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Grüße aus der Zukunft

Haiyti im Gespräch

Die Rapperin Haiyti gilt weit über ihr Genre hinaus als Hoffnungsträgerin – ob Musik-, Tagespresse oder Feuilleton, Experten sehen die Galionsfigur einer Poprevolution in ihr. Nach unzähligen YouTube-Videos, Singles und Mixtapes erscheint im Januar mit »Montenegro Zero« ihr lang erwartetes Labeldebüt. Kevin Goonewardena traf sich mit Haiyti in Hamburg, um herauszufinden, was diese Frau ausmacht.
Geschrieben am
Während auf der Nordseite des Hamburger Bahnhofs die Kaufkraft in die Stadt fällt, um sich durch die Hauptschlagader des hanseatischen Wegwerfkapitalismus Richtung Jungfernstieg und Neuer Wall zu shoppen, scheißt Deutschlands nach Passagieraufkommen größter Bahnhof den Kaffeesatz der westlichen Gesellschaft nach hinten aus: Hier in St. Georg reihen sich Spielhallen, Dönerbuden und Gay-Sexshops aneinander; Junkies, Bettler, herumlungernde Gestalten und am ZOB gestrandete Glücksritter, deren Hoffnung auf ein besseres Leben ihr jähes Ende im Rinnstein fand, erinnern an die Kehrseite unserer Wohlstandsgesellschaft.

»Das schöne Leben aussichtslos / Für kurze Zeit nur auf dem Thron«, rappt Haiyti auf »Haubi«, einem Stück ihres Debüts, das vordergründig jenes Leben um den Hauptbahnhof beschreibt. Und doch kann der Track auch als bitterer Erkenntnisgewinn einer Generation gelesen werden, die gehetzt wird von der Jagd nach eben diesem: dem von allen anderen, nur nicht ihnen selbst, definierten schönen Leben.
Während die einen dieses Leben auf dem für die Follower gut dokumentierten Selbsterkenntnistrip durch Asien zu finden hoffen, bevor sie wieder im Grau der Praktikantenstelle verschwinden, aber immerhin in Berlin-Neukölln ein WG-Zimmer bewohnen und am Wochenende an der Garderobe eines angesagten Clubs arbeiten dürfen, nimmt sich Haiyti das schöne Leben einfach und definiert es auch noch selbst: Heute Kiezkaschemme, morgen Rave, übermorgen sitzt sie Schampus trinkend in Designerklamotten im Jacuzzi – ungeschönt, ungeschminkt, live und direkt. Und doch scheint auch für sie das schöne Leben immer nur von kurzer Dauer zu sein. Morgen wird wie heute sein?

In Haiytis Welt gleicht kein Tag dem anderen. Eine Abwechslung, die anstrengend ist, weil sie fehlende Sicherheiten bietet, aber vielleicht gerade deshalb so attraktiv für ihre Fans rüberkommt. Im Einfangen des Moments bedient sich die Rapperin nicht nur wie ihre Gleichgesinnten der lange nicht wahrgenommenen, dann als Eintagsfliege belächelten Spielart Cloud Rap und den Möglichkeiten von Social Media und Homerecording. Sie beherrscht diese wie kaum eine Zweite. Ihre Videos: visualisierte epileptische Anfälle. Ihre Texte: irgendwo zwischen großmäuligem Mackergehabe, säuselnden Selbstzweifeln, Drogen-Diktionär und Trash-Romantik. Sie selbst: ihre Kunstfigur. Ihre Kunstfigur: sie selbst. Sagt sie. Auf jeden Fall ist das alles: polarisierend. Und zwischen allen Stühlen sitzend.

»Ich bin keine Zecke, ich bin kein Bonzenkind, ich bin nicht der Standard-Ganster-Rapper und auch nicht der Standard-Popstar. Jeder sieht vielleicht ein bisschen was von sich in mir«, versucht sich Haiyti an einer Erklärung für ihre steigende Popularität. Lag der Witz des Mantra-artig wiederholten »Keep it real« der Kunstfigur Ali G noch in der offensichtlich nicht vorhandenen Realness der Figur, denken Haiyti und Gleichgesinnte die Realness-Definition einfach weiter und treiben damit jeden Oldschool-Anhänger in den Wahnsinn. 

