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»Ein doppelter männlicher Körper«

Modetheoretikerin Barbara Vinken im Interview

Ohne Powersuits geht diesen Winter gar nichts – zumindest in der Damenmode. Aber wie kommt es, dass gerade ein derart zeitloses Kleidungsstück regelmäßig zum Trend avanciert? Frederike Ebert hat mit einer gesprochen, die es wissen muss: Prof. Dr. Barbara Vinken ist Professorin für Allgemeine Literaturwissenschaft und Romanische Philologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München und die vielleicht bedeutendste Modetheoretikerin Deutschlands.
Geschrieben am
Woher stammt der Anzug?
Der Anzug entwickelte sich aus der Kleidung des dritten Standes. Die Kleidung des bürgerlichen Mannes bleibt ausschließlich auf die des geschmückten Höflings bezogen. Nicht mehr schön, sondern korrekt angezogen zu sein ist Ziel des Bürgers.

Warum gibt es in der Damenmode kein ebenbürtiges, ähnlich populäres Pendant? 
Nach der Revolution wurden Mode und Weiblichkeit oder gar Weibischkeit synonym. Die Frauen mussten der Mode nicht entsagen, dafür aber teilten die Männer Macht, Geld und Autorität mehr oder weniger brüderlich unter sich auf. Da blieb kein Platz für ein weibliches Pendant zum Anzug.

Eigentlich ist der Anzug ein förmliches Kleidungsstück, das bestimmten Berufsgruppen vorbehalten ist. Dennoch wird er auch immer wieder von Subkulturen zweckentfremdet: von den mexikanischen Pachucos der 30er über die englischen Teddy Boys der 50er bis hin zu den Mods in den 70ern/80ern. Woher kommt die Faszination für den Anzug?
Ja, und denken Sie an die Gentlemen of Bacongo. Eine mich faszinierende Faszination, die den bürgerlichen Sprechakt des Anzugs dekonstruiert. Sinn und Zweck des Anzugs ist ja, in Kleidern zu signalisieren, dass man Wichtigeres im Kopf hat als die Kleider, die man trägt. Distinktion liegt darin, sich nicht durch Kleider, sondern durch Leistung hervorzutun. Der Anzug schafft so etwas wie einen doppelten männlichen Körper, einen Amtskörper, in dem der individuelle Körper aufgeht. Diese beiden den Anzug bestimmenden Sprechakte entlarven die Aneignungen des Anzugs durch Subkulturen. Denn ihr Anzug sticht sofort ins Auge, und ihr Körper darin tritt bestimmt nicht in Reih und Glied zurück. Um es etwas salopp zu sagen, wird der Anzug in den Subkulturen gründlich umgekrempelt.

Der Anzug ist nur ein Beispiel für zahllose Stücke der Männermode, die auch von Frauen getragen werden. Welchen Reiz übt er auf weibliche Trägerinnen aus?
Im Hosenanzug scheint auch die Frau den geforderten männlichen Modeverzicht zu leisten: Wie er zieht sie sich für das Amt, das sie bekleidet, an. Wenn die Hosenanzüge dann nicht wie eine Mimikry ans Männliche aussehen sollen, haben sie aber meistens noch einen anderen Vorteil: Sie spielen mit den weiblichen Reizen, umfließen und umspielen den Körper weicher, sind farbiger und verzichten oft nicht auf das Spiel zwischen Haut und Stoff – anders als der männliche Anzug.
Bild: Lukas Senger & Frederike Wetzels
Warum funktioniert die Adaption nur in diese eine Richtung: Frauen bedienen sich bei den Männern? Andersherum greifen Menswear-Kollektionen nur selten Elemente der Womenswear auf?
Die weibliche Mode des 20. Jahrhunderts wird modern, indem sie Stück für Stück Männerkleider in Frauenkleider übersetzt. Das hat Coco Chanel gesagt, die es wissen muss. Mit dem Smoking von Yves St. Laurent war diese Übersetzung der nachrevolutionären Männermode in die Frauenmode abgeschlossen. Die Bleistiftanzüge von Cardin, die Anzüge von Helmut Lang und die von Slimane für Dior übertragen umgekehrt Techniken der weiblichen Haute Couture in die Herrenmode: Diese Anzüge sitzen wie angegossen.

Genderneutrale Bekleidung ist schon seit mehreren Saisons ein großes Thema – bislang zwar vor allem im Bereich der High Fashion, aber auch immer mehr High-Street-Brands greifen den Trend auf. Warum wird gerade Berufsbekleidung wie der Anzug oder der Overall dabei gerne zitiert?
Genderneutralität halte ich für den falschen Begriff. Ich würde eher von cross dressing reden. Und es ist ja nicht zu übersehen, dass das Anziehen der Kleider des anderen Geschlechts einen erotischen Mehrwert produziert. Marlene sah in Smoking mit Zylinder und Zigarette verrucht aus. Und, wie gesagt, Overalls und Anzüge werden in den weiblichen Linien von einer Funktionskleidung, die sie quasi augenzwinkernd zitieren, zu einem Schmuck, der die Reize unterstreicht.

Wenn Sie für uns einen Blick in die Glaskugel werfen: Wie werden wir uns in 50 oder 100 Jahren kleiden? Werden wir noch zwischen Damen- und Herrenmode unterscheiden?
Vor der Revolution trennte die Mode streng, wie Schiller schreibt, die Stände. Heute trennt sie die Geschlechter und zieht ihren Reiz daraus, sich die Kleider und Allüren des anderen Geschlechtes überzustreifen. Im Moment sehe ich nicht, wodurch diese Hauptopposition zwischen Herren- und Damenmode, die in der Mode reizend umspielt wird, ersetzt werden könnte.
 
Und zu guter Letzt: In welche Art von Anzug sollte man investieren? 
Bloß keine bierernste Mimikry ans Männliche. Wie wäre es mit einer Rüsche an der Hose?

Unsere Modestrecke »Suits Every Body« findet ihr hier.

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