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Schon seit Ewigkeiten in Mode

Heute: Die Hornbrille

Die Brille des denkenden Menschen ist neuerdings auch unabdingbares Style-Accessoire junger Hipster.
Geschrieben am
Die Brille des denkenden Menschen ist neuerdings auch unabdingbares Style-Accessoire junger Hipster, die man einschlägige Textilgeschäfte frequentieren sieht. Wenn Mario Lasar irgendwann mal eine Brille brauchen sollte, würde er sich ohne zu zögern für eine Hornbrille entscheiden.

Ich weiß nicht mehr, wann es passierte, aber seit geraumer Zeit sieht man all diese jungen hippen Leute mit ihren schwarz-weiß-karierten Hemden und den engen Hosen Hornbrillen tragen. Galt sie in vergangenen Jahrzehnten als Insignie des ultimativen modischen Außenseitertums, wie es von Nerds wie Woody Allen repräsentiert wurde, hat die Hornbrille heutzutage einen Bedeutungswandel erfahren, der seinesgleichen sucht. Nicht dass das Gestell plötzlich seine nerdige Konnotation eingebüßt hätte - vielmehr scheint der Nerd als Role-Model in der heutigen Zeit eine Aufwertung zu erleben. Der Umstand, dass auch die eigentlich fest in der Nerd-No-go-Area verankerte Strickjacke mit Hip-Status besetzt wurde, verweist ebenfalls auf diese Entwicklung.

War Nerdism ehedem als Synonym für eine gewisse Opferrolle zu verstehen, die einem von den Nicht-Nerds zugewiesen wurde, ist er mittlerweile fast schon zu einer neuen Jugendbewegung in der Tradition der Mods oder Teds avanciert. Der Nerd ist nicht mehr stigmatisiertes Opfer, sondern eine Option, die man selbst erwählt. Nun könnte man argumentieren, dass eine dicke Brille allein einen noch nicht zum Nerd macht. Tatsächlich sollte man die Neuentdeckung der Hornbrille so verstehen, dass sie Nerdkultur lediglich zitiert, statt sie in ihrer Eigentlichkeit nachzuahmen. Die Hipster wären auch ohne Hornbrille hip, während die echten Nerds, die Briefmarken sammeln und sich ihre Klamotten von ihrer Mutter kaufen lassen, trotz Hornbrille nicht zur Hipster-Elite zählen würden. Dabei hätten sie es natürlich im Grunde verdient.

Bereits lange bevor die Hornbrille Hip-Status genoss, waren die coolsten Typen die mit den dicken Brillen: Bei der 80er-Jahre-Fernsehserie "Trio mit vier Fäusten" war es immer der weltfremde Wissenschaftler Murray Bozinsky, mit dem man sympathisierte. Seine Kollegen Cody und Nick disqualifizierten sich durch zu viel Schnäuzer (gleichwohl: auch schon wieder hip! schlimm, schlimm) beziehungsweise Haarausfall. Als Buddy Holly in den Fünfzigerjahren auf der Bildfläche erschien, hielt die Hornbrille Einzug in die Popmusik. Sie ließ ihn mindestens zehn Jahre älter aussehen, als er war, aber die sehnsüchtigen Balladen über unerfüllte Liebe wurden kraft der Brille umso glaubhafter. Man sagt, dass der junge John Lennon erst in der Folge Buddy Hollys seine National-Health-Brille mit Stolz getragen habe (bevor er sie in den 70ern durch das bekannte "Leo Trotzki"-Modell ersetzte).



James Dean hingegen schämte sich für seine Hornbrille so sehr, dass er sie auf Fotos fast nie trug. Dabei gilt in diesem Fall die Regel, dass ein kleiner Makel einem von Natur aus schönen Menschen zusätzlich noch den Hauch von Tiefe und Interessantheit verleiht. Hier bestätigt sich einmal mehr der Ausspruch Jarvis Cockers, demzufolge "perfect people perfectly boring" seien. Auch er eignet sich als Beispiel eines passionierten Hornbrillenträgers, dem es vergönnt war, nach jahrzehntelanger Marginalisierung plötzlich als cooler Typ zu gelten - auch wenn sich sein aktueller Look, der sich an dem Berufsaussehen von Erdkundelehrern zwischen 1976 und 1983 orientiert, noch nicht als mehrheitsfähig erwiesen hat (was sehr schade ist).

Eine der bekanntesten jungen Hornbrillenträgerinnen ist Lourdes Ciccone (die derzeit das Cover des Kölner Fanzines Neue Probleme ziert). Die Madonna-Tochter kokettiert so mit einem von behaupteter Reife geprägten Image, das in interessantem, womöglich leicht ironisiertem Widerspruch steht zu ihrem tatsächlichen Alter. Außerdem stellt sie auf diese Weise eine Seriosität zur Schau, die sich von dem eher offensiv sexuell aufgeladenen Style ihrer Mutter abhebt. Man sieht, dass die Hornbrille aus der Geschichte der populären Kultur der letzten sechzig Jahre oder länger (der bekannte Architekt Le Corbusier machte sie schließlich bereits in den 20er-Jahren zu seinem Markenzeichen) nicht mehr wegzudenken ist. Also schnell zum Optiker - bevor es zu spät ist.

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