Mitte November, in der Nähe der Nordseite des Bahnhofs, unweit der Hauptgeschäftstraßen, treffen wir uns in einem Café, das aussieht wie das Musteresszimmer in einem skandinavischen Möbelkatalog. Es liegt nur einen Sprung von der Schattenseite des Hauptbahnhofs entfernt, wo Haiyti mittlerweile lebt. Das Café habe sie interessiert, sagt sie, besucht habe sie es allerdings noch nie, sie sei nur immer daran vorbeigegangen. Wahr ist, was wahr ist – in Pop- und gerade Rapmusik gibt es bekanntlich nicht die Wahrheit, wie wir sie kennen, Grenzen zwischen Kunstfigur und der Person dahinter sind oftmals fließend, das Mysterium um die Wahrheit macht ja gerade unsere Faszination aus – Haiyti weiß dies ganz besonders zu nutzen.

Während drinnen also die erklärte Pophoffnung der Nation sitzt, zeigt draußen Hamburg, dass es nicht in Italien liegt. Trap Queen hat man sie genannt, Cloud-Rapperin, mit Nina Hagen und Falco verglichen. Der Begriff Trap wird schlussendlich im Laufe des Gesprächs kein einziges Mal fallen, sie selbst bezeichnet sich als Gangster-Rapperin. Die zierliche Frau spricht mit leiser Stimme, pendelt zwischen aufmerksam und abgelenkt. Sie geht ans Handy, schaut sich im Raum um, nur um dann wieder ins Sofa zu sinken und Kuchen zu essen. In ihren Videos und Liveshows macht sie Alarm. Schnoddrige Attitüde und eine Stimme, wenn nicht durch Auto-Tune verfremdet, oft heiser daherkommend.  

Trap, entstanden aus dem Down South und Crank der Südstaaten, irgendwann über den großen Teich geschwappt, zuerst nach Berlin. Das 2016er-Meme »Was ist das für 1 Life?« des Wiener Money Boy findet Eingang in den Sprachgebrauch und markiert allerspätestens den Durchbruch des Genres. In Hamburg gebe es bis heute keine Szene, sagt sie. »Ich habe es ja nicht mithilfe von Hamburgern geschafft, sondern im Internet einen Song von jemandem gehört und meinte dann zu ihm: ›Lass ‘nen Track machen.‹ So entstand ›City Tarif‹. Das waren auch Leute aus Berlin«, so Haiyti über ihre Zusammenarbeit mit unter anderem Produzent AsadJohn und Frauenarzt auf ihrer angesprochenen 2016er-EP. »Aus Hamburg habe ich noch nie Unterstützung bekommen.« Ob es sie enttäusche? Nicht im Geringsten.
Denn die Zeiten, in denen gesamtdeutscher Rap in ein paar wenigen Großstädten definiert wurde, sind lange vorbei. Wie eben in Haiytis Heimatstadt, in Stuttgart oder Frankfurt-Rödelheim – die geografische Herkunft, die bis Anfang der Nullerjahre nicht nur identitätsstiftend war, sondern auch den jeweiligen Trademark-Sound bestimmte, taugt im Rap der Gegenwart allenfalls als verkaufsfördernder Aufmacher für »Sound Of XY«-Compilations, die mangels Bekanntheit der Artists und Qualität der Songs doch nur im Laden liegen bleiben – sieht man mal von den 187ers in Hamburg, den Bonnern SSIO und Xatar und vor allem Berliner Rappern ab. »Da ist das ja noch ganz, ganz wichtig. Jeder Berliner bezieht sich auf Berlin. Ich verstehe auch nicht, warum die das machen. Es gibt ganz wenige, die darauf verzichten, beim Rest heißt es immer ›Berlin, Hauptstadt des Rap‹ und so.« Songtexte wie »Dis wo ich herkomm« sind eher nichts für sie.

Für die Deutsch-Kroatin Haiyti spielen Nationalität und geografische Herkunft allenfalls eine untergeordnete Rolle, wie im Übrigen auch ihr Geschlecht. Female Rap ist auch so ein Etikett, das sie ablehnt. Während also Begriffe wie Mongo Clikke, Eimsbush oder Kolchose und alles, was mit ihnen einhergeht, nur noch von Ü30-Jährigen, die bei »Reimemonster« auf der 90er-HipHop-Party in Nostalgie schwelgend den Text mitrappen wie vor 20 Jahren, und deren Jugendidolen selbst hochgehalten werden, verzichten Haiyti und Gleichgesinnte weitestgehend auf die Betonung ihrer Herkunft.

