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The Lords of Song

XTC

Aber Ärger mit der Plattenfirma? Obsolet, denkt man wunsch, ein Gespenst. Relativ weit gefehlt, wie die Annahme, mit dem Restschnee an den Straßen würde am Ende des Winters auch der Dreck darin zu Wasser werden. Schlimmer als schmutzige Wäsche, die Colin Moulding, Bassist von XTC, nicht die geringst
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Autor: intro.de

Aber Ärger mit der Plattenfirma? Obsolet, denkt man wunsch, ein Gespenst. Relativ weit gefehlt, wie die Annahme, mit dem Restschnee an den Straßen würde am Ende des Winters auch der Dreck darin zu Wasser werden. Schlimmer als schmutzige Wäsche, die Colin Moulding, Bassist von XTC, nicht die geringste Lust aufzuhängen verspürt. Geht okay. Es gibt anderes in der über 20jährigen Geschichte von XTC, der Band, die eine Ex-Band ist, ein Duo, das at home in Swindon im Kämmerlein werkelt und alle paar Jahre wieder von sich hören läßt. Und zwar Musik.
Moulding ist die ewige Nummer zwei, der stille, der auch Songs schreibt (im Schnitt zwei pro Platte), der andere. Der eine, Andy Partridge, das archetypisch-verschrobene musikalische Genius, Brille, Stimme, Gitarre, viele Songs, als Musiker verehrt wie gleichermaßen ungeliebt ob seines zynischen und gelegentlich selbstmitleidigen Menschenbildes, der bei all seinen Beobachtungen des zwischenmenschlichen Stechens und Hauens dennoch gelegentlich einen freundlichen Hinweis auf den letzten Ballon für die übrig hat, die den Planeten verlassen möchten, ist heuer nicht zugegen. Lungenentzündung, hieß es erst, dann Grippe: "Er ist zu Hause und gibt Telefon-Interviews; so krank kann er nicht sein!" Colin sieht aus wie eh und je; leicht angegraut, ein bürgerlicher Eisenherz, der Partridge meist erwähnt, indem er über die gemeinsame Arbeit spricht und das mit der unspektakulären Weisheit des kleinen Bruders tut, der schon früh erkannt hat, daß er auf den älteren achtgeben muß. Someone to watch over Andy, damit Andy Partridge "Andy Partridge" denken und sein kann: "Wenn alle einen Schnupfen haben, hat Andy gleich die Grippe. Er ist ein kränkliches Kind." Ein freundlicher Mann, der immer auch von musikalischer Selbstfindung erzählt, wenn er die Zeit mit Andy kurz Revue passieren läßt und ihre legenden- und interpretationsbeladene Beziehung auf den Topf setzt: "Es ist eine Arbeitsbeziehung, keine soziale, wir sehen uns nicht dauernd. Es würde nur die Arbeit verderben." Ein gutes, einfaches Konzept, pragmatische Symbiose in diesem Fall, und fruchtbar nur für den, der reif genug ist. Da gab es einiges.
"Science Friction" z. B., Debüt-EP und schlagartiger Durchbruch als Radio-Hit in the UK; das ging mal. Dann "White Music", der erste Longplayer, kaum ein Jahr nach der offiziellen Bandgründung XTCs im heimatlichen Swindon: "Ich hatte noch keine Songs geschrieben, wollte das lernen, und die Punk-Sache brachte mich total durcheinander - mit Bier werfen, rumkotzen. Ich dachte: 'Wie passe ich denn da rein?' Als Andy 'Radios In Motion' geschrieben hatte, dachte ich: 'Hey, ich kann auch ein Lied über ein Radio schreiben!' und machte 'X Wires', und das kam auch gleich auf die Platte! War mir jahrelang peinlich. Gute Energie, das sehe ich heute auch. Aber dieser manirierte Gesang, dieses Cockney-rebel-stop-and-go-squeek-squeek-kchch-kchch -!" Und ja, tatsächlich, so kann man das ausdrücken, so klang "White Music", und im Grunde auch noch der (durchaus schon reifere) Nachfolger "Go 2": eine hypernervöse, extrem präzise Mischung aus Anarchie und Ordnung, trocken hämmernden Drums und Barry Andrews' tonal "falscher" Orgel: "Alles, was er spielte, war