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Morgen: 3D in »Tron: Legacy«

3D-Spezial

Wer im Jahr 1982 den Disney-Film »Tron« sah, blickte unbewusst weit in die Zukunft. Und was zeigt uns »Tron: Legacy«?
Geschrieben am
1982. Anfang des Jahres wird im deutschen Fernsehen erstmals eine extra für diesen Anlass im 3D-Verfahren aufgenommene Sendung ausgestrahlt. Unter dem Titel »Wenn die Fernsehbilder plastisch werden« zeigt die ARD das Filmchen einer Modelleisenbahn. Die Technik des sogenannten anaglyphen Verfahrens (siehe auch Stereoskopie) verlangt vom Zuschauer das Tragen der notorischen Papp-Brille mit der roten Folie links und der grünen rechts.

Mit Ausnahme von ein paar Comic-Nerds und den ersten Computerfreaks interessiert sich kein Mensch für die optischen Spielereien, die eher Kopfschmerzen als neue Perspektiven versprechen. Das 3D-Fernsehen verschwindet schnell wieder. Schließlich raubt uns noch im selben Monat ausgerechnet eine Disney-Produktion den Atem. Es gibt keinen Zweifel: Mit »Tron« und Sam und Kevin Flynns (Garrett Hedlund und Jeff Bridges) Reise ins Innere eines Computers haben wir die Zukunft gesehen!

Wie jeder gute Science-Fiction-Film hat uns »Tron« viel von dem gezeigt, was in den nächsten 28 Jahren selbstverständlicher Bestandteil unseres Lebens werden sollte. Der Film spielt zum Großteil innerhalb einer virtuellen Welt mit eigenen Gesetzen, despotischen Herrschern und brutalen Wettkämpfen. Ein unmenschliches Paralleluniversum, gespeist von Elektronen und beseelt vom Geist der Maschine. Und im krassen Gegensatz zu der vermeintlichen Realitätsferne spiegelt genau das einen Teil des heutigen Alltags in den elektronischen Lebenswelten wider. Verloren im Raum mit der nächsten Generation von Laptops, Netbooks, Smartphones - App, App & away.

Befreiungsschläge

Steven Lisberger - Regisseur, Schreiber, kurz: Vater von »Tron« - wurde jüngst gefragt, wer denn am meisten von seiner Schöpfung und den Folgen profitiert haben könnte. Die Antwort: Microsoft-Mitgründer Bill Gates. Lisberger: »Wir waren Idealisten. Wir mussten uns nicht um die Realität sorgen - wir dachten, wenn wir nur die große böse MCP/IBM-Maschine töten können, wird der Woodstock-Vibe übernehmen, und alles wird gut. Das war ja auf eine Art auch richtig, denn schließlich brachte Bill Gates ähnlich wie in ›Tron‹ seine ›Disk‹ in das Herz von IBM - gleichbedeutend mit dem Main Frame (Großrechner) und unserem MCP -, und das befreite den PC.« Die Personifikation des damaligen Idealismus ist für Lisberger dann auch niemand anderes als - Tusch! - Apple-Mitgründer Steve Jobs (siehe auch »Kratzen & Beißen«).

2010. Seit zehn Jahren in der Planung, dreieinhalb Jahre in der Produktion und anderthalb Jahre in der Post-Production, wird nun pünktlich zur Vorweihnachtszeit mit »Tron: Legacy« endlich das lang eingeforderte Sequel zu sehen sein, natürlich in 3D. Bisher konnten die Fans lediglich ein paar kurze Trailer mit den immer gleichen Szenen sehen, eine Handvoll kam in den Genuss einer 23-minütigen Vorschau - eine reguläre Pressevorführung gab es nicht. Bei »Tron: Legacy« ist der Verzicht auf das Medien-Gesocks und dessen Wissensvorsprung nur konsequent. Denn wie der andere große Science-Fiction-Film des Jahres 1982, "Blade Runner", verdankt »Tron« seinen nachhaltigen Ruhm einzig und allein den Fans. Im Kino floppte das visionäre Werk. Damit nicht genug, wurde »Tron« bereits im Vorfeld der Oscar-Verleihung für die Special-Effects-Kategorie disqualifiziert - weil bei der Produktion Computer eingesetzt worden waren! Ein feiner ironischer Witz der Filmgeschichte. 2010 sieht die Sache, natürlich oder nicht, ganz anders aus.

Mittlerweile verschlingen Game-Produktionen größere Budgets als ein durchschnittlicher Popcorn-Blockbuster. Es darf also nicht wundern, dass »Tron: Legacy«-Regisseur Joseph Kosinski ohne Spielfilm-Erfahrung an diesen auch für Disney nicht ganz unwichtigen Job gekommen ist. Im Ausgleich verfügt er als Gründer der interdisziplinären Design-Agentur KDLAB über jede Menge Erfahrungen mit CGI, Computer-Generated Imagery. Joseph Kosinski stellte seine Fähigkeiten bereits im Dienst von zahlreichen Computer-Games und diversen Großunternehmen wie Nike und Chevrolet unter Beweis. Mit seinem Spot »Gears Of War« gewann er 2007 sogar einen Silbernen Löwen in Cannes. Nur mithilfe der Game-Engines animiert, diente ihm die berühmte »Mad World«-Coverversion aus Richard Kellys Kultfilm »Donny Darko« dazu, die braunstichigen Bilder aus dem Herzen des Ballerspiels zusätzlich zu emotionalisieren. Ob Daft Punk mit ihrem Soundtrack zum bläulich illuminierten »Tron: Legacy« Ähnliches schaffen?

Übermenge an Realität

Zur Sicherheit hat man bei Disney die Jungs hinter den lustigen Pixar-Filmen nach Fertigstellung der ersten »Tron«-Version damit beauftragt, ein paar zusätzliche Szenen zu schreiben, die der zugrunde liegenden Vater/Sohn-Beziehung im Film etwas mehr Tiefe verleihen. Vielleicht war Sequel-Regisseur Kosinski selbst etwas zu fixiert darauf, jegliche Oberfläche mit irgendwelchen Texturen veredeln zu lassen oder anderenorts an der Auflösung der Grenzen zwischen CGI und Realfilm zu arbeiten. Nach wie vor ist in der Welt von »Tron« vieles real, was artifiziell erscheint - und umgekehrt. Aber statt der eine Durchbruch (in den Cyberspace) beschäftigen uns heutzutage Millionen von kleinen Durchbrüchen, erklärt der Regisseur des Originals, Steven Lisberger. »Das ist mein iPod, das ist mein Handy, das ist mein Network-Status - da hat man es mit einer ganz anderen Ansammlung von Herausforderungen zu tun. Und genau das reflektiert auch die visuelle Seite von ›Tron: Legacy‹: Die Übermenge an Realität im Film ist - so, wie sie Joseph Kosinski gestaltet hat - ziemlich intensiv.«

So viel ist klar: Anders als bei »Avatar« wird die 3D-Technik in »Tron: Legacy« einer Dramaturgie gehorchen. Es soll nicht alles dreidimensional durch die Gegend fliegen, sondern nur das, was im Computer spielt und die Mattscheibe durchbricht. Vielleicht eine passende Metapher für den endgültigen Durchbruch von 3D? Wir werden sehen.

Tron: Legacy
USA 2010
R: Joseph Kosinski; D: Olivia Wilde, Jeff Bridges, Bruce Boxleitner; 16.12.


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