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Schnäpse in den Kragen

Wanda im Gespräch

Trotz ihres zusammengewürfelten Looks besitzt die Wiener Band Wanda etwas von einer Boygroup. Eine für die Adoleszenz mit endlich mal brauchbaren Identifikationsangeboten ... Zum Beispiel: Saufen, Selbstauslöschung, Brennen, Knutschen, Sex. Die großen Wien-Storys fanden sich bereits zum letztjährigen Debüt »Amore« erzählt. Nun dreht sich alles um Wanda herself. Eine Band larger than life – alte Lieben und neue Krisen inklusive. Linus Volkmann bekam hinter den Kulissen einer der aufregendsten deutschsprachigen Bands dieses Jahrzehnts Whiskey mit Eistee – und so einiges zu hören.
Geschrieben am
Es gibt eine TV-Sendung, die heißt »Mein neues Leben XXL« – dabei muss man an eure rasende Entwicklung denken. Wie sehr hat sich das letzte Jahr von all euren vorigen unterschieden?
Marco [Sänger]: Weniger Alkohol, mehr Sport.  

Willst du das Interview wirklich mit einer Lüge beginnen?
 
Marco: Das glaubt mir keiner, aber es ist so! Die Live-Konzerte sind für mich Sport, was man da allein schwitzt. Klar ist da auch viel Alkohol im Spiel, aber nicht mehr so viel.  

Man kann es sich kaum vorstellen ...
 
Marco: Na, das heißt ja bloß, dass ich früher zu viel gesoffen habe. Ansonsten ist das Leben heute erfüllt mit mehr Selbstverwirklichung und mit etwas, das ich vorher so auch nicht kannte: diese ganze Sentimentalität, die sich aus den Berührungen mit dem Publikum ergibt – auf und abseits der Bühne. Ach so, und ich schaue jetzt viel mehr Fernsehen in Hotelzimmern.

Therapie und Bergsteigen

Habt ihr Dinge über eure Bandkollegen gelernt, die euch vorher nicht bewusst waren? 
Marco: Ich habe gelernt, dass Hasi [Lukas Hasitschka, Schlagzeug] ein leidenschaftlicher Bergsteiger ist.  
Manuel [Gitarre]: Allgemein werden die Pathologien von jedem Einzelnen deutlicher.  
Marco: Was vor allem heißt, es wird vertrauter und die Therapiegespräche, die man miteinander führt, werden effizienter.  
Manuel: Man kann sich mittlerweile gegenseitig leichter beruhigen und schneller helfen. Wir wollen einander vor allem nicht gleichgültig werden. Sicherlich gibt es Augenblicke, da geht man sich am Oarsch ab – und will dem anderen mal richtig in die Fresse hauen. Aber das sind spicy Momente, die geben der Sache doch erst Würze. Ich hass’ jemanden lieber mal einen halben Tag lang, als dass er mir wurscht wird. 
Marco: Der Selbsthass ist ohnehin das interessantere Thema, der ist enorm geworden in diesem Jahr. Meine Psyche schlägt teilweise gnadenlos um sich. Ich weiß gar nicht warum. In einer selbstreflexiven, weinerlichen Phase in zehn Jahren wird mir das vielleicht aufgehen. Auf der einen Seite wird man gerade so ein eiserner Souverän, aber auf der anderen erfährt man auch so viel über sich selbst, dass es einen gruselt. Diese Flut an Ich-Gefühlen, die wir momentan erfahren, dafür ist die menschliche Psyche vermutlich einfach gar nicht gebaut.
Der Untergang

In vielen Liedern geht es darum, sich zu verschwenden, und oft auch ums Sterben. Zuletzt titelten unsere Freunde vom Musikexpress »Wenn das so weitergeht, stirbt einer«. Inwieweit muss man sich Sorgen machen um euch? 
Marco: Ich war eigentlich immer gekränkt, wenn Liebespartner sich um mich gesorgt haben. Ich empfand das als Kontrolle, ja, sogar als Erniedrigung und Entmündigung. Ich wünsche mir, dass sich niemand um mich Sorgen macht. Selbst wenn es einen Anlass dazu gäbe. Sich umsorgt zu fühlen empfinde ich als erbärmlich. 

In einem österreichischen Magazin, dem Falter, gibt es das Zitat von Marco: »Es kommt mir gar nicht so vor, als hätten wir eine Band gegründet, sondern eher eine Bar eröffnet.« Diese überbordende Geselligkeit, die von Wanda ausgeht, aber auch diese Pose der Selbstauslöschung – wie geht ihr damit im Privaten um? Da will euch doch jeder den auf der Bühne geäußerten Wunsch »Gib mir Schnaps« erfüllen? 
Marco: Wir haben gelernt, nicht mehr jeden mitzutrinken. Aber wir wissen natürlich auch, das Ganze funktioniert nur im totalen Exzess, deshalb muss man das auf die Reihe kriegen – wie man so schön in Deutschland sagt. Sodass man eben trotz allem nicht zum Alkoholiker wird. Es gibt da Tricks, die wir uns abgeschaut haben. Polnische Kellner zum Beispiel haben Schwämme eingeklemmt zwischen ihrer Weste und dem Nacken – und schütten sich den Schnaps in einer schnellen Bewegung nicht in den Mund, sondern in den Schwamm hinein. 

