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Spaß an der Wut

Zugezogen Maskulin im Gespräch

Auf ihrem Album »Alles brennt« waren Zugezogen Maskulin zwar schon leicht angepisst, glaubten aber noch an das Gute im Menschen. Auf »Alle gegen alle« haben sie diesen Glauben nahezu begraben – kein Wunder, seht euch doch mal um! Aida Baghernejad hat sich mit dem HipHop-Duo zu einem Gespräch über die Beschissenheit der Dinge getroffen.
Geschrieben am
Grim104 und Testo haben je einen Bio-Fruchtriegel im Mund, als sie zur Tür reinkommen – die haben sie nach dem Real-Sein bei rap.de schnell noch im Biomarkt gekauft. Wir sitzen unter dem Dach in einem Kreuzberger Loft, die Sonne scheint, der Kaffee riecht gut, die Welt ist schön. Oder?

Nein, irgendwie nicht. Es ist Deutschland im Herbst 2017. Rassistische Positionen rücken immer mehr in den Mainstream, und Deutschrap antwortet darauf mit unpolitischen Tracks über Supreme-Releases. Die AfD ist gerade drittstärkste Kraft im Bundestag geworden, der nukleare Winter scheint eine ernsthafte Zukunftsoption zu sein, und wahrscheinlich fällt uns bald auch noch der Himmel auf den Kopf. Wie soll man denn nicht verrückt werden in dieser Welt, in der wir in Echtzeit dabei zuschauen können, wie sich die Menschheit zurückentwickelt in die Steinzeit und Weltpolitik zusehends eher wie triebgesteuerte Überkompensation wirkt.

Ist das alles überraschend? Nicht wirklich, meint zumindest Testo: »Wenn man in den letzten Jahren den Blick aus den Großstädten und aus der Medienblase rausgewagt hat, bekam man schon ein Gefühl dafür, dass da vielleicht etwas auf uns zukommt.« Aus diesem Gefühl des Unbehagens und dem Wissen, dass da einiges ziemlich schlecht aussieht und eher noch düsterer wird, ist das dritte Zugezogen-Maskulin-Album nach dem gefeierten Zweitling »Alles brennt« entstanden. »Als wir die Platte gemacht haben, war ich lange Zeit überhaupt nicht in der Stimmung, irgendetwas Witziges oder Feuriges zu machen. Es war ziemlich deprimierend«, erzählt Grim104. Das Scheißjahr 2016 hat auch Grim und Testo nicht kaltgelassen: »Wir dachten immer, okay, die Menschen sind ja im Grunde gut, und am Ende wird auch alles gut. Aber phasenweise frage ich mich schon, ob ich nicht anders auf die Menscheit und das, was gerade so abgeht, blicken muss«, so Testo.

»Alles driftet auseinander«

Kein Wunder, wenn man bedenkt, mit welchen Hoffnungen unsere Generation, irgendwo zwischen Mitte 20 und Mitte 30, ins Leben gestartet ist. Das Internet war das große Versprechen, es würde die Welt zusammenbringen, im globalen Dorf wären wir alle Nachbarn. Aber Pustekuchen: Auf den Social-Media-Kanälen regieren Hass, Häme, Verachtung. In Facebook-Gruppen wird gegen das ominöse Andere gehetzt. Auf Twitter herrschen Hasstiraden und Mobbing. Der Algorithmus wird zum Feind und befeuert die Extreme – Fake News ziehen eben besser als die langweilige Realität. Und statt uns alle zu besseren Menschen zu machen, wirft der Hass ein verzerrtes und angsteinflößendes Bild zurück in die Realität. Das Resultat: Pegida, AfD im Parlament, rechte Sprüche werden Mainstream. Alle kämpfen gegeneinander und ums Überleben. Oder glauben es zumindest.

