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Kühn, cool und hypnotisch

Wolf Alice live in Köln

Wolf Alice gastierten auf ihrer Tour durch das europäische Festland im Kölner Luxor. Ihr Auftritt entwickelt sich zu einem entzückendem Taumel mit nachhallender Aura, stilmultiplen Referenzen und emotionalen Gratwanderungen. 
Geschrieben am
02.11.2017 – Köln, Luxor

Nach ihrem umjubelnden und 2015 erschienenen Debüt »My Love Is Cool« kündigte der Allvater des britischen Musikfilms Michael Winterbottom (»24 Hour Party People«, »9 Songs«) kurzerhand an, Wolf Alice auf deren Premierentour zu begleiten: Mit abtrünnigen Rockstar-Posen, gelebter Coolness und dem Schalk im Nacken fegen die vier Londoner um Frontfrau Ellie Rowsell in »On The Road« durch die Clubs des Vereinigten Königreichs und erwecken dank der cineastischen Fulminanz nicht grundlos den Anschein, dass hier das neue große Ding des zeitgenössischen Postrock heranwächst. Dass man sich – auch nachdem ihr zuletzt veröffentlichtes Zweitwerk »Visions Of A Life« nicht weniger erfolgreich ist – in Köln für das verhältnismäßige kleine Luxor entschieden hat, um dem Auftritt und der unbekümmert rotzigen Attitude der Band ein Venue mit ebenso viel nonchalantem Charme und Garageband-Charakter zur Seite zu stellen, erweist sich an diesem Abend als cleverer Kniff. Dass Winterbottoms Pseudo-Doku an vielerlei Stellen mit fiktiven Momenten gespickt ist, hält die mystische Erwartungshaltung zuverlässig aufrecht. Den Tourbus jedenfalls, der mindestens gegen drei Straßenverkehrsregeln verstößt und das Luxor vollumfänglich beschattet, erkennt man ohne großes Grübeln wieder.

Nachdem Wolf Alice Anfang der Woche bereits in Berlin spielten, hat man sich zwischenzeitlich ausreichend assimiliert, um um Punkt 21 Uhr diesen ziemlich denkwürdigen Abend einzuläuten. Wer die neue LP kennt, weiß sofort, dass »Heavenward« ein kluger Opener ist, um die Zuschauer in erste ausgereifte Verzückungszustände zu manövrieren. Ohne Vorwarnung flimmert Rowsells Stimme wie eine glaziale Brise über die Köpfe hinweg, nur um sich im Anschluss (»Yuk Foo«) zu einem rauborstigen Sturm aufzuschwingen, der jedem den Mittelfinger zeigt, der sich hierbei in den Weg stellt. Nach diesen ersten beiden Tracks könnte man fast glauben, die Speerspitze der nationalen und internationalen Musikpresse läge richtig, wenn sie die Band in eine pauschale Zweiteilung zu ordnen versucht: Demnach sind Wolf Alice nämlich entweder verträumt oder wütend. Tatsächlich sind sie aber tausendfach mehr: etwa hypnotisch, wenn sich Rowsells mondscheinreine Aura in sich selbst verliert, sie immer wieder die Augen verdreht, als versuche sie ihren Körper zu verlassen, um in eine rauschhafte Trance zu aggregieren, in der sich in ihre Alt-Stimmlagen und die Powerakkorde von Joff Oddie zu einer alles durchdringenden Sound-Welle verdichten – um nur mal ein weiteres Beispiel genannt zu haben. Dass das Quartett aus Londons Norden über ein außergewöhnlich vielschichtiges Repertoire verfügt, bekommt das Luxor ganz und gar auf die Ohren. Zwischen Shoegaze und Stoner, Dream Pop und Alternative, Postrock und Punk, Synth Pop und Funk zünden Wolf Alice ein Crossover-Feuerwerk, das Reminiszenzen an Slowdive, Elastica, X oder PJ Harvey wachruft – kaum verwunderlich, dass das Publikum zu einem bedeutenden Teil auch aus Fans jenseits der 50 besteht.

Als Rowsell ihre Gitarre erstmals beiseite stellt, kündigt sich vielleicht das größte Highlight des Konzerts an. Anstatt »Don’t Delete The Kisses« zu singen, liest sie den Text wie einen Liebesbrief, den sie gefühlt erst in diesem Moment zu schreiben beginnt, klammert sich dabei fest um eines der beiden Mikrofone, schmettert ihren traumatischen Kummer aus vollstem Organ in den Raum und ist gerade wegen ihrer sympathischen Schüchternheit auf eine liebreizende Art verletzlich, ehrlich und unverhohlen. Nicht wenige verlieben sich. Man will vermuten, dass es niemand besser versteht, romantischen Klischees eine so bezaubernde Glaubwürdigkeit zu geben. Die musikalische Gefolgschaft der Sängerin sorgt dann aber wieder für rasante Tempowechsel: Reverb-Soli und fluoreszierende Synths halten die gedankenverlorene Rowsell bei Bewusstsein, unterstehen aber zu jedem Zeitpunkt ihrer choralen Omnipräsenz, die durch die verzerrten Vocal-Effekte verlässlich festlegt ob die einzelnen Songs nun in ätherischer Weite oder unverputzter Unmittelbarkeit heimisch werden. 
Zwischen den Songs sind Wolf Alice eher wortkarg. »How are you doing?«, bleibt der einzige zaghafte Annäherungsversuch Rowsells. Man merkt der Gruppe an, dass sie selbst immer noch nicht ganz fassen können, welchen Wirbel sie in den letzten Jahren innerhalb der Alternative-Landschaft verursacht haben. Auf der kleinen Bühne stehen Rowsell, Oddie und Ellis dicht beieinander, ihr Schlagzeuger Joel Amey behält das Trio immer wieder im Blick, so als hätte er den fürsorglichen Auftrag eines Erziehers – ein Kindergarten ohne Aufsicht wäre schließlich unberechenbar. Genau das sind dann auch die fuzzy Akkorde und funky Bässe, die bei »Formidable Cool« mit Rowsells hauchzarter Stimme kokettieren, ehe »Visions Of A Life« wiederum einen propulsiven Ritt aus endzeitlicher Distortion und naturschöner Erhabenheit einläutet. Spätestens jetzt kocht auch in Oddie und Ellis das höchste der Gefühle hoch, springen sie nun kontrollverloren über die Bühne und wagen sogar kleinere Ausflüge ins Publikum, von denen sie aber – wie der Zeh im kalten Wasser – alsbald wieder zurück schrecken. Dennoch bringen Wolf Alice alles mit, um nach diesem Abend nicht nur in Erinnerung zu bleiben, sondern auch um zu zeigen, dass sie zweifelsfrei das Zeug haben, um im überdrüssigen Alternative-Genre Epoche zu machen: gewieftes Referenzbegehren, eklektisches Klangspektakel und eine Haltung zwischen beneidenswerter Kühnheit und aufgeheizter Gesten haben lange nicht mehr so frisch gewirkt. Es fällt schwer, dem Luxor nach diesem Abend den Rücken zu kehren. Die Strahlkraft des Auftritts wirkt nach – und der Tourbus, na klar, steht immer noch im Weg.

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