So sieht deine Jacke auch aus. 
Marco: Da gingen einige Schnäpse in den Kragen. »Jedes Mal stelle ich meinen Kragen auf, jedes Mal schwemmt’s ihn wieder z’samm.«
Demut und Konfrontation

Live wurdet ihr von Anfang an abgefeiert. Die Grundbegeisterung, mit der das Wanda-Publikum eure Konzert besucht, ist erstaunlich. Bei euren ersten Hallen-Konzerten als Vorgruppe von Kraftklub allerdings lief es zäh an. War das in diesem Hurra-Jahr auch mal eine Lektion in Demut? 
Manuel: Das war unsere Feuertaufe. 
Marco: Am Anfang hat es nicht funktioniert, weil vor allem auch ich sehr eingeschüchtert war. Ich wusste nicht, wie ich in diesem Rahmen kommunizieren sollte. »Was brauchen die dich überhaupt?« ging mir durch den Kopf. Das hat sich erst langsam gelockert, denn die Antwort war: Sehr wohl brauchen die mich, immerhin sind sie alle extra hierhergekommen, und deshalb muss ich jetzt auch was tun, sonst hätte ich zu Hause bleiben müssen. Als ich das kapiert hatte, hat es sich dann schlagartig gedreht. 

Sänger Felix Brummer ist vor eurem Auftritt rausgetreten und hat verkündet: »Jetzt kommen Wanda, auf die haben wir Bock, also bereitet ihnen einen großen Empfang!« 
Marco: Dazu hatten wir vor dem ersten Gig eine Konfrontation. Ich baute mich vor ihm auf und sagte: »Ich will nicht, dass du das sagst!« Und er ist einfach aufgestanden, hat gemeint: »Ja, schau’n wir mal« und hat es trotzdem gemacht. Ein Glück! [lacht] Wir haben viel von ihnen lernen können.

Reinhold Weber, Austropop, Eurovision und eine Jugend mt Sonya Kraus

Eine Rockband, die als cool wahrgenommen wird, kann nahezu jeden Style durchbringen. Aber es gibt bei Wanda eine Sache, die dieses Prinzip an die Grenze bringt – und das sind die Dance-Moves eures Bassisten Reinhold Weber. Er schwingt die Beine rechts und links raus und bleibt sonst sehr gerade im Oberkörper. Man weiß nie, ist das jetzt ironisch oder ist er ein übergeschnappter Nerd? 
Marco: Also, das würde ich nicht übers Herz bringen, ihm zu sagen, dass er daran arbeiten soll. Es ist so süß, es ist einfach großartig. Sicherlich hupft er auch mal in meinen Bereich hinein, und man bekommt das Gefühl, gerade stehen Reinhold Weber und die Wandas auf der Bühne. Aber das ist wirklich ein geringer Preis dafür, dass wir unseren eigenen Michael Jackson besitzen.
Bild: Daniel Gebhart de Koekkoek
In einer Sendung bei FM4 bist du, Marco, auf Peter Cornelius getroffen. Man merkte ihm an, wie sehr ihn das Etikett »Austropop« anfickt. Wie ist euer Verhältnis dazu? 
Marco: Ich kann’s zumindest a bisserl verstehen, warum man es hasst. All diese Stempel sind wahnsinnig gefährlich. Wenn der Stempel plötzlich out ist, sind es auch alle die, die gezwungen wurden, ihn zu tragen. Austropop ist doch bloß ein Vermittlungsbegriff, um minderbemittelte, saufende Prolos und niedliche Schluchtenscheißer zu beschreiben.
Manuel: Mich persönlich stört an dem Genre vor allem dieses Dodelhafte. 
Marco: Letztlich wurde der Austropop immer bloß von einer kleinen intellektuellen Szene wirklich verstanden – nämlich als Rollenprosa. Das waren Künstler! Die haben sicherlich das proletarische Milieu in ihrer Kunst ausgebeutet, aber das ist ja das Recht jedes Künstlers. Nur standen sie dann irgendwann vor dem Dilemma, mit den eigenen Kunstfiguren verwechselt zu werden. Und das hat diese ganze Generation der frühen Austropopper maßlos geärgert. Sie haben sich nicht ernst genommen gefühlt. Na ja, aber verkauft haben sie immerhin gut.

Und habt ihr selbst denn nun ein Problem damit? 
Marco: Überhaupt nicht. Wir haben schon früh gemerkt, da geht es darum, ein Phänomen, einen Sound greifbar zu machen – gerade auch aus deutscher Sicht wurde das einfach als Vehikel benutzt. Ich habe in der Bezeichnung Austropop immer das Wohlwollen gesehen, weil es so offensichtlich darum ging, unsere Musik für die eigenen Leser aufzubereiten. Es schien mir mehr wie ein Gefallen als wie ein Gefängnis. 