»Im Prinzip sind es ganz viele Entfremdungen: Der Mensch entfremdet sich von sich selbst, die Menschen entfremden sich untereinander, was zur Auflösung der Gesellschaft in einzelne Partikel führt, die dann gegeneinander kämpfen«, so beschreibt es Testo. Entfremdung. Das große Oberthema auf »Alle gegen alle« und wahrscheinlich auch das große Oberthema unserer verkorksten Gesellschaft. Auf der Ende Juli veröffentlichten Single »Uwe & Heiko« heißt es ganz passend: »[...] in uns ist ein Gift, das alles zwischen uns vernichtet«, aber auch der Rest des Albums ist von diesem Gefühl bestimmt, den Bezug zueinander und vor allem zu sich selbst zu verlieren. In einer Welt, die von wirtschaftlichen Zwängen bestimmt wird, wo jeder zu jedem Zeitpunkt Angst hat, seine Arbeit zu verlieren. Ein Wirtschaftssystem, das nur dann richtig gut funktioniert, wenn jeder sich besonders ins Zeug legt, weil man weiß, dass die Nachfolger schon warten: »Alles driftet auseinander. Dazu kommt die Entfremdung durch die Leistungsgesellschaft, im Prinzip sollen alle Menschen, mit denen du zur Schule gehst, in die Uni gehst und auch im Job, deine Konkurrenten sein, und du hast dich gefälligst durchzusetzen und dich ausbeuten zu lassen«, sagt Testo.

Alles wird Performance, jeder Teil der Persönlichkeit wird verwertbar. Heraus kommt man aus dieser Nummer nur schwer: »Selbst das Ablehnen von Performance und Verwertbarkeit ist am Ende wieder ein verwertbarer Wert. Zum Beispiel Musik zu machen, die rebellisch oder sozialkritisch ist. Auch das ist ein unique selling point«, lacht Grim104 und lässt sich genüsslich die Worte auf der Zunge zergehen. Das Monster in mir ist der kapitalistische Ausbeuter. Schließlich muss man auch Asche machen, Miete zahlen, ein Album promoten und dafür ein verwertbares Produkt schaffen, was ja nicht nur eine Deluxe-Fanbox, sondern auch die Kunstfiguren Grim104 und Testo selbst sind, auch wenn es den Privatpersonen dahinter manchmal widerstrebt: »Jetzt muss ich wieder in diese Figur reinwachsen. In diese Figur, die verwertbar ist. Das ist die Welt, in der wir leben. Ich habe die Regeln ja nicht gemacht! Der Punkt ist, bei aller Forderung nach Verwertbarkeit und Performance trotzdem noch möglichst authentisch zu sein. Das zieht sich durch alle Bereiche, weil man immer vor der Frage steht: Spiele ich das Spiel jetzt mit? Oder will ich bei mir bleiben und Qualität liefern?«, sagt Testo. »Ein Leben, das nur nach Verwertbarkeit und Performance giert, ist ja auf Dauer so lebenswert auch nicht«, ergänzt Grim. Aber ist ein anderes Leben in diesem System möglich? Oder kann man sich das nur leisten, weil man ja diesen Luxus hat, als Künstler überleben zu können, mit seiner Kritik Geld zu verdienen und nicht die Klappe halten zu müssen, weil man sonst seinen Job verliert.

»Alles an mir riecht nach Stadt«

»Das ist natürlich diese andere Entfremdung: Auf einmal verdiene ich Geld mit dem Musikmachen und kann für mein Alter und für meine Verhältnisse ganz gut davon leben, stelle aber fest, ich verdiene mehr Kohle durch das Musikmachen als meine Eltern, was komisch ist«, meint Grim. Erwachsen werden, sich weiterentwickeln bedeutet auch immer, sich von seiner eigenen Vergangenheit ein Stück weit zu entfernen. Mit seiner Familie rauft man sich vielleicht zusammen, aber mit alten Freunden ist das schon ganz anders. Man stellt infrage, womit man aufgewachsen ist, was man vielleicht früher kritiklos gefeiert hat. Gerade, wenn man vielleicht sein Zuhause verlassen hat, um die große Welt zu erobern. Wenn man sein Dorf verlassen hat, um nach Berlin zu ziehen. Und am Ende wird es dann wie in der Testo-Line in »Uwe & Heiko«: »Ich spiel auf dem Oranienplatz, und du wählst die AfD.«

