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Nicht denken, sondern handeln

Xiu Xiu im Interview

Nachdem Jamie Stewart, Angela Seo und Shayna Dunkelman im vergangenen Jahr mit »Xiu Xiu Plays The Music Of Twin Peak« eine reizvolle Neuinterpretation von Angelo Badalamentis ikonischem TV-Serien-Score veröffentlicht haben, folgt am 24. Februar das erste eigene Material seit drei Jahren. Was es mit dem Akt des Vergessens auf sich hat, welche Gemeinsamkeiten das Trio mit David Lynch teilt und wieso »Forget« die vielleicht größte Herausforderung für die Band war, hat uns Jamie Stewart selbst erklärt.
Geschrieben am

Interview:
Philip Fassing

Du beschreibst »Forget« als ein Album über die ambivalente Natur des Vergessens – wie bist du auf diesen Rahmen gekommen?
Es ist schwierig, darauf eine klare Antwort zu geben. Das war keine bewusste Entscheidung. Wir haben an diesem Album länger als an jedem anderen gearbeitet, ohne dass sich dieser Umstand auch bemerkbar gemacht hätte. Trotz einer ganz klaren Ausgangslage und einfachen Regeln kam einfach nichts dabei rum. Als sich das Problem nach zwei Jahren immer noch nicht lösen ließ, stellte sich langsam Panik ein und wir gaben uns entgegen der selbst auferlegten Regeln einfach dem Unterbewussten hin. Danach dauerte es nur noch ein paar Monate, das Album fertigzustellen.  

Von dem eigentlichen Akt des Vergessens wird im Kontext des Albums auch auf eine höhere, universelle Vergänglichkeit verwiesen – erleben wir im Zuge der Digitalisierung und der damit einhergehenden Obsession, alles für die Unendlichkeit zu archivieren, nicht das genaue Gegenteil?
Das ist eine interessante Frage. Die Digitalisierung mag allgegenwärtig und sehr zugänglich sein, sie ist aber zugleich auch die fragilste und flüchtigste Form der Dokumentation, auf die sich der Mensch je verlassen hat – vielleicht von Himmelsschrift abgesehen. Hieroglyphen existieren, bis sie jemand wegbombt, Sprühfarbe auf einer Wand muss nie neu formatiert werden und selbst Papier ist zuverlässiger. Die digitalen Archive sind weg, sobald die Lichter ausgehen. Offen gesagt ist das auch gut so. Die Digitalisierung macht die Welt nicht zu einem besseren, sichereren oder interessanteren Ort. Es sei denn, du bist Pornograf, verkaufst Schlumpf-Figuren aus den 70ern oder musst einen Flug buchen. 

Ist es kein angenehmer Gedanke, dass deine Ideen in dieser Form weiterleben, wenn du schon lange nicht mehr existierst?
Darüber habe ich mir nie wirklich Gedanken gemacht. Wir sind als Band sehr auf das Hier und Jetzt fokussiert. Musik schreiben, Shows spielen. Wenn das aber in der Zukunft noch irgendjemandem etwas bedeuten sollte, dann bin ich sehr glücklich, ein Teil davon gewesen zu sein. 

Motive wie das Vergessen und (unterbewusste) Erinnern sind vor allem in den abstrakteren Nischen der Pop-Musik ein sehr populäres Thema. Wie verhält sich »Forget« dazu? 
Die Faszination für das Unterbewusstsein ist fast so alt wie die Menschheit und übt einen ähnlichen Reiz wie das Schreiben von Musik selbst aus. Beides ist ein endloses Puzzle. Musik funktioniert, wenn du nicht denkst, sondern handelst. Das Unterbewusstsein ist der Schlüssel dafür. 

Kann man sich deine Arbeitsweise dementsprechend intuitiv vorstellen? Oder gestalten sich diese Prozesse trotzdem langwieriger?
Sowohl als auch. Man versucht beim Improvisieren möglichst intuitiv vorzugehen, um dann immer wieder zu diesem Ergebnis zurückzukehren und es zu einem Song zu formen. Es kommt äußerst selten vor, dass uns ein guter Song einfach so in den Schoß fällt. Normalerweise braucht es Monate des Experimentierens, bis wir mit dem Aussieben beginnen und schauen, was danach übrig bleibt.
Wie formen dabei Kollaborateure wie Greg Saunier die Musik von Xiu Xiu?
Mit Greg ist es bei jeder Platte anders. Das ist mittlerweile das fünfte Album, an dem wir gemeinsam gearbeitet haben. Diesmal stieß er schon während des Arbeitsprozess dazu, nicht erst gegen Ende, wie wir es sonst machten. Von ihm kommen diverse Gesangsmelodien, für die er einfach ein Mikrofon in die Hand nahm, ohne Vorbereitung ein Falsett summte und damit direkt etwas Schönes, Elegantes erschuf. Es haute mich um, wie einfach das für ihn war. Darüber hinaus spielte er Orgel, Gitarre, Bass-Synth und arrangierte viel um. Wenn du mich fragst, würde die Platte ohne ihn nicht dieselbe sein. 

