Kleinbus aus dem Dunkel der Nacht auf den Kicker zu, der längst den Namen seines Schöpfers Hans-Günter angenommen hat. Darin sitzen der Hennes, der Berti, der Hacki und der Wolfgang – der Rest ist Geschichte: Unter dem Muff von tausend Jahren warten die Mönchengladbacher Fohlenelf und die Wembley-Elf vom Frühjahr 1972. Geile Klamotten aus dem Fundus von Götz Alsmann, Kassenbrillen und Brillantine galore, ein hirnerweichender Easy-Listening-Score, ein paar schrille ›Beatclub‹-Posen – dieser Film kennt Geschichte nur als liebevoll windelweich gespülte Retroshow, gedacht allein, um dem Publikum gefällig ein wissendes Lächeln ins Gesicht zu zaubern. Gegen diese sorgenfreie nostalgische Idylle, die so rein gar nichts von Nachkrieg oder Politik wissen will, ist Wortmanns ›Wunder Von Bern‹ ein straightes sozialistisches Meisterwerk. Die legendären Manierismen Günter Netzers, seine notorisch geringe Lauffreudigkeit, seine Vorliebe für Standardsituationen werden auf die Vermenschlichung eines Tipp-Kick-Männchens zurückgeführt. Die feuilletonistische These, die im Stil des Mönchengladbacher Teams den Reflex der Fundamentalliberalisierung der westdeutschen Gesellschaft nach »1968« beschreibt und die sich im titelgebenden Diktum eines Karlheinz Bohrer verbirgt, wird schlecht verschenkt, weil sich ›Aus Der Tiefe Des Raumes‹ ausschließlich für Lifestyle interessiert. Über Günters Langhaarfrisur heißt es einmal, sie solle Mode werden, weil sie so »rebellisch« wirke. Das ist das einzige Mal, dass dieses Wort fällt! Wer wissen will, warum der junge deutsche Film so handzahm ist, wie er ist, gucke sich diesen Film an! Unser Filmnachwuchs hat gut lachen, aber leider nicht allzu viel Relevantes zu erzählen.