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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Liebe in Zeiten der Depression

»Anomalisa«

Charlie Kaufman lässt die Puppen nicht gerade tanzen. In seinem Stop-Motion-Film »Anomalisa« geht es um einen traurigen Helden, für den sich die Welt als deprimierender Einheitsbrei darstellt. Bis er einen Menschen trifft, der offenbar einzigartig ist.
Geschrieben am
Michael Stone ist Autor eines Ratgebers für Service-Mitarbeiter. Er hat Erfolg, aber auch ein schwerwiegendes Problem: Für ihn sind alle Menschen gleich. Sie haben das gleiche Gesicht, und sie sprechen mit der gleichen Stimme, nicht mal seine Frau und seinen Sohn kann er am Telefon voneinander unterscheiden. Erst als Michael Lisa im Rahmen eines Kongresses kennenlernt, sieht er in ihr eine eigenständige Person – mit besonderem Antlitz und eigener Note. Michael nennt sie »Anomalisa«. Regisseur Charlie Kaufman selbst bietet eine Interpretation für Michaels Zustand an: Er könnte unter dem »Fregoli-Syndrom« leiden, bei dem die Betroffenen glauben, dass sich Menschen in ihrem Umfeld plötzlich komplett verändern. Das Skript veröffentlichte Kaufman jedenfalls unter dem Namen Francis Fregoli. Andererseits spricht die generelle Einstellung Michaels für eine »schlichte« Depression.

Charlie Kaufmans zweite Regiearbeit (zusammen mit Duke Johnson) nach »Synecdoche, New York« ist die filmische Umsetzung eines Theaterstücks aus dem Jahr 2005. Die in der Theaterfassung agierenden Schauspieler David Thewlis, Jennifer Jason Leigh und Tom Noonan sind im Kino wieder mit am Start. Während Thewlis den in der Verwirrung gefangenen Michael mimt und Leigh die Service-Angestellte Lisa, übernimmt Noonan alle weiteren Rollen. Der Clou: »Anomalisa« ist ein Puppenspiel, das im Stop-Motion-Verfahren gedreht wurde. Die Figuren, denen die Schauspieler ihre Stimmen leihen, kommen allzu menschlich rüber, obwohl es sich um Barbie-große Akteure handelt. Sie rauchen, trinken Martinis und werden körperlich. Sehr körperlich sogar.

Wie schon in den vorherigen Filmen, die auf Drehbüchern Kaufmans basieren, geht es um kognitive Unklarheiten – das Spiel mit der Realität und dem sogenannten Anormalen. Ob er in den Kopf eines Weltstars schaut (»Being John Malkovich«), Erinnerungen auslöscht (»Vergiss mein nicht!«) oder einen eigenen Zwillingsbruder erfindet (»Adaption«) – Kaufman zeigt, was »schief laufen« kann im Gehirn. Natürlich könnte man eine biografisch-psychologisierende Deutung vornehmen. Interessanter ist jedoch, dass seine Filme in einer Zeit entstehen, in der die Neurowissenschaften als Heilsbringer gefeiert werden – trotz ihres permanenten Scheiterns an befriedigenden Erklärungsmustern und Theorien über das Denken. Gleichzeitig steigen die Zahlen der Therapiebedürftigen wegen Depressionen und Burn-out-Erkrankungen. Das ist das Klima, in dem »Anomalisa« angesiedelt ist, die Hauptfigur Michael verkörpert diese triefende Tristesse. Nicht ohne Grund wird Charlie Kaufman nachgesagt, seine Arbeit trage etwas »Woody-Allen’eskes« in sich. Doch während es bei Allen um Neurosen geht, reden wir bei Kaufman über die große Leere der Depression.

Wir verlosen je zwei Exemplare von »Anomalisa« auf Blu-ray und DVD. Tragt euch bei Interesse einfach in das entsprechende Formular ein.
Teilnahme ab 18 Jahre. Einsendeschluss ist der 20.06.2016. Rechtsweg ist ausgeschlossen.

Anomalisa

Release: 02.06.2016

Charlie Kaufman

Anomalisa [Blu-ray]

Release: 02.06.2016

— Intro empfiehlt: »Anomalisa« (USA 2015; R: Charlie Kaufman, Duke Johnson; VÖ 02.06.16; Paramount)