Die geografischen Grenzen sind den Freiräumen der Cloud gewichen. Gearbeitet wird, wann, wo und mit wem man will – vor allem aber schnell und ohne große Vorbereitung. Aus einer großen Stadt zu kommen sei dennoch einfacher – zumindest, wenn man als Gangster-Rapper ernst genommen werden will. Merke: Die Realness-Definition im Rapgame weiterzuspinnen ist möglich – sie zu ignorieren allerdings auch im Jahr 2017 nicht. Ob man ihr die Geschichten glaubt, die sie erzählt, interessiert sie nicht groß. »Ich weiß, was ich gesehen und erlebt habe, die Leute wissen das.«


Die großstädtische Herkunft mag noch hilfreich sein, einen aus wenigen Stadtteilen bestehenden place to be gibt es nicht mehr. Es ist längst kein Muss mehr für kreatives Schaffen oder Erfolg, in einem hippen Bezirk mit all seinen Kreativen und den einhergehenden infrastrukturellen Möglichkeiten aufzuwachsen; das beweisen auch L Twills (Farmsen) und Ace Tee (Jenfeld). Letztere hatten selbst in Hamburg die wenigsten auf dem Schirm, jetzt macht sie international von sich reden.

Auch Haiytis Geschichte beginnt weit abseits der überregional bekannten Teile Hamburgs. Der Ärzte-Bassist Rodrigo González, James Last, Ex-Bundesminister Philipp Rösler, das in jahrzehntelanger Eintracht rauchende Paar Schmidt – auch sie lebten dort, wo Haiyti in den 90ern aufwuchs: in Langenhorn, im äußersten Norden der Stadt, an der Grenze zu Schleswig-Holstein. Wo U-Bahn-Stationen Kiwittsmoor heißen, ist naturgemäß gar nichts, erst recht nicht Downtown. Gemischt sei der Stadtteil gewesen; von Ghetto bis zu Einfamilienhäusern, sagt die Rapperin, habe es da alles gegeben – nur keine über die übliche Stadtteilkultur gehenden kulturellen Angebote, geschweige denn künstlerische Einflüsse. In der Sozialwohnung aufgewachsen, die Eltern Musiker, St. Pauli, Sternschanze, Altona ganz weit weg – nicht nur auf die Fahrtzeit bezogen.

»Ich hatte Freunde in Altona, deren Eltern waren bei Greenpeace, Anwälte, Künstler. Die waren auch Straße, aber die hatten gleichzeitig einen kulturellen Hintergrund. In Langenhorn war das nicht so, da gab es nur Straße.« Haiyti treibt sich vor allem in prekären Verhältnissen herum, schreibt Texte, »ohne ein Ziel vor Augen zu haben«, sagt sie. Nicht, um sie irgendwann mal musikalisch zu verwerten, auch nicht, um später einmal sich selbst besser verstehen zu können. »Über so was habe ich mir nie Gedanken gemacht. Auch nicht über die Zukunft. Ich habe lange Jahre gar nichts gemacht.« Sie füllt um die 200 Notizbücher, fährt BMX, um die überschüssige Energie abzubauen. »Durch den Wald, das Alstertal, die Blocks, ich bin immer abends und nachts rumgefahren«, erläutert Haiyti, »wie so ein Schlüsselkind.« Ob sie einen musikalischen Erweckungsmoment gehabt habe, einen, an dem ihr klar war: So was will ich auch machen? »Ich weiß, dass ich mit 14 mal was im Studio mit meinem Vater in Kroatien aufgenommen habe«, erinnert sie sich. »Wie das alles aber so richtig losging, nicht mehr. Wenn ich heute Leute aus meiner Jugendzeit treffe, sagen die auch, ich hätte immer gerappt und gefreestylt, ich persönlich kann mich aber gar nicht mehr genau daran erinnern.« 

