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Von Afrobeat to: Philip Roth

Vampire Weekend

Mit dem Debüt von Vampire Weekend fiel der Startschuss zur Afrobeat-Welle. Die, die es angezettelt haben, wollen aber gar nichts damit zu tun haben - und korrigieren mit ihrem zweiten Album "Contra" das leicht verzerrte Bild.
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Mit dem Debüt von Vampire Weekend fiel der Startschuss zur Afrobeat-Welle. Und jeder Musikconnaisseur meinte plötzlich, kongolesischen Soukous, Highlife aus Ghana oder Jit aus Simbabwe erkennen und goutieren zu können. Die, die es angezettelt haben, wollen aber gar nichts damit zu tun haben - und korrigieren mit ihrem zweiten Album "Contra" das leicht verzerrte Bild. Sänger Ezra Koenig räumte gegenüber Henrik Drüner final mit allerlei Missverständnissen auf.


Paul Simon, immer wieder Paul Simon. "Graceland" wurde in gefühlten 80 Prozent der Rezensionen des selbst betitelten Debüts "Vampire Weekend" als vergleichender und substanzieller Griff in die Musikgeschichte herangezogen. Mit weitem Abstand folgten Talking Heads ("während ihrer kosmopolitischen Phase") und die Bhundu Boys. Einer plappert vor, alle plappern nach. Koenig, Typ Klassensprecher mit klugem Humor, bricht eine kleine Lanze für den angedichteten Einfluss: "'Graceland' ist weiterhin ein super Album. Vor Kurzem trafen wir zufällig Paul Simon. Er gab uns Ratschläge, wie man sich als aufstrebende Musiker verhält, wie man mit Kritik und all diesen Sachen umgeht. Als ich ihn fragte, ob auch er die Ähnlichkeit zwischen unseren Alben höre, meinte er: 'Nicht so richtig. Ihr habt eine Punk-Energie, die ich damals nicht hatte. I started up before Punk!' Ziemlich cool, oder?"

Als halbironische Reaktion auf die Afrobeat-Fokussierung streuten Koenig, Rostam Batmanglij, Christopher Tomson und Chris Baio im Vorfeld zu "Contra" ein wahres Stil-Mash-up als Inspirationsquelle: Von brasilianischem Baile Funk, Reggaeton, Bollywood, Philip Roth, Beethoven und "Paul's Boutique" der Beastie Boys war dort die Rede. "Klar, das ist als Witz gemeint, aber im Grunde entspricht es auch der Wahrheit", so Koenig. "Wenn man Musik macht, die so vielfältig ist, dann muss man auch in der Beschreibung so vielfältig bleiben. Eine Hoffnung ist, dass uns die Leute diesmal nicht nur nach afrikanischer Musik fragen. Obwohl wir auf dem ersten Album auch klassische Elemente benutzt haben, kamen 20 Mal so viele Fragen zu Afrobeat. Ich möchte die Bedeutung von afrikanischer Musik für unser damaliges Songwriting nicht schmälern, aber man bekam teilweise das Gefühl, als hätten die Leute ein anderes Album gehört."


Kein Strohfeuer in Kalifornien
Ursprünglich kam der Plan, "Contra" in Kalifornien aufzunehmen, allein wegen der interessanten Extreme auf, die der größte amerikanische Bundesstaat in sich vereint. Koenig verbringt mittlerweile viel Zeit im amerikanischen Westen: "Es hat so einen überdimensionierten Einfluss auf den Rest der Welt. Viele Menschen lassen sich beim Gedanken an Kalifornien von Klischeevorstellungen leiten, dabei geht unter, dass Kalifornien auch jede Menge dunkle Seiten hat, es viel Armut gibt." Stattdessen bezog das Quartett sein Lager im heimatlichen New York und Mexiko City - denn wichtiger als der Ort sind letztlich doch die Menschen. So hing die Band mit den nach eigener Aussage passenden Leuten für das anvisierte Album ab, hörte die passende Musik und hatte letztlich das Gefühl, einen Neustart hinbekommen zu können.
Und so strotzt ihr verspielter Indiepop mit herrlich nonchalanten Melodien weiterhin vor Ideenreichtum, veredelt mit ausreichend Pop-Sachverstand, um sich auch auf Dauer glaubhaft in Szene zu setzen. Es interessierte sie nicht, ob in jedem Song Drums oder Gitarren beteiligt sind: "Es wäre doch echt langweilig, in jedem Song die gleichen Instrumente zu hören. 'Cousins' als Rocksong funktioniert doch gerade deswegen gut, weil es eine Soundoption neben vielen anderen ist." Und die vier beschränkten sich nicht auf die Möglichkeiten, die sie selbst einbringen konnten. Wenn Streicher und weiblicher Backgroundgesang gebraucht wurden, holten sie sich Streicher und abenteuerlustige Freundinnen ("Giving Up The Gun"). Oder Kontrabass ("Taxi Cab"). Oder verfremdeten die Rap-sozialisierte Stimme von Ezra Koenig mit dem Autotune-Effekt ("California English"). Auffallend hoch ist darüber hinaus der Anteil an Percussions jeglicher Bau- und Klangart.

Analog zur stilistischen Entwicklung zeigt sich auch bei den Songtexten eine andere, reifere Perspektive. Koenig: "Wir sind nicht mehr auf dem College. Diesmal dominierten eher Reflexionen unserer Post-College-Erfahrungen: Jobs, die wir hatten, die Band, die wir waren und versuchen zu sein. Wir sind jetzt in einem Alter, in dem alle verschiedene Wege einschlagen. Die Songs geben das Gefühl wieder, das mit diesen Veränderungen einhergeht. Eine Mixtur ohne klaren Schwarz-Weiß-Gedanken, weil auch glückliche Zeiten melancholische Züge in sich tragen können."

"Giving Up The Gun" steht beispielhaft für diese bittersüßen Texte, wenn Koenig einer ehemaligen Weggefährtin attestiert: "But in the years that passed / Since I saw you last / You haven't moved an inch." Dieses Austarieren von Blickwinkeln verkörpert auch die Dame auf dem Cover, vor allem, wenn man sie mit den Textzeilen von "I Think Ur A Contra" in Verbindung bringt, bei dem sich verschiedene Stimmen wie in einer Unterhaltung kreuzen: "You wanted good schools and friends with pools / You're not a contra." Doch Koenig stellt klar, dass man diesbezüglich eigentlich nicht so spezifisch wirken wollte: "Selbst wenn du ihre äußerlichen Parameter nimmst - blondes Haar, Poloshirt -, weißt du herzlich wenig über die Person. Sie könnte etwa mein Alter sein, Anfang, Mitte zwanzig. Ihr Gesichtsausdruck verrät eine gewisse Mehrdeutigkeit, als befände sie sich in einer Übergangsphase, als entscheide sie gerade etwas in ihrem Leben. Es geht einen Schritt weiter, den sie noch nicht gegangen ist. Eine Mischung aus Übergang, Energie und Angst."

Nur zwei Jahre nach dem jähen Auftauchen haben Vampire Weekend beinahe selbstverständlich ihren Platz gefunden. Und sie wissen, wem sie dies zu verdanken haben: "In den 90ern wären wir nicht so erfolgreich gewesen. Wir brauchten die Unterstützung von Leuten, von Musikliebhabern, die unsere Musik in ihren Blogs weitergetragen haben. Amerika war lange Zeit sehr auf Amerika fokussiert, doch jetzt besteht ein Zugang zu Musik von anderen Kontinenten. Ich bin froh, dass es so schnell geklappt hat, ohne dass wir als Strohfeuer endeten."

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