Apropos Peter Cornelius, habt ihr denn auf all euren Touren andere Stars oder gar Jugendidole kennenlernen können?  
Marco: Kylie Minogue hat mir beim Melt! Festival ein T-Shirt geschenkt! Okay, es war ihr Tourmanager – aber immerhin. Das nehm ich manchmal mit ins Bett. Oje, das darf sie nie erfahren.  

Keine Chance, die liest immer Intro! 
Marco: Ach, die weiß das eh. Aber okay, eine habe ich noch: Auf einem Event habe ich die Sonya Kraus getroffen und wir haben auf einer sehr sublimen Ebene geflirtet. Ich habe ihr gesagt [spricht tief und rauchig]: »Du, Sonya, ich habe all deine Shows gesehen als junger Mann.« Da war ganz klar, dass ich ihr eigentlich gesagt habe: Du warst der Star meiner wilden Träume! Aber sie hat mich nur wissend angeschaut und geantwortet [haucht]: »Ich weiß, da warst du nicht der Einzige.« Großartig! 
Manuel: Ihre Sendung »talk talk talk« war eine einzige erotische Blaupause. 
Marco: Stimmt, da wurde sie immer unterbrochen von diesen Einspielern. Das Warten, bis sie wieder ins Bild kam, habe ich als extrem luststeigernd empfunden.

Was Sonya Kraus selbst von Wanda hält? hat Linus Volkmann hat einfach mal nachgefragt. Das Interview findet ihr hier.
Bild: Daniel Gebhart de Koekkoek
Österreich ist dieses Jahr zusammen mit Deutschland beim »Grand Prix« in Wien Letzter geworden. Hättet ihr das nicht verhindern können? 
Marco: Auf keinen Fall! Es gab schon Zeitungsartikel und Leute aus der Branche, die gefordert hatten, dass wir oder Bilderbuch da antreten ... Aber so blöd sind die nicht und wir auch nicht. 
Manuel: Kasperle-Theater. 

Fame 

Schafft ihr den ganzen Fame eigentlich ohne Allüren? Konkrete Frage: Habt ihr schon mal Hotelzimmer zuschanden geritten? 
Manuel: Nein! 
Marco [prustet los]: Wir doch nicht! 

Ihr könnt ehrlich sein. 
Marco: Also gut, ein paar Dinge haben wir falsch gemacht – und ich fürchte, es waren nicht nur Hotelzimmer, die wir zerstört haben. 
Manuel: Wie schnell rutscht man mal aus und fällt irgendwo gegen? Passiert selbst den achtsamsten Menschen. 

Und wogegen genau? 
Marco: Bushaltestellen, Vorgärten ... Es ist ein jämmerliches Klischee: Wir tun auf Tour das, was eigentlich junge Männer machen. Nun ja. Passierte uns eben ein paarmal, aber Sachbeschädigung ist nicht die Idee von Wanda.

Wanda »Bussi« (Vertigo Berlin / Universal / VÖ 02.10.15)
Wir sind keine Anti-Feministen – im Gegenteil. Und es ärgert uns selbst, dass es jetzt so rüberkommt!
Marco Michael Wanda

Ganz sicher war ich nicht der einzige Wanda-Freund, der vor Entsetzen in seinen Laptop biss, als er deren erstes Video zur neuen Platte sah, »Bussi Baby«. Es wurde genau einen Tag nach diesem Interview veröffentlicht und taucht daher nicht im Gespräch auf. Die weibliche Rolle übernimmt Ronja von Rönne, jene Die-Welt-Autorin, die mit ihrem (mal ganz wertfrei formuliert) reaktionären Arschlochtext »Warum mich der Feminismus anekelt« allen Trotteln, bis hin zum »Ring Nationaler Frauen« der NPD, neue Munition für alte Ressentiments lieferte. Und so scheint auf einmal die ganze Strizzi-Sexiness von Wanda, das ganze »Baby«-Heraufbeschwören auch anders lesbar – und zwar ungut. Bei den Hatern knallen die Korken. Wanda selbst sind zerknirscht, diese Interpretation hatten sie nicht auf dem Schirm, betonen (nicht erst seitdem) ausgiebig Abscheu vor Sexismus und das eigene Selbstverständnis abseits von Mackertum. Der PR-GAU war natürlich trotzdem nicht mehr aufzuhalten. Zumindest aber ist klar: Das wird ihnen so nicht noch mal passieren, dafür ist ihnen das Thema zu wichtig. Hoffentlich bewahrt man sich bei Wanda dennoch weiterhin etwas Naivität – die überbordende Unschuld hat man nun allerdings eingebüßt.
Linus Volkmann

Wanda

Bussi

Release: 02.10.2015

℗ 2015 Wanda OG, under exclusive license to Vertigo/Capitol, a division of Universal Music GmbH

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