»Forget« ist für eure Verhältnisse sehr zugänglich. Spiegeln solche Umstände eigentlich deine persönliche Verfassung wider? 
Das ist eher dem Zufall geschuldet. Wir probieren nie bewusst zugänglich oder unzugänglich zu sein. Es geht einfach darum, beim Schreiben den Augenblick festzuhalten. Der Rest ist höhere Gewalt. Irgendwelche Gemütsverfassungen spielten bei »Forget« kaum eine Rolle.

Übt das Schreiben und Performen denn trotzdem eine ka­thar­tische Wirkung auf dich aus?
Nicht wirklich. Es ist eher ein Weg, exzessive Gefühlswelten in einen kontrollierbaren Zustand zu überführen. Bei Katharsis geht es nach meinem Verständnis eher um die Befreiung von diesen Gefühlen. Das funktioniert bei mir nicht mit Musik. Sie erlaubt es mir eher damit zurechtzukommen, nicht aber etwas auszuradieren. Dafür schaue ich lieber betrunken Filme, habe Sex oder beobachte Vögel. 

In einem aktuellen Interview behauptest du, mit eurer Musik niemanden verunsichern oder vor den Kopf stoßen zu wollen. Für mich war gerade das immer die große Qualität von Xiu Xiu – eine Stimmung zu kreieren, die zwar sehr anmutig, zugleich aber auch immer ausgeprochen verstörend sein kann. Dient dieser Kontrast nicht gerade dazu, den Hörer herauszufordern?
Es kommt auf die Hörer und Hörerinnen an. Sie entscheiden, ob es herausfordernd ist oder nicht. Die bewusste Intention wäre lächerlich. So als würdest du ein Piratenkostüm zur Beerdigung deiner Großmutter tragen. Wozu? Wir hoffen einfach voran zu kommen und sehen dann, was passiert. Das kann man nehmen, wie man möchte. Jemand der 55 Jahre alt ist und sein ganzes Leben nur Noise gehört hat, wird unsere Musik nicht besonders fordernd finden. Wer sich eher an den Charts orientiert, vielleicht schon. 
 
Mit eurem im vergangenen Jahr veröffentlichten Album »Xiu Xiu plays the music of Twin Peaks« sind zwei Welten aufeinander getroffen, die kaum besser zusammenpassen könnten. Hast du das ähnlich empfunden?
David Lynch hat von Beginn an einen wesentlichen Einfluß auf Xiu Xiu gehabt. Sein Umgang mit Themen wie Humor, Horror, Sexualität, Sozialkritik, Finsternis und Gewalt hat uns sehr geprägt. Es war eine unglaubliche Ehre und Herausforderung, sich diesen Aspekten derart weitgreifend annehmen zu dürfen. 
 
Habt ihr David Lynch mal getroffen?
Angela und Shanya haben ihn erst kürzlich auf einem Festival getroffen, zu dem er uns eingeladen hatte. Ich war ein bisschen zu schüchtern, er soll aber unglaublich warmherzig und aufmerksam gewesen sein. Ich stand genau neben ihm, als wir die Bühne betraten und war kurz davor, in Ohnmacht zu fallen.

Kannst du dich an deinen ersten Kontakt mit »Twin Peaks« erinnern?
Das war ein langer Weg. Ich war sehr jung als »Twin Peaks« im Fernsehen lief und habe nur flüchtig etwas davon mitbekommen. Genug, um mich zu verwirren. Irgendwann nahm ich versehentlich meinen jüngeren Bruder zu »Fire Walk With Me« mit ins Kino – ohne zu wissen, was das eigentlich ist. Kein Ahnung, warum sie uns überhaupt reingelassen haben, aber der Film erschreckte uns erwartungsgemäß zu Tode und war definitiv nichts, was zwei Kids in unserem Alter hätten sehen dürfen. Während der High School lieh ich mir »Blue Velvet« in der Videothek, war dafür aber immer noch nicht weit genug. Erst als mir ein Freund im Alter von 20 Jahren »Wild At Heart« zeigte, öffnete sich damit eine völlig neue Welt für mich und ich begann alles – inklusive Twin Peaks« – nachzuholen.

Was macht die Serie aus deiner Sicht so besonders?
Keine Serie berührt mit so viel Kreativität und einer derart kohärenten Inkohärenz so viele Felder. Das macht es einem nicht unbedingt einfach, ist aber trotzdem extrem reizvoll – ganz einfach weil es dem Betrachter zutraut, mitzukommen. Ich liebe es!

Xiu Xiu

Forget

Release: 24.02.2017

℗ 2017 Altin Village & Mine

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