»Wir wollten jetzt nicht das Dorfi-Album machen«, sagt Grim, und trotzdem geht es auf »Alle gegen alle« auch immer wieder um die Orte und Menschen, die man hinter sich gelassen hat – zum Beispiel auf der Single »Uwe & Heiko« oder in den Tracks »Nachtbus« oder »Teenage Werewolf«. Gleichzeitig ist das Heimatdorf auch immer noch ein Sehnsuchtsort. Man kehrt für einige Tage zurück und glaubt, dass alles so sein kann wie früher. Mit Freunden abhängen, auf Dorffesten saufen und auch wieder Kind sein, Teenie sein, auf jeden Fall nicht erwachsen sein. Aber diese Idylle ist auch eine Illusion, sie verschwindet, weil das Leben der anderen ja nicht einfach stehen bleibt, nur weil man selbst weg ist – und man sich selbst verändert. Man ist eingetaucht in eine andere Welt, in eine andere Subkultur, lebt mit anderen Werten: »Ich kann das gar nicht mehr, alles an mir riecht nach Stadt und nach einem ganz anderen Milieu, in dem ich mich jetzt bewege. Und dann stelle ich fest: Ich war doch auch mal hier, ich war doch auch mal so ein Dorftyp«, erzählt Grim. »Ich bin ja auch immer noch nicht der absolute Stadttyp. Diese Durchlässigkeit habe ich auch noch nicht erreicht, dass ich im Prince Charles hänge und denke: ›Mann, ist das geil hier.‹ Dieses Zwischen-den-Stühlen-Stehen fuckt mich ja auch irgendwie ab.« Die Idee von Zuhause, von Heimat, von einem Ort, wo alles so ist, wie es niemals war, macht vor niemandem halt. Ob man nun AfD wählt oder auf dem Oranienplatz auftritt. Was bleibt, ist Wut.

»Mir macht’s Spaß, so wütend zu sein«

Die Wut über diesen dauernden Kampf da draußen, über die Verhältnisse und vor allem über die Entfremdung auf allen Ebenen hört man auf fast jedem Stück des Albums. Hält man so eine dauernde Wut aber auch aus? »Mir macht’s Spaß, so wütend zu sein«, sagt Testo. »Ich muss es rauslassen. Dafür ist die Musik ein gutes Medium. Aber ich bin nicht nur wütend, als Privatperson kann ich auch lachen. Ganz ehrlich, wenn ich mich unwohl fühle, ist es auch meine Pflicht als Künstler, dieses Unwohlsein zu formulieren. Nur wenn man etwas äußert und dadurch etwas besser gemacht werden kann, kommt man in der Gesellschaft vorwärts. Ansonsten würden wir immer noch in Höhlen wohnen oder für irgendwelche Lehnsherren auf dem Feld schuften.«

Das ist natürlich nur die eine Sichtweise. In der anderen entwickelt sich Deutschrap zu einer QVC-ähnlichen Shoppingplattform: Natürlich kann man auf eine Welt, in der alles vor die Hunde geht, in der Gewissheiten aufgekündigt werden und ein Haufen Männer mit Ego-Problem am Rande des dritten Weltkriegs tanzt, weil nicht mal mehr das reinste Koks aus Ecuador noch wirkt, auch mit Eskapismus reagieren. Aber so wirklich ändert es ja auch nichts, wenn man den nächsten Track über seine Liebe zu Drogen und Designer-Streetwear produziert. Klar, Kunst muss nichts und kann auch einfach nur für sich stehen. Aber in diesen Zeiten ist eben alles politisch, und sich im Influencer-Lifestyle einzurichten ist auch eine Aussage – und zwar wahrscheinlich die, dass die Welt da draußen einem ziemlich egal sein kann, weil der nächste Yeezy-Drop wichtiger ist als Rechtsextreme auf den Straßen.

