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Wiederholt die Filmindustrie die Fehler der Musikbranche?

Guerillas im Nebel

Zurzeit lassen immer mehr Guerilla-Videosites ihre Inhalte ins Netz fließen. TV-Serien sind leicht und umsonst zu finden - ohne dass der Nutzer solch umstrittener Angebote über viel technisches Vorwissen verfügen müsste. Die Industrie fürchtet um ihre Umsätze. Ein Zustandsbericht. Der September ist
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Zurzeit lassen immer mehr Guerilla-Videosites ihre Inhalte ins Netz fließen. TV-Serien sind leicht und umsonst zu finden - ohne dass der Nutzer solch umstrittener Angebote über viel technisches Vorwissen verfügen müsste. Die Industrie fürchtet um ihre Umsätze. Ein Zustandsbericht. Der September ist traditionsgemäß der Monat, in dem in den USA der Kampf um die Einschaltquoten in die nächste Runde geht. Hoffnungsvolle Serien laufen an, etablierte Serien legen mit neuen Staffeln nach. So startete beispielsweise am 25. September die vierte Staffel der Erfolgsgeschichte um den genialischen "Dr. House", der auch in Deutschland bei RTL erfolgreich seine zynischen Pointen verspritzt. Kaum 24 Stunden später konnte man sich beide Folgen bereits zur Gänze via Internet im Stream anschauen.

Eine ganze Reihe von Guerilla-Videosites wie www.youtvpc.com, www.peekvid.com oder http://tv-links.co.uk kümmert sich mittlerweile um die Bedürfnisse von Serienjunkies, die sehnsüchtig auf die nächste Folge ihrer Lieblingsshow hoffen und keineswegs warten wollen, bis die Geschichten entweder im Fernsehen laufen oder noch später als DVD erscheinen. Das Besondere dabei: kein Filesharing, kein Peer-to-Peer, kein umständliches Installieren von Software. Also auch für Komplett-Amateure machbar. Diese Entwicklung ist der Filmindustrie natürlich nicht verborgen geblieben. Der Hintergrund: Völlig zu Recht befürchtet man hier Zustände wie beim kriselnden Geschäft mit Musik. Über die Jahre haben sich viele User daran gewöhnt, Songs und Alben aus dem Internet - zwar illegal, aber umsonst - zu beziehen. Übertragen auf die Filmindustrie, befürchtet man vor allem Einbußen im Kino- und DVD-Geschäft. Richtete die Industrie also bis dato ihre schweren Geschütze vorwiegend auf Big Player wie YouTube, scheint sich der Wind jetzt zu drehen - der Kampf gegen kleine, unscheinbare Guerilla-Sites hat begonnen.

Sebastian Fink, Kevin Jackowski und Marcel Wagner betreiben die Seite www.alluc.org (was für "All You See" steht), eine weitere sehr erfolgreiche Guerilla-Website. Auf der schmucklosen, übersichtlichen Webpage finden sich sowohl aktuelle Serien, aber auch alte Schinken. Sebastian gibt uns einen Einblick in diese Welt: "Nachdem ich bei einem USA-Austausch die Serie ›Family Guy‹ kennengelernt hatte, die damals noch nicht im deutschen Fernsehen lief, bemerkte ich, dass man fast alle Folgen der Serie online sehen konnte. Daraufhin habe ich zusammen mit zwei Freunden die erste Version der Seite aufgesetzt, auf der lediglich die Links für die ›Family Guy‹-Folgen zu finden waren. Am ersten Tag hatten wir bereits 400 Besucher, am zweiten 9000, und so ging es weiter. Als die Besucher dann anfingen, uns Links zu anderen Serien zu schicken, haben wir auch die verlinkt."

