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Mein erstes Mal

Konzert in Virtual Reality

2016 dürfte das Jahr sein, in dem Virtual Reality salonfähig und bezahlbar wird. Das mag noch nicht für die auf Gaming ausgerichteten Modelle zutreffen, aber Technikfirmen wie Samsung setzen in ihren neuen Smartphones eindeutig auf »VR for the masses«. Auch die Musikindustrie springt auf: So wurde Ende Februar eine Show der Band Years & Years live in VR übertragen. Daniel Koch hat sich den Gig angeschaut: mit Virtual-Reality-Brille und ohne. Ein Erfahrungsbericht. 
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Ich stehe in der ersten Reihe und sehe im Augenwinkel, wie das junge Pärchen links von mir schon wieder rumknutscht. Wisch. Ich hänge am spinnenartigen Bühnengerüst und schaue Years&Years-Keyboarder Emre Türkmen auf die gepflegten Finger. Wisch. Ich bin im Zentrum der Rundbühne und versuche herauszufinden, wo Sänger Olly Alexander in seiner bunten, bollerigen Hose seinen Hintern versteckt hält. In der realen Welt sitze ich dabei in einem schmucklosen Raum auf einem Drehstuhl, schaue durch eine Brillenvorrichtung in das Display eines Samsung-S7-Smartphones und nutze ein Touchpad, um zwischen den drei 360-Grad-Kameras zu switchen, die im Aufnahmestudio verteilt sind. Wäre jetzt das Internet schnell genug, um den Stream ruckelfrei auf das Display zu kriegen – ich wäre vollends in diesen neuen Perspektiven einer Konzerterfahrung verloren.

Der Abend mit Years & Years in London ist eine Premiere: Es ist die erste VR-Liveübertragung eines Konzertes, und es ist kein Zufall, dass sich hier Technik-Riese Samsung, Label-Riese Universal und eine Band gefunden haben, deren Sänger vor der Show vergnügt sagte: »Gib uns eine neue Technik, die uns unseren Fans näher bringt, und wir sind dabei.« Universal ist eines der ersten Labels, das Musik-VR-Content im großen Stil auf den Markt bringt. Neben den Aufnahmen dieses Abends wird man zum Beispiel im April ausgewählte Shows des iHeartRadio Music Festivals aufzeichnen und streamen. Samsung stellt die Technik dazu und bietet sein VR-Brillen-Modell für schlappe 99 Euro an – allerdings braucht es dazu ein Samsung S6 oder S7, Kostenpunkt ohne Vertrag ungefähr 650 Euro. Die Firma hat auch den Abend im Londoner Hospital Club finanziert, zu dem Blogger, Journalisten und Fans der Band geladen waren. Ich bin einer der wenigen, der noch nie eine VR-Erfahrung hatte, die netten Tech-Blogger-Kollegen um mich herum haben zumindest schon mal einen Porno in Virtual Reality gesehen. Was aber auch daran liegt, dass diese Branche das Potenzial dieser Technik früh erkannt hat. Doch zurück zu VR und Musik: David Lowes, Chief Marketing Officer von Samsung Europa, sagte mir im Interview vor dem Gig: »Wir machen das, weil wir zeigen wollen, wie ein Smartphone und VR die Kunst der Liveperformance bereichern können.« 
Was zu der Frage führt, die mich beschäftigt, seitdem ich mich mit der Brille in die Show geschaltet habe: Tut sie das wirklich? Ein »Jein« wäre wohl die beste Antwort: Natürlich vermisse ich den körperlich spürbaren Sound, die Atmosphäre, ja, sogar den Schweißgeruch, der mich empfängt, als ich die letzten Songs live im Studio anschaue – und Biertrinken mit VR-Brille könnte auch danebengehen. Aber dennoch: Die VR-Brille bringt mich an Orte, an denen mich normalerweise ein Security-Gorilla niederringen würde. Und niemand stört sich daran, wenn ich gedankenverloren dem Typen neben der Publikumskamera dabei zuschaue, wie er sich im Gesicht und in der Nase herumfuhrwerkt. Was zugegeben etwas creepy ist, denn diese Technik ist damit natürlich auch ein Paradies für Spanner. Wer weiß zum Beispiel, wer sich alles in eine Publikumskamera bei einem, sagen wir, Justin-Bieber-Konzert schaltet und wohin diese Leute starren.

Wirklich bereichernd für einen Musikfan wird VR, wenn wichtige Konzerte auf diese Weise aufgezeichnet werden. Das merke ich spätestens, als ich nach dem Konzert mit Regisseur Sam Wrench spreche. Der hat zum Beispiel die neueste Blur-Doku verantwortet und zahlreiche Konzertfilme gedreht. Auf meine Frage, welches historische Konzert er gerne auf VR zu Hause hätte, sagt er mir: »Es klingt blöd, weil es so nahe liegend ist, aber: die Unplugged-Show von Nirvana. Stell dir vor, du könntest dir die jeden Abend neu, aus anderen Perspektiven anschauen.« Genau das tue ich seitdem. Und freue mich schon jetzt auf den Moment, in dem Zeitreisen erfunden werden, damit jemand mit 360-Grad-Kameras nach Woodstock, zum ersten Sex-Pistols-Gig oder zum »One Love Peace Concert« nach Kingston reist. 

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