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Kolumne: Neues aus Jules Welt

Vom Winde verwöhnt

Ärger mit den Zeugen Jehovas? Hausverbot bei Dating-Portalen? Mit dem Moped zum Melt? In Jules Welt geschehen Dinge, die ahnt man nicht mal! Diesen Monat: Rheingaudi – ein hessischer Reisebericht.
Geschrieben am

Ich bin gebürtige Friedrichshainerin. Westdeutschland, wie es früher bei uns so schön hieß, blieb bislang von mir zu großen Teilen unerkundet. Da alle meine zugewanderten Freunde aus Hessen ständig von den Weinbergen und Flüssen und Feldern ihrer Heimat schwärmen, beschloss ich, mir dieses Bundesland mal genauer anzugucken.

Ich komme mit meinem Begleitschutz in Oestrich-Winkel im Rheingau an. Omma Liesel, noch nie in meinem Leben gesehen, begrüßt mich mit einer herzlichen Umarmung. Sie trägt eine geblümte »Kiddelschörz« und drückt jedem ein Glas »foi Woische« in die Hand. Ich sei »e goldisch Oos«. Ich nicke, lächle höflich und trinke einfach alles aus, das mir einschenkt wird. Ich verstehe ehrlich gesagt kein Wort von dem, was sie erzählt. Und Omma Liesel erzählt viel. Es ist 14 Uhr und ich habe dezent einen sitzen. Ganz schön, dieses Hessen.

 

Bild: Omma Liesel aus Winkel (Obberbahn) hält seit 84 Jahren erfolgreich einen konstanten Pegel.

Wir begeben uns auf die »Romantik-Tour« nach Rüdesheim. Mit der Seilbahn geht es getreu dem Motto »Über den Reben schweben« hoch zum Niederwalddenkmal. Der Elvis ist auch schon mal mit der Bahn gefahren, wusste Oma Liesel zu erzählen. Eventuell sprach sie aber auch von etwas ganz anderem.

 

Bild: Katzen-, Deutschland- und auch Brustfans kommen in Rüdesheim am Rhein voll auf ihre Kosten.

Die Seilbahn ist nicht ohne. Aus den in die Gegenrichtung fahrenden Gondeln schießen Besoffene mit Böllern auf uns. Ich mache es mir flach auf dem Bauch liegend zu den Füßen meiner Mitfahrer bequem und erinnere mich an Omma Liesels Geschichte von »die letzde drei Granade vom Kriesch.« Jetzt weiß ich, wie sie sich damals fühlte.

 

Bild: Etwa 40 Meter über den rauen Weinbergklippen von Rüdesheim wird einem, nicht nur der Trunkenheit wegen, speiübel.

Oben angekommen schwingt die unverhältnismäßig große Germania kampfeslustig eine Fackel. Auf ihrem Sockel klettern Gruppen rotzeblauer Vatertagsausflügler mit fahrbaren Bierfässern und mobilen Holzkohlegrills umher – allesamt mit geöffneten Hosenställen und glasigen Augen. Ich spüle angeekelt eine Prinzenrolle Vollkorn mit einem doppelten Schoppen Weißwein runter.



Bild: Dunkle Vatertagswolken über dem Main. Oder wie der Fluss dort heißt.

Später geht es mit einem Kreuzfahrtschiff den Rhein entlang am Bingener Loch vorbei in die Wein-, Sekt- und Rosenstadt Eltville. Eltville verhält sich zum Wohnort meiner brandenburgischen Großeltern, Schenkendorf, in etwa wie Megan Fox zu Vera Int-Veen. Ostdörfer wurden aus grauem Staub und Asbest gebaut, Eltville aus Fachwerk und Rosen. Ich trinke einen Weincocktail mit Basilikum auf einer edlen Terrasse, während unter mir Kanadagans-Babies im sonnigen Rhein planschen. In der Kirche von Eltville zünde ich eine Kerze an und wünsche mir, dass ich mich auf dieser Reise nicht öffentlich übergeben muss. Na, dann zeig mal, was du drauf hast, Mutter Maria.



Bild: Ich habe inzwischen an die zwei Liter Riesling intus und bin mir sicher, dass die Filmkulisse von Eltville der schönste Ort der Welt ist.

„Was mer net esse, trinke mer“, werden wir im Weingut Allendorf begrüßt. Dazu gibt es ein Glas Sekt. Natürlich. Inzwischen bin ich versucht, es heimlich in einen Blumenkübel zu gießen. Omma Liesel sitzt draußen mit ihrem Stammtisch »Winkler Girls« und strahlt.

Im Weinkeller darf ich in ein 16.000-Liter-Fass gucken. Der Weinstein glitzert wie Diamantenstaub. Inzwischen kommt mir hier eh alles vor wie Disneyland. Ich bin begeistert.



Bild: »In Vino Veritas«, finde ich inzwischen auch. Man reiche mir eine Aspirin.

In meinem jugendlichen Übermut klettere ich auf einen großen Kirschbaum inmitten des Weingutes und brülle: »Ich liebe Rheinland-Pfalz!«

»Ebe langts«, ruft mir Omma Liesel von unten zu. Ich freue mich mit ihr und bestelle mir noch eine Rotweinschorle. Inzwischen bin ich quasi als Hessin wiedergeboren und ich kann euch sagen: Des geht hnunner wie heilisch El.

Auf der nächsten Seite: Teil 2


Der zweite Teil meiner Hessenreise führt mich in den Odenwald nach Ober-Klingen. Ich öffne die schwere Tür zum Bauernhof und werde von einem Rudel Junghunde übermannt. Einer hat sich in meinen Adidas-Schnürsenkeln verbissen, ein anderer hängt in meinem Hoodie, zwei baumeln von meiner Nikon. Ich belle.



