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Der Tod steht dir gut

RP/Encore & Love To Death

Zwischen all den Mädchen mit neonfarbenen Leggins und Over-Knee-Boots aus Lack ist es Reid Peppard , an deren Hals eine Kette mit einer toten Ratte baumelt.
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In Londoner Nachtclubs aus der Hipster-Masse modisch herauszustechen ist nicht einfach, Reid Peppard ausfindig zu machen schon, denn zwischen all den Mädchen mit neonfarbenen Leggins und Over-Knee-Boots aus Lack ist sie es, an deren Hals eine Kette mit einer toten Ratte baumelt.

"Auf den Straßen Londons liegen viele tote Tiere herum, die als Grundlage für meine Arbeiten dienen", erzählt die 23 Jahre alte Schmuckdesignerin. Überraschenderweise sieht sie nicht aus wie ein Goth, der sich mit totem Getier behängen würde, sondern wie ein Model, das gerade zum nächsten Casting spaziert. Sie arbeitet auch nicht auf dem Friedhof, sondern hat am Londoner Central Saint Martins College of Art and Design Kunst studiert und präpariert in ihrer Freizeit gern Tiere.

Diese Faszination pflegt sie seit Kindertagen: "Die Katze meiner Oma brachte häufig Mäuse und Ratten nach Hause, und ich habe gelernt, mich davor nicht zu ekeln", erinnert sich Reid an ihre künstlerischen Anfänge. "Irgendwann habe ich dann einen Schritt weiter gedacht."

Wenn sie ein Tier findet, steckt sie es zunächst mehrere Tage in das Gefrierfach, damit alle Bakterien abgetötet werden, dann präpariert sie den Leichnam selbst. So werden aus Ratten tragbare Accessoires, mittlerweile ist aus den Londoner Tierkadavern eine ganze erste Kollektion ihres Labels RP/Encore entstanden. Begleitet wurde das Erscheinen der ungewöhnlichen Linie von einem medialen Aufschrei, den die häufige Verarbeitung von echtem Pelz bei den diesjährigen Fashion Weeks vermissen ließ.
Echter Fuchspelz, für dessen Entstehung mehrere Tiere aus Wildbahn oder Zucht ihr Leben lassen und gegen den Demonstranten von PETA vor den Berliner Shows im Neandertaler-Outfit protestierten, fanden diese Saison weit weniger Beachtung als Reits auf natürlichem Wege aus dem Leben geschiedene Präparate. Reid erklärt, dass für sie keine Tiere aufgeschlitzt werden sollen; sie selbst ist Vegetarierin, doch einen Pelzmantel besitzt auch sie. Allerdings Secondhand gekauft, das sei doch wohl okay? Damit geht sie einerseits weg von der neuen Generation Pelz, aber eben nicht weit weg von "Sorry, we are not sorry". Eine eindeutige moralische Orientierung zum Thema tote Tiere gibt RP/Encore nämlich nicht mit ins Schmuckkästchen zu den pelzigen oder gefiederten Gliedmaßen.



Reids Kollegen von Love To Death, Audra und Karen L. Barnes aus San Francisco, die ebenfalls Schmuck aus toten Tieren fertigen, berichten hauptsächlich von positiven Reaktionen: "Wenn ich Leuten von meiner Arbeit erzähle, überfordere ich viele damit am Anfang, aber dann, wenn sie eine Kette mit einem Eichhörnchenherz in der Hand halten, erkennen sie die innere Schönheit", schwärmt Audra, die bei ihrer Hochzeit selbst Vogelflügel im Haar trug. Beide Designer leben vegetarisch und haben nur wenig Verständnis für Modeblogger und Stilikonen wie Kate Moss, Agyness Deyn oder die Olsen-Zwillinge, die Pelz auf roten Teppichen, Magazincovern oder Outfit-Posts zur Schau stellen. Audra sagt, dass sie der verstorbenen Eichhörnchen und Ratten mit ihren Accessoires gedenke und ihnen eine Art Monument auf Erden setzen wolle. Im Gegensatz zu ihrer Kollegin Reit würde sie aber keinesfalls einen Vintage-Pelz tragen, um diesen Modetrend nicht weiter zu promoten.

Ob sich der Trend des morbiden Accessoires durchsetzen wird, bleibt fraglich. Reid jedenfalls möchte nicht, dass Teile wie ihre mit einem Rattenkopf verzierte Fliege Mainstream werden. "Meine Kollektion würde ihre Aussagekraft verlieren, wenn auf einmal Kids in Japan kleine Ratten zu Taschen verarbeiten würden", sagt sie. Da ihre Schmuckstücke alle handgefertigt sind, ist die Gefahr bei Preisen zwischen 800 bis 1600 Euro auch nicht allzu groß. Hauptsächlich Künstler oder Grafiker bestellen bei RP/Encore, denn diese verstehen die Geschichte, die jedes ihrer Stücke hat, und bringen den Mut auf, die toten Ratten würdig ins Outfit einzubinden. Auf die Frage, was man mitbringen muss, um die RP/Encore-Kollektion zu tragen, hat Reid eine ganz einfache Antwort: "Viel Selbstbewusstsein und ein gesundes Ego."

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