Ein paar Nebenjobs habe sie ausgeübt, ein bisschen Geld verdient, dies und das gemacht. Auch Praktika seien dabei gewesen, welche genau, weiß sie nicht mehr – weil sie nicht dahinter stand. »Man wusste ja, dass man irgendwas werden muss. Nur ich wusste nicht, was ich werden sollte. Ich wusste immer nur, dass ich Künstlerin bin.« Ihre Eltern ließen sie machen, jedenfalls »bis zu einem gewissen Punkt. Irgendwann hat meine Mutter die Schnauze voll gehabt, als ich nur noch auf Partys ging oder mich sonst wo rumtrieb und zweimal Fristen an der HAW [Hochschule für Angewandte Wissenschaften] verpasst hatte. Da hat sie mich in eine Arbeitsmaßnahme gesteckt.« Haiyti dümpelte als Malerin/Lackiererin vor sich hin, war unterfordert, bei einer freien Aufgabe wurde ihr Talent schließlich entdeckt und sie dazu ermutigt, sich an der HfbK (Hochschule für bildende Kunst) anzumelden. Haiyti reichte ihre Mappe ein und wurde angenommen. Heute studiert sie dort Malerei in der Klasse von Anselm Reyle, auch wenn sie zurzeit kaum zum Malen kommt. Den Master wolle sie aber noch schaffen, denn »die Leute denken, ich sei jetzt Rockstar, ich würde jetzt hinschmeißen. Aber ehrlich gesagt ist mir der Titel schon noch wichtig«, lacht Haiyti, »einfach, um es den Intellektuellen noch mal zu zeigen.«

Natürlich bleibt die Erfahrung nicht aus, dass jetzt, wo sich der musikalische Erfolg langsam einstellt, jeder seinen Teil dazu beigetragen haben will. »Ich habe die Hälfte der Zeit mit Gaunern und in zwielichtigen Verhältnissen verbracht, sodass ich jetzt den Leuten echte Storys erzählen kann. Und war nicht in der Bibliothek und habe da gelernt. Was denken die sich denn eigentlich?« Ihre Werke malt Haiyti dabei nicht zufällig unter ihrem bürgerlichen Namen: Ronja Zschoche. Malerei und Musik trennt sie strikt voneinander. »Die Leute wollen immer alles vermischen. Für die bin ich die Kunststudentin, die Gangster-Rap macht und Bilder malt. Am liebsten würden die sehen, dass ich ein Konzert spiele und dort auch meine Bilder ausstelle. Die sehen das alles immer so als Gesamtkunstwerk. Dabei bin ich nur ich, immer ein und dieselbe Person.«


Wann sie mit dem Malen weitermachen wird, kann Haiyti nicht genau sagen. Mit »Montenegro Zero« steht nun erst einmal nach zwei veröffentlichten Platten im Eigenvertrieb ihr Labeldebüt in den Startlöchern. Dem Album folgt die dazugehörige Tour. Lines schreiben, Beats machen, recorden, hochladen, fertig – die meisten Tracks erschienen bisher ausschließlich digital. Punk is dead? Nur anders gekleidet: Der technische Fortschritt hat dem DIY-Prinzip innerhalb der Musikindustrie längst eine Zukunft beschert, die Erfolg versprechender ist als jede Hansa-Pils-Dose und greller, als ‘77 je hätte im Sonnenlicht glänzen können. 

In der Vergangenheit hat Haiyti mit Hustensaft Jüngling und YSL Know Plug (a.k.a. Money Boy) gleich mehrfach kooperiert, LGoony, Juicy Gay, Haftbefehl und Xatar luden sie auf ihr Kollabo-Album ein, auf dem kommenden Werk findet sich dagegen kein Feature. »Ich habe mich entschieden, das Album so stehen zu lassen, ganz ohne Feature, als Statement.« Auf »Montenegro Zero« gibt sich Haiyti poppiger als zuvor. »Mainstreamiger«, lacht sie. »Ich nenne es Gangsta-Pop. Eigentlich mache ich das, was ich immer schon gemacht habe – es ist nur etwas hittiger und ausgefeilter.« Doch wer Anbiederung oder Ausverkauf wittert, irrt: Die Wucht kommt geschliffener zwar klarer, nicht jedoch sanfter aus der Zukunft in die Fresse.


Haiyti

Montenegro Zero

Release: 12.01.2018

℗ 2018 Haiyti, under exclusive license to Vertigo/Capitol, a division of Universal Music GmbH

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