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Zielsicher ins Herz der Nation

»American Sniper«

Clint Eastwood verfilmt die Lebensgeschichte des Scharfschützen Chris Kyle. In den USA ist der Film so umstritten wie erfolgreich.
Geschrieben am
Seth Rogen sorgte für Aufregung, als er Clint Eastwoods »American Sniper« mit Nazi-Propagandafilmen verglich. Genau genommen hatte er gesagt, Verzeihung, getweetet, das Biopic über den Scharfschützen Chris Kyle habe ihn an den Film im Film aus »Inglourious Basterds« erinnert. Im von Tarantino erfundenen »Stolz der Nation« tritt Daniel Brühl als deutscher Soldat auf, der von einem Turm aus 200 alliierte Kämpfer tötet. Seth Rogens Referenz ist gar nicht so abwegig. Der echte Chris Kyle ging als wahrscheinlich tödlichster Scharfschütze überhaupt in die Annalen der US-Streitkräfte ein. Dokumentarfilmer Michael Moore, in der Wahl seiner künstlerischen Mittel selbst nicht zimperlich, meldete sich ebenfalls zu Wort. Sein Onkel sei im Zweiten Weltkrieg von einem Heckenschützen getötet worden. Er habe gelernt, dass Scharfschützen Feiglinge seien.  
Nun basiert »American Sniper« auf den Erinnerungen von Chris Kyle, und in Eastwoods Film ist er ein Held. Der Regisseur interessiert sich mehr für den Werdegang Chris Kyles (Bradley Cooper) als für den Kontext des Kriegs im Irak. Eine glaubhafte persönliche Geschichte – frühes Talent, strenger Vater, spätes Glück beim Militär – wird in ein Szenario gebettet, das die Phantasien der Tea-Party sowie aller übrigen konservativen Kreise der USA abbilden dürfte. Auch wenn die US-Soldaten im Irak keinen Kindergeburtstag feiern, handeln sie doch stets gerecht. Wohingegen die Iraker sich entweder wie »Barbaren« aufführen oder wie Videospiel-Figuren abgeknallt werden.  

Einige dramaturgische Kniffe führen zu peinlichen Szenen: Die Telefongespräche aus der Kampfzone, die Chris Kyle mit Gattin Taya (Sienna Miller) in Texas führt, schwächen deren eh nicht sonderlich starke Rolle. Und das von Regisseur Clint Eastwood größtenteils erfundene Duell mit einem syrischen Scharfschützen glorifiziert den Kampf Mann gegen Mann, wo eigentlich anonymes Töten auf der Tagesordnung steht. Die in Zeitlupe fliegende, tödliche Kugel im Showdown ist ein noch schlechterer Witz als die mickrige Babypuppe in Bradley Coopers Armen.
Daneben sorgt Eastwood aber für einige feine Risse im Gesamtbild. So spielt er während Kyles Ausbildung bei den Navy Seals auf eine Szene in »Zwei Banditen« an: In dem Western aus dem Jahr 1969 benötigt Revolverheld Sundance Kid einen zweiten Versuch, um eine Münze zu treffen. Er schieße besser, wenn er sich dabei bewege, erklärt Kid seinem Partner Butch Cassidy. In »American Sniper« ist es eine Schlange, die neben der Zielschiebe lauert und dort von Chris Kyle erwischt wird. Er treffe besser, wenn das Ziel atme, sagt er dem verblüfften Ausbilder. Kaum vorstellbar, dass diese Anspielung Zufall ist.  

Im Gegenteil: Noch in der glücklichsten Zeit seines Lebens, als er das Kriegstrauma durch die Hilfe verarbeitet, die er anderen Veteranen zukommen lässt, läuft Chris Kyle mit gezücktem Revolver durchs Haus, um Ehefrau Taya spielerisch zu verführen. So wie auch Sundance Kid es mit seiner Etta tat. Spätestens als der ehemalige Rodeo-Reiter in die alten Stiefel schlüpft, wird klar, dass der Mann seit jeher einem Ideal nachhängt: Dem Mythos des Cowboys, der das Gesetz in die Hand nimmt. Es ist die unausgesprochene Wahrheit, dass auch an den Händen der Idole  eine Menge Blut klebt und Chris Kyle in einer langen Tradition von Mördern steht, die als amerikanische Helden verehrt werden. Clint Eastwood unterstreicht dies mit dokumentarischen, vor Nationalismus überbordenden Aufnahmen am Schluss des Films. Der Ex-Soldat, der Chris Kyle im Februar 2013 auf einem Schießstand tötete, gehört nicht zu diesen Helden.

– »American Sniper« (USA 2014; R: Clint Eastwood; D: Bradley Cooper, Sienna Miller; Kinostart: 26.02.)