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Software-Synthesizer von Propellerheads

ReBirth RB-338

Even Better Than The Real Thing Als vor Jahren die Maschinen begannen, zunehmend die flinken Finger auf Tasten und Saiten zu verdrängen und das Musikmachen selbst zu übernehmen, hielten viele Kritiker das für einen unerreichbaren Schritt in Richtung Abstraktion in der Musikproduktion. Doch das war n
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Autor: intro.de

Even Better Than The Real Thing Als vor Jahren die Maschinen begannen, zunehmend die flinken Finger auf Tasten und Saiten zu verdrängen und das Musikmachen selbst zu übernehmen, hielten viele Kritiker das für einen unerreichbaren Schritt in Richtung Abstraktion in der Musikproduktion. Doch das war noch gar nichts: Während man die Kondensatoren und Widerstände der damals sich durchsetzenden Synthies und Drum-Computer noch richtig anfassen konnte, bestehen die interessantesten Instrumente, die derzeit auf den Markt kommen, nur noch aus Einsen und Nullen: Software-Synthesizer sind auf dem Vormarsch.
Ein ganz besonderes Exemplar dieser Gattung dürfen wir diesen Monat in den INTRO-Testlabors unter die Lupe nehmen. Es hört auf den schönen Namen "ReBirth RB-338", stammt aus der schwedischen Softwareschmiede Propellerheads, die schon mit dem Drumgroove-Editor "ReCycle" auf sich aufmerksam gemacht hat, und kostet, vertrieben von Steinberg, DM 299,-. Schon ein erster Blick auf das ebenso bunte wie übersichtliche "ReBirth"-Fenster offenbart das Konzept: Das Bild beherrschen die rührend originalgetreuen Frontpanele zweier TB-303 Bass-Synthesizer und die leicht umarrangierten, aber unschwer wiederzuerkennenden Bedienelemente einer TR-808 Drummachine. Darüber und links daneben liegen Transportfeld und Pattern-Tasten eines einfachen Sequencers, rechts die Mixer-Sektion mit Delay und Distortion. Der "RB-338" verspricht also nicht weniger als die Emulation zweier der in Technokreisen heißest begehrten Vintage-Synthesizer (Rolands 303 und 808 erzielen immer noch astronomische Gebrauchtmarktpreise, Hardware-Clones sind ebenso zahlreich wie umstritten), eingebettet in eine spartanische, aber komplette Studioumgebung. Wer Techno nach guter alter Detroit-Manier produzieren will, braucht im Grunde nicht mehr, um glücklich zu sein.
Da stellt sich natürlich die Frage: Kann ein Programm, das auf der Festplatte gerade mal 2 MB und im Geldbeutel nicht mehr als DM 300,- beansprucht, so hohe Erwartungen auch nur annähernd erfüllen? Um es kurz zu machen: Es kann. And it does. Um mit dem Wichtigsten zu beginnen: Der Sound ist umwerfend authentisch (der Kollege Fust würde wohl sagen: amtlich) und damit zumindest, was die 303 betrifft (auf die 808-Sounds habe ich irgendwie nie so gestanden), irre sexy. Es macht einen Heidenspaß, an den Klangreglern zu schrauben (1x Tune, Cutoff, Resonance, Envelope Modulation, Decay und Accent je 303) und damit die Basslinien zum Glucksen, Knattern und Pfeifen zu bringen. "Tjahaa", wird hier der Hardwarefetischist einwenden, der gerade DM 2000,- für seine gebrauchte 303 hingeblättert hat (von Liebhaber, gut erhalten), "tjahaa, aber was ist schon eine blöde Computermaus gegen meine zwei gesunden Hände!" Das Argument allerdings geht nach hinten los, denn im Gegensatz zum Original sind beim RB-338 sämtliche Fader- und Reglerbewegungen voll automatisierbar und lassen sich im Aufnahmemodus bequem aufzeichnen. Das verleiht dem hyperaktiven Knöpfchendreher maximal so viele Hände, wie Regler da sind. Jeder Oktopus würde vor Neid erblassen. Und auch sequencerseitig bietet "ReBirth" einen unauffälligen, aber womöglich bahnbrechenden Vorteil gegenüber den Originalen: Die Pattern-Programmierung funktioniert dabei zunächst genauso verschroben und intuitiv, wie sie sich bei seinen Vorbildern als stilbildend für Techno ausgewirkt hat: Drumgridprogrammierung mit Lauflicht bei der 808, Step-für-Step-Eingabe bei der 303. Der Clou ist dann die Möglichkeit, die Pattern-Länge für die drei Instrumente unabhängig voneinander frei zwischen einem und sechzehn Steps einzustellen. Das hört sich unspektakulär an, bedeutet aber faktisch die Abschaffung des eingebauten 4/4-Takts. Spielerisches Übereinanderlegen von unterschiedlich langen, womöglich ungeraden Patterns kann da hypnotisch kreisende polyrhythmische Grooves ergeben, wie sie noch nie ein Ohr zuvor gehört hat.
Bei allem Grund zum Schwärmen soll der Artikel natürlich nicht ganz ohne Mäkeleien zu Ende gehen: Zum vollkommenen irdischen Glück fehlt mir zum Beispiel die MIDIfizierung. "ReBirth" läßt sich zwar über MIDI-Clock mit Software-Sequencern synchronisieren, aber mehr Kooperation mit anderen Programmen ist (noch?) nicht drin. Unverständlich finde ich auch, daß es unmöglich ist, den drei Instrumenten jeweils einen Einzelausgang zuzuweisen. Dafür hat Steinberg für die nähere Zukunft immerhin die erfreuliche Möglichkeit angekündigt, die Stereosumme des RB-338 auf zwei Kanäle des Audiomixers von Cubase VST zu routen.
Bleibt die Frage: Warum mußte es ausgerechnet die 808 sein? Ich persönlich jedenfalls hätte in der Rhythmussektion viel lieber die nicht minder legendäre 909 gehört. Die hat einfach die knackigeren Sounds. Wenn die Propellerheads schlau und geschäftstüchtig sind (und es spricht alles dafür, daß sie beides sind), werden sie "ReBirth" zu einem in alle Richtungen offenen modularen System ausbauen, mit dem sich dann jeder sein persönliches Setup aus einem breiten Angebot von einzeln nachrüstbaren virtuellen Synthesizern zusammenstellen könnte.
Aber das ist Zukunftsmusik. Für den Gegenwartsmusiker kann man festhalten: ReBirth RB-338 V1.0 bietet dem musikinteressierten Besitzer eines schnelleren PCs (PowerMac oder Pentium 75 mit 16MB RAM sollte es schon sein) eine intuitiv zu bedienende 303- und 808-Emulation zum Das-muß-ich-haben-Preis, die klanglich so manchen teuren Hardware-Clone in die Schranken weisen dürfte. Ein tolles Spielzeug, kreativer und kurzweiliger als jedes Ballerspiel. Und das sagt jemand, der Ballerspielen durchaus nicht abgeneigt ist.

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