Bild: Nur mit einem stabilen Schutzwall kann man sein Hab und Gut vor den Hundehooligans schützen.

»Könndest späde noch bei die Lämme gehn (Frankfurter Plusquamperfekt) un die fünf klaane midder Flasch füddern?«, fragt Schäfer Jo. Wäre ich in diesem Moment nicht in einen mit grüner Masse gefüllten Schafspansen getreten – ich hätte ihn umarmt.



Bild: So klein und schon an der Flasche hängen. Unter Hessens Lämmern leider trauriger Alltag.

Wir unternehmen eine Wanderung auf den berühmten Otzberg. Ich komme nicht umher, den Namen des Berges nur von einem Kichern begleitet auszusprechen. Auf dem Weg lerne ich, wie man einen Kranz aus Butterblumen flechtet. Als mich aus dem floralen Schmuckstück ein Käfer anglotzt, werfe ich alles zu Boden und trete so lange drauf, bis darin garantiert nichts mehr lebt. Angeekelt laufe ich weiter den Berg hinauf.



Bild: Feengleich bewege ich mich durch die verzauberten Wiesen der Region. Trendaccessoire Blumenkranz darf dabei nicht fehlen.

Die Burg auf dem Otzberg beherbergt ein Museum. Am Eingang erzählt uns der Besitzer stolz, es gäbe im oberen Stock eine neue Hobbit-Ausstellung. »Hat denn der kleine Hobbit etwas mit der Region Odenwald zu tun?“, frage ich angemessenerweise. Es folgt eine detaillierte Erklärung, wie die 600 Exponate auf den Otzberg kamen. Offensichtlich gibt es zwischen Tolkien und Hessen keine Verbindung. Außer natürlich den samstäglichen Hobbit-Stammtisch im Café des Museums. Wir werden herzlich dazu eingeladen.



Bild: Im Museum der Veste Otzberg kann man dem Hollywood-Star Frodo hinten beim Gummibaum ganz nahe kommen.

Ich habe weder den kleinen Hobbit oder die Filme mit dem Ring gesehen, noch die entsprechenden Bücher gelesen. Vor einer Wohnzimmerszene des Museums bleibe ich stehen. Spontan würde ich sie so deuten: Der Weihnachtsmann, ein Wikinger mit Tarnkappe, Helge Schneider und ein kleiner Junge mit Haaren auf den Füßen sitzen gemütlich bei einem Tonbecher Tee zusammen und bestaunen die Liv-Tyler-Tellersammlung, als plötzlich die alte, böse Hexe mit dem vergifteten Apfel den Schauplatz betritt.

Zumindest ich kriege sofort tierisch Gänsehaut und sehe mich in der Pflicht, einzugreifen. Ich schiebe eine Plexiglasscheibe gewaltsam aus der Verankerung, um in den Ausstellungsraum zu gelangen. Dort fungiere ich als Mediatorin und löse den Konflikt gewaltfrei. Mittelerde ist gerettet! Hurra!



Bild: Vulkanier sind sehr gastfreundlich. Und sogar die böse Hexe kommt irgendwann zur Vernunft.

Zurück auf dem Bauernhof ruft die nächste kniffelige Aufgabe. Schäfer Jo und ich fahren mit dem Traktor zur Weide. An die 800 Schafe müssen auf eine andere Wiese umgesiedelt werden. Nachdem die neuen Zäune aufgebaut sind, kann es losgehen.

Ich stehe fröhlich mit meiner Kamera an der Leitplanke zur Landstraße und fokussiere die Schafe im Sucher. Gleich werden wir die paar hundert Meter gemütlich zum neuen Standpunkt trotten.



Bild: Schäfer Jo öffnet die Grenzen. Alles guckt. Für mich als Ossi ein ergreifender Moment.

Ich schraube noch an der Blende rum, als die Herde laut blökend wie eine Lawine den Berg hinunter auf mich zustürzt. Binnen Sekunden bin ich von einem Meer aus Wolle erfasst und werde auf die Straße gedrängt. Beim Versuch, der Gruppe zu entfliehen, kläffen mich zwei Hirtenhunde zurück in meine Herde. Ich rutsche auf einem Haufen Scheiße aus und falle in ein Lamm, das besessen nach meinen fragilen Fingern schnappt. Die Mutter eilt dem Jungen zur Hilfe und stößt mich mit ihrem Kopf zur Seite. Aua!



Bild: Wenn bei mir Massenpanik ausbricht, kann es schon mal sein, dass ich ein kleines Lamm zertrete.

Kriegsfotografie ist nichts für zarte Gemüter. Während ich eisern immer wieder auf den Auslöser drücke, muss mich der Schäfer aus der Menge ziehen.
Als endlich alle 800 Schafe und Lämmer auf der neuen Wiese stehen, bin ich von Kot verschmiert, habe ein offenes Knie und ein geplatztes Telefondisplay. Außerdem bin ich der glücklichste Mensch der Welt.



Bild: Geschafft. Die neue Weide gibt nicht nur viel Gras her, sondern auch einen fantastischen Blick auf den Otzberg und das Hobbit-Museum.

Jule Müller - Philosophin, Fotografin, Frau und Kobold. Jule Müller ist Anfang 30, lebt in Berlin und erlebt Abenteuer. In ihrer Kolumne schreibt sie nun regelmäßig darüber. Noch mehr Abseitiges findet sich auf ihrem Blog mymagictypewriter.com

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