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Schuld und Bühne

Asif Kapadia über seinen Film »Amy«

Im Dokumentarfilm »Senna« porträtierte der britische Regisseur Asif Kapadia den tödlich verunglückten, brasilianischen Formel-1-Rennfahrer. In »Amy« widmet er sich dem Tod der 27-jährigen Amy Winehouse – und ihrem kurzen Leben. Nicht jeder Interviewpartner war nach Erscheinen des Films glücklich über die darin getätigten Aussagen. Patrick Heidmann sprach mit Asif Kapadia über die Verantwortung von Amys Wegbegleitern.
Geschrieben am
Erinnerst du dich an den Moment, als du das erste Mal einen Song von Amy Winehouse gehört hast?
Ganz ehrlich? Nein. Ich vermute mal, das müsste ihr erster Hit »Stronger Than Me« gewesen sein. Aber ich könnte es nicht beschwören. Woran ich mich auf jeden Fall erinnere ist die Tatsache, dass ihr erstes Album »Frank« bei mir im Regal stand. Das hatte ich geschenkt bekommen, von meinem Bruder, wenn ich mich richtig erinnere. Mich bewusst hingesetzt und es angehört habe ich allerdings tatsächlich erst, als ich mit der Arbeit an »Amy« begann.

Worin bestand denn der ursprüngliche Anreiz, den Film zu drehen? Wolltest du nach »Senna« erneut von einem tragisch und zu früh verstorbenen Prominenten erzählen? 
Genau das natürlich nicht. Klar ahnte ich, dass clevere Journalisten diese morbide Parallele sofort aufgreifen würden. Aber das war nicht der Aspekt, um den es mir ging. Für mich war zunächst einmal entscheidend, dass es bei »Amy« nicht um Sport ging. Nach »Senna« meldeten sich viele bekannte Sportler, die von mir porträtiert werden wollten. Doch ich wusste, dass ich meine Erfahrungen von »Senna« vermutlich nicht noch einmal würde wiederholen können. Eines Tages meldete sich dann mein Produzent James Gay-Rees und erzählte, dass Universal Music sich bei ihm gemeldet habe.

Es gab eine konkrete Anfrage für eine Doku über Amy Winehouse? 
Ja, genau. Auch dort hatte man »Senna« gesehen und war an einer Zusammenarbeit interessiert. Lange gezögert habe ich nicht. Ich komme auch aus dem Norden Londons, wohne nicht weit von der Gegend entfernt, in der Amy gelebt hat. Diese Nähe hat mich gereizt. Während Senna mir wie von einem anderen Stern vorkam, war Amy das normale Mädchen aus der Nachbarschaft, das theoretisch mit mir hätte zur Schule gehen können. Im ersten Film ging es um einen Latino-Macho, im nächsten um eine Frau – und letztlich auch darum, wie mit Frauen im Rampenlicht umgegangen wird.

Du holst im Film die Texte von Winehouse’ Songs auf die Leinwand. Eine Entscheidung, die in der Postproduktion fiel? 
Oh nein, dazu entschied ich mich schon früh. Wer die Texte liest, versteht Amys Leben. Das war das einzige, worüber sie geschrieben hat. Viele Fans haben womöglich nie darüber nachgedacht, dass sie all das selbst verfasst hat. Aber alles, was man wissen muss, findet man in ihren Songs. Für einen Moment hatte ich gedacht, dass es vielleicht überflüssig ist, die Lyrics auch tatsächlich einzublenden. Doch sobald man sie weglässt, fängt man als Zuschauer an, den Kopf im Takt der Musik zu bewegen und mehr der Melodie als dem Text zu folgen. Man hört dann einfach anders zu – und wir wollten verhindern, dass die Texte untergehen.
Die Frage nach der Schuld an Winehouses Tod steht in »Amy« die ganze Zeit im Raum. Jeder Gesprächspartner fühlt sich auf gewisse Weise mitverantwortlich. Oder sollte es zumindest tun? 
Das war meiner Meinung nach für die meisten der Grund, überhaupt mitzuwirken. Eine fast kathartische Erfahrung. Jeder in ihrem Umfeld trägt eine gewisse Wut und Schuld mit sich herum – wie übrigens auch das Publikum. Wir alle haben schließlich Amys Schicksal in den Medien verfolgt und damit diese ganze Geschichte befeuert. Von daher war es durchaus beabsichtigt, dass das Thema der Verantwortlichkeit im Film spürbar ist. Wir wollten ein Gefühl dafür vermitteln, dass alle in die Sache involviert sind.

War es also leicht, die Menschen aus Amys privatem Umfeld zum Reden zu bekommen? 
Ich habe alle kontaktiert und um fünf Minuten ihrer Zeit gebeten, sei es am Telefon oder auf einen schnellen Kaffee. Manche hatten »Senna« gesehen, das hat half natürlich. Bei anderen dauerte es Monate, bis sie bereit waren, mir zu vertrauen. Alle, die letztlich bereit waren, für den Film mit mir zu sprechen, habe ich dann in einem Tonstudio in Soho getroffen. Ich war der einzige, der mit ihnen im Raum war. Darin standen ein Tisch und ein Mikrofon, mehr nicht. Der Tonmischer saß immer nebenan, das Licht war abgedunkelt. Und dann haben wir uns einfach unterhalten. Das hatte immer etwas von einer Therapiesitzung. Tatsächlich hatten zwar alle ganz viel zu erzählen, aber all diese Gefühle von Trauer, Wut oder Angst mussten erst einmal beiseite geschoben werden.

Trotzdem gab es seitens ihrer Familie anlässlich der Premiere von »Amy« Kritik am Film. Was sagst du dazu? 
Der Schlüssel dazu liegt vermutlich schon im Titel des Films. Mir ging es nur um Amy. Ich wollte ihre Geschichte erzählen und die Aufmerksamkeit zurück auf sie lenken. Nicht erst seit ihrem Tod ging es vielen Leuten darum, die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Das war schon zu ihren Lebzeiten so, und deswegen muss es furchtbar schwierig gewesen sein, Amy Winehouse zu sein. Alle wollten was anderes von ihr und zerrten sie in die unterschiedlichsten Richtungen. Zu wenigen Leuten ging es dabei um Amys Wohlergehen.

Während der Aufzeichnungen hatte sich keiner der Beteiligten beschwert? 
Absolut nicht. Von den rund 100 Personen, mit denen ich letztlich gesprochen habe, hat niemand ein Interview abgebrochen oder sich über die Gesprächsrichtung beschwert. Alle haben die Interviews freigegeben. Und auch alles andere, was ich zeige, habe ich mir ja nicht ausgedacht. Das ist Archivmaterial und war so bereits im britischen Fernsehen zu sehen. Man kann mir also nicht vorwerfen, dass ich mir etwas ausgedacht habe oder spekulieren würde. 

– »Amy« (UK 2015; R: Asif Kapadia; Kinostart: 16.07.)

Asif Kapadia

Amy

Release: 22.07.2015