Hier wird schon der besondere Ansatz der Webpage deutlich: Im Grunde werden nur die Links der mittlerweile 300.000 User gepostet, abgesichert durch den gesetzlichen Hinweis, für das Material nicht verantwortlich zu sein, dann öffnet sich ein neues Fenster mit dem Inhalt. Kann man sich darauf rechtlich verlassen, ist ihre Seite also legal? Sebastian erklärt: "Wir berufen uns auf ein von unserem fachkundigen Anwalt angefertigtes Gutachten. Unser System ist lediglich eine von den Usern gefüllte Suchmaschine für Videoinhalte, dieselben Inhalte können auch über Google gefunden werden. Inwieweit die hostenden Systeme sicherstellen, dass ihre Inhalte autorisiert sind, können wir nicht beurteilen. Die Disclaimer der verlinkten Seiten weisen ausdrücklich auf die Beachtung der Postingregeln hin. Unser System scannt jeden Tag, ob die Inhalte auf den hostenden Systemen als Copyright verletzend markiert wurden, solche Inhalte werden bei uns sofort gelöscht." Damit liegt die Verantwortung also bei Plattformen wie YouTube, Veoh oder Stage6. Noch fühlen sie sich also auf der sicheren Seite. Das könnte sich bald ändern.Bis vor Kurzem waren sich nämlich auch die beiden studentischen Betreiber der amerikanischen Guerillaseite YouTVpc ganz sicher. Im Gegensatz zu YouTube, die ihre Videos auf eigenen Servern speichern, verlinken Sam Martinez und Billy Duran - ebenso wie die Macher von Alluc - auf Server, die z. B. in Frankreich oder China beheimatet sind. Da der Content also nicht auf ihren eigenen Computern lagert, verletzten sie keine Copyright-Gesetze, erklärten sie noch im April dem Wall Street Journal. Kaum zwei Monate später wurden sie ebenso wie die Seite peekvid.com von der Motion Picture Association of America (MPAA) verklagt, die die sechs großen Hollywoodstudios vertritt. Der Anti-Piracy Director der MPAA, John Malcolm, versteht die Klage vor allem als Warnung für andere, ähnlich operierende Websites: "Der einzige Zweck dieser Seiten ist es, Content zu verbreiten, der illegal reproduziert und verteilt wurde. Sie verletzen Copyrights." Ein gewaltiger Schritt für die Filmindustrie - bis dato wurden zwar Filesharing-Seiten verklagt, niemals jedoch Webpages, die nur auf Filesharing-Seiten verlinken.

Das Bedrohungspotenzial für die Filmindustrie wird noch deutlicher, wenn man Zahlen sprechen lässt: Peekvid.com etablierte sich zwischenzeitlich auf Rang 20 der am meisten aufgerufenen Multimedia-Entertainment-Seiten in den USA, knapp hinter Viacom, aber noch vor Napster. Alluc.org erreichte den 43. Platz dieser Hitliste, sie ließen die Video-Sharing-Site von Sony hinter sich. Um es kurz zu sagen: Ein paar Studenten laufen Multimillionendollar-Unternehmen den Rang ab.

Sebastian von alluc.org verfolgt die Entwicklung in den USA zwar, grenzt sich aber von den verklagten Guerilla-Sites ab: "Diese Seiten gehen anders vor als wir: Erstens haben sie nicht auf Inhalte verlinkt, sondern sie direkt auf ihren Seiten eingebunden und sie sich somit zu eigen gemacht. Und zweitens haben sie nicht ausdrücklich auf die tatsächlichen Hoster hingewiesen. Wir haben bis jetzt nur Kontakt mit Fox und Paramount gehabt, die uns vor einigen Monaten auf einige unautorisierte Links hingewiesen haben, welche wir daraufhin löschten. Dieses Verfahren wurde von den Unternehmen akzeptiert." Wie aber reagieren sie auf den Vorwurf, illegale Aktivitäten zu fördern? "Ich glaube, was wir machen, hilft der Industrie eher, als dass es schadet, da durch unseren Service Serien von Leuten gesehen werden, die normalerweise niemals mit diesen Produktionen in Kontakt gekommen wären. Was letztlich den DVD-Handel fördert."

Gerade angesichts des boomenden DVD-Marktes kann man diese Sichtweise nachvollziehen, die Verbreitung als Promotion zu verstehen. Denn tatsächlich ist es äußerst schwierig, US-Serien, die für Deutschland nicht lizenziert wurden, käuflich zu erwerben. Oft bleibt nur der teure Import - oder die Illegalität. Seiten wie alluc.org beweisen es: Das Interesse an US-Serien wächst, und auf das deutsche Fernsehen mag man sich als Liebhaber kaum mehr verlassen als Quelle hochwertiger, aber speziellerer Produktionen. Die Filmindustrie bemüht sich, die Fehler der Musikindustrie nicht zu kopieren. Das ist löblich. Warum also nicht auf den zweifelsfrei vorhandenen Bedarf reagieren und den Leuten endlich eine befriedigende Download-Plattform anbieten und später mit hochwertigen DVD-Boxen nachlegen? Klagen werden das Problem jedenfalls nicht lösen.

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