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Alltag einer Zwangsliebesbeziehung

I Killed My Mother

Kanada hat einen neuen queeren Filmstar: das blutjunge Allroundtalent Xavier Dolan.
Geschrieben am

Wer kann dem 17-jährigen Hubert Minel übel nehmen, dass er das verkitschte Interieur seiner Mutter Chantale Lemming (Anne Dorval) verabscheut? Wer kann nicht nachvollziehen, dass er sich vor ihrem verschmierten Frühstücksmund ekelt? Niemand außer ihm selbst. Womit die Quadratur des Kreises definiert ist, die Regisseur Xavier Dolan - in seinem Debüt auch als Hauptdarsteller zu sehen - mit der Inszenierung des zuweilen monströsen Alltags dieser Zwangsliebesbeziehung zwischen Sohn und Mutter beschreibt.
Vergegenwärtigt man sich, dass Xavier Dolan hier in Personalunion beinahe alle Facetten des Autorenfilms bedient - und das im Alter von 20 Jahren -, wird einem schon nach der ersten Sequenz etwas schummerig beim Zuschauen: Alles hat er gut gemacht! Das gesamte Schauspielensemble überzeugt in Rollen, in denen man schnell zum Klischee seiner selbst werden kann. Das deckt sich mit Dolans Neigung und Anspruch, sagt er doch von sich, dass er die Arbeit mit den DarstellerInnen und das Beobachten ihrer Techniken und Idiosynkrasien mag und stets weiterlernen möchte.

Die Kamera von Stephanie Weber-Biron und der Schnitt von Hélène Girard verdichten die tosenden inneren Stürme der ProtagonistInnen in tänzelnden Zeitlupensequenzen, gerade so, als sei Wong Kar-Wai in Kanada zu Hause. Dazu passt Dolans Bemerkung, diese Zeitlupensequenzen und die von ihm eingesetzte Musik seien in der Tat Tribute an den Regisseur von »In The Mood For Love« und an die Filmkompositionen Shigeru Umebayashis (zuletzt zu hören in »A Single Man«). Die bis zur Unentscheidbarkeit ausbalancierte Zweierbeziehung zwischen Hubert Minel und Chantale Lemming wirkt so nah am Leben, als sähen wir einer Dokumentation zu - und ebenso frisch wird Queerness inszeniert.

Dolan drehte seinen zweiten Film, »Heartbeats«, bereits ab. Konsequenterweise folgen wir darin einer weiteren Hubert-Minel-Figur ins Leben abseits von Müttern - sinnvoll wäre ein Double-Feature mit »I Killed My Mother« im Kino. Und Dolan brennt. Für 2012 ist schon sein drittes Filmprojekt angekündigt: »Laurence Anyways«.



»I Killed My Mother« (CDN 2009; R: Xavier Dolan; D: Xavier Dolan, Anne Dorval, Suzanne Clément;)