Cabaret-Musik", sagt Moulding, "verrückt gewordenes Vaudeville. Heute stellt Barry übrigens Sachen aus Metallplatten her. Andy sagte, das hätte er irgendwie auch schon gemacht, als er diese Orgel spielte! Aber das war dreiviertel des Bandsounds damals, und als er ging [und Shriekback gründete], standen wir vor der interessanten Herausforderung, uns neu erfinden zu müssen. Was mir ein bißchen Freiraum gab, als Songschreiber dahin zu kommen, wo ich hin wollte: zur Melodie. Ich hing ein bißchen an Andys Rockschößen damals; er kannte die Formel, die ich suchte: Wenn du Songs schreibst, dann sei du selbst! Als ich dann Erfolg hatte mit 'Making Plans For Nigel', war ich soweit."
"Nigel", der erfolgreichste und bekannteste XTC-Song, die Single, die XTC hoch in die Charts stieß, war Opener des dritten Albums, "Drums & Wires", auf dessen Cover - stark stilisiert, für Fans aber eindeutig identifizierbar - das Gesicht Barry Andrews' prangte: ein spekulativ-knirschendes Abschiedsgrinsen, und dann war der Neue auch noch kein Keyboarder! "Dave Gregory war ein Fan, glaube ich, ein exzellenter Gitarrist, der auch was von Keyboards verstand, definitiv ein besserer Musiker als Andy und ich. Wir ließen ihm die komplizierten Sachen, machten unseren Kram, und Dave brachte alles zusammen. Wir werden ihn vermissen, den Virtuosen." Dave Gregory hat die Band verlassen. Was sich scheinbar von selbst erklärt, wird man sich der Unschätzbarkeit von Gregorys Einfluß und Verdienst auf und um XTC - vor allem seit dem Weggang von Drummer Terry Chambers und der gleichzeitig ausgesprochenen Weigerung Partridges und Mouldings, weiterhin auf Tour zu gehen - bewußt: "Andy und ich wollten den ganzen Gitarrenkram diesmal zurücknehmen. Ich denke, das war das auslösende Moment für Dave, die Band zu verlassen - nachdem er auf der neuen Platte gespielt hat, zum Glück! Ich glaube aber auch, daß er im Innersten ein unglücklicher Mensch ist. All die Jahre wollte er Songs beisteuern, hat es aber nie getan ... 'Ich kann ja keine Texte schreiben!' usw. ... Ich denke, er fürchtete, daß wir - vor allem Andy - seine Sachen in Stücke reißen würden. Schade."
Da waren's also nur noch zwei, und "Apple Venus Vol. 1", das neue Album, ist entsprechend: Chamber-Pop-Music, groß, erwachsen, opulent und sehr unwichtigtuerisch. Popmusik, die's wirklich besser weiß. Gegenwärtig der konsequente Schritt für XTC und mehr denn je Colins persönliches Songschreiber-Ideal - Melodie. Darüber hinaus in der Rückschau ein Ziel, das Partridge und Moulding von jeher verfolgt haben in XTCs beständig wechselhafter Geschichte zwischen hell und düster, süß und bitter, laut und leise, bewußt (je später, desto) oder unbewußt (womöglich, aber eher nicht): "Viele von Andys Sachen auf 'Drums & Wires' sind noch so quietschig wie vorher, mit Barry. Auf 'Black Sea' war er schon viel melodischer, trotz dieses Schlagzeug-Sounds, den man in den frühen 80ern hatte, trocken wie Stein, wie eine Explosion; der Snaresound haute dir den Kopf weg. Bei 'English Settlement' dann fingen wir an, mit akustischen Gitarren zu arbeiten, und bei 'The Big Express' wollten wir die lauten Gitarren zurück. Und so weiter. Eine Regel, nach der sich mit jeder Platte etwas ändern muß, haben wir nicht, aber wir haben immer bewußte Entscheidungen zur Veränderung getroffen, um nicht stehenzubleiben. Man streckt sich, wie man kann und muß, bis zum Horizont oder einfach um die nächste Ecke." Königsdisziplin Pop. Unermeßliche Ländereien bestellen, die niemandem gehören. Zeit und Muße. Selbst mit Hand anlegen. Klingen, putzen. Gartenzaun mit dahinter. Besser ist das.

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