»Wenn nichts Inhaltliches und nichts subversiv Kritisches mehr passiert, dann fühle ich mich auch irgendwann verarscht. Was soll mir denn hier verkauft werden? Das bildet nicht die Welt ab, wie ich sie sehe. Das ist wie ein Werbefilm, überästhetisiert und mit Instagramfilter«, so Testo. Natürlich waren geile Klamotten auch immer schon ein Teil von HipHop, man denke nur an »My Adidas« von Run DMC. Aber für jeden solchen Titel gab es auch ein »Hard Times« und ein »It’s Like That«. Die sucht man aber in cloudy Instagramfilter-Raps bislang vergebens. »Es hat mir schon gutgetan, meiner eigenen Uncoolness und Unswagginess mal Raum zu lassen«, beschreibt Grim die Motivation hinter einem Track wie »Yeezy Christ Superstar«. »Ich habe mich wirklich gefühlt wie ein Bauer in Gummistiefeln in einer Welt aus sehr adretten jungen Leuten, die alle coolen Modemarken kennen und sie sich auch leisten können. Geil angezogene Typen waren nicht der Grund, weshalb ich HipHop wahnsinnig spannend fand.«
  
Nur auf Influencer-Rap und den vermeintlichen Gegner einzudreschen ist allerdings auch zu einfach. Viel wichtiger ist, zu verstehen, woher diese Verachtung für Demokratie und eine pluralistische Gesellschaft kommen, meint Grim: »Warum wählen denn 13 % Menschen die AfD, von denen viele vorher Links gewählt haben? Liegt es vielleicht nicht nur daran, dass das einfach irgendwelche Trottel im Osten sind, die genetisch nicht dazu in der Lage sind, auch einmal in einem Biomarkt shoppen zu gehen, sondern daran, dass da wirklich einige Leute wirtschaftlich abgehängt sind?« Auch auf dem Album kommt diese Kritik an der eigenen Peergroup und dem eigenen Überlegenheitsdenken immer wieder heraus, zum Beispiel auf »Stirb!«: »Ihr seid 80 Millionen, die man umerziehen muss.« Immer wieder setzt sich besonders Testo auf dem Album mit dieser Verwerfungslinie zwischen Ost und West auseinander, mit der Perspektivlosigkeit und dem Gefühl, dass man dafür 89 nicht auf die Straße gegangen ist. Was auch immer »das« ist oder sein sollte.

»Es muss ja auch ballern!«

Wut und Depression allein machen aber noch nicht unbedingt ein gutes Album. Grim und Testo haben einfach richtig Bock, der Flow stimmt, die Beats, die hauptsächlich von Silkersoft produziert wurden, knallen und krachen. »Wir wollten schon ein Album machen, das auch live Bock macht und nicht nur, wenn man es zu Hause eingekuschelt im Bettchen hört«, sagt Testo. »Es muss ja auch ballern!«, schiebt Grim ein. Recht hat er. Auf »Alle gegen alle« steht jedes Stück für sich, und trotzdem machen sie zusammen Sinn, als Panoptikum unserer Zeit, als Spiegelbild der verdammten Entfremdung auf allen Ebenen, zwischen all den einzelnen Molekülen der Gesellschaft. Ihre Wut haben Zugezogen Maskulin in ein Album gegossen, das nicht nur das Heute beschreibt, sondern auch das Gestern und wahrscheinlich auch das Morgen. Wird die Welt untergehen? Vielleicht. Aber immerhin haben es uns Testo und Grim vorher mit ihrem Zahnfleischgrinsen ins Gesicht gespuckt. Ein Kommentar auf YouTube zum »Was für eine Zeit«-Video trifft es wohl am besten: »Irgendwann springt Grim mal aus dem Video und frisst uns alle auf.« Das wäre vielleicht nicht einmal das schlechteste Ende.

Zugezogen Maskulin

Alle gegen Alle

Release: 20.10.2017

℗ 2017 Four Music Productions GmbH

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