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»Köln ist, was man draus macht«

Urban Homes im Gespräch

Oliver Bersin, Benjamin Riedl und Stephan Weinand sind Urban Homes. Mit »Jams« haben sie soeben ein geradezu hirnsprengendes Album aufgenommen. Wie man eine jammende Band zähmt und damit dieses oft von Muckern benutzte Wort in euphorische Tanzmusik umdeutet, erzählen sie Daniel Koch.
Geschrieben am
Wir haben an anderer Stelle im aktuellen Heft auch schon Keshavara am Start. Was geht denn eigentlich in den letzten Jahren wieder in Köln?
Ach, Köln. Es kommt immer drauf an, was man draus macht. »Große Städte, flaches Land / überall kannst du traurig, überall kannst du fröhlich sein«, sangen die Bienenjäger vor vielen Jahren. Köln hat als Stadt für – nennen wir es mal »kreatives Schaffen« eine ganz gute Größe. Es gibt hier viele spannende Leute und eine passable Anzahl an Möglichkeiten des kulturellen Ausdrucks. Dennoch ist es recht familiär und überschaubar, man trifft immer wieder die üblichen Verdächtigen, ohne sich fest verabreden zu müssen. Trist und langweilig ist es dennoch oft genug, man wird nicht immerzu abgelenkt oder hat das stete Gefühl, etwas zu verpassen und verbringt dadurch vielleicht mehr Zeit im Studio oder Proberaum. Das als mögliche These. Es gibt in letzter Zeit in der Tat eine ganze Reihe von talentierten Menschen, die langsam aber stetig an ihrem Kram arbeiten und sich entwickeln. Natürlich finden wir nicht alles davon super, aber man kennt und schätzt sich. Und Keshav(ara) ist sowieso der beste Mann!

Gab es einen Schlüsselmoment, in dem euch die Idee kam, ein Album voller »Jams« aufzunehmen? Oder wie kam das zustande?
Nein, der Entstehung der Platte lag eigentlich zu keinem Zeitpunkt ein Konzept oder Masterplan zugrunde. Das Etikett mit den »Jams« kam als Idee auch erst relativ spät im Produktionsprozess, zunächst waren das bloß assoziative, alberne Arbeitstitel, die wir dann aber teilweise beibehielten. Der Begriff klingt eben catchy und erschien uns eine treffende Umschreibung für den Entstehungsprozess des Albums. Die Kunst der Verdichtung ist vielleicht ja das, was die Jam-Session vom Song unterscheidet. Auch wir haben die endlos langen Jams natürlich mit sehr viel Detailarbeit zu Songs verdichtet. Aber wir wollten uns ein klein wenig von der Magie des Moments, in dem die Ideen entstanden, bewahren. Dieses repetitive, plätschernde Element, das man ja zum Beispiel auch vom Krautrock oder Techno kennt, wollten wir bewusst drin lassen.

Habt ihr es mal bereut, diesen – nicht ganz naheliegenden und nicht ganz leichten Weg – für ein zweites Album einzuschlagen?
Der eingeschlagene Weg war ein Stück weit alternativlos. Er ist das Resultat unserer recht naiven, ziellosen und spielerischen Auseinandersetzung mit den Maschinen, sprich: allerlei, teilweise sehr altes, Hardware-Equipment wie Drum Machines, Synthesizer, Sequenzer und diverse Effektgeräte.
Es gab allerdings mehrfach die Momente, in denen wir das Gefühl hatten, uns übernommen zu haben mit der Fülle an Material. Wir haben ja noch ein paar andere Projekte in unseren Leben. Zum Teil war es schon ein recht zäher Prozess. Die Platte wurde zudem »produziert«, das heißt jeder einzelne Arbeitsschritt, jeder Part, jede der unzähligen Spur konnte bis zum Schluss noch einmal überarbeitet, ersetzt oder ergänzt werden. Das Studio wurde quasi als Instrument benutzt und die Produktion immer wieder aufgebrochen und neu gedacht. Das führte dazu, dass sich die Songs ständig weiter entwickelten, was oft ungewohnt, jedoch stets interessant war und letzten Endes zu dem wurde, was man jetzt auf dem Album hören kann. Im Gegensatz zu einem Rockalbum, das im Proberaum geschrieben, im Studio aufgenommen und gemischt wird und dann fertig ist (vereinfacht gesagt), kann diese Vorgehensweise schnell zum Fass ohne Boden werden. Wir haben das Handwerk des Produzierens ja nie wirklich erlernt, sondern einfach drauf los gewerkelt. Chaos war unser steter Begleiter. Mehr als alles andere war die Album-Produktion für uns daher ein riesiger Lernprozess, sowohl technisch, organisatorisch als auch zwischenmenschlich.

»Jam« ist für mich oft ein abschreckendes Wort. Ich habe schon viele schlimme Jams gehört, in denen sich eine Band verrannt hat. Bei euch geht die Sache erstaunlich mitreißend aus: Wie darf man sich diese Jams von der Herangehensweise vorstellen? Wurde wild drauflosgejammt und wurden dann die Ergebnisse »zerschnitten« und arrangiert, gab jemand Stimmungen oder Melodien oder gar Songs vor?
Das Wort hat natürlich diese Mucker-Konnotation, gerade im Deutschen. Davon sind wir rein spielerisch und technisch meilenweit entfernt. Alles, was wir machen ist immer auch ein wenig doppeldeutig und mit Humor versehen. »Jam« kann auch synonym zu Song und Track verstanden werden, gerade wenn es sich nicht um klassische Songwriter-Musik handelt und Stimmungen, Groove und Rhythmus im Vordergrund stehen, die Musik also dem afro-amerikanischen musikalischen Erbe nahesteht. Dann gibt es noch Jam als knifflige Situation, als Steckenbleiben und Stau oder als süße Konserve. Da gibt es doch eine ganze Reihe Ansatzpunkte für das, was wir machen. Die Herangehensweise hast du schon ganz gut gedeutet, immer wild drauflos und bei den guten Momenten bleibt man hängen – wie im Traffic Jam.

Bei der Gelegenheit – da ich selbst zwischen Berlin und Köln pendele, weil die Intro Redaktion eben hier in Köln sitzt, und ich manchmal an der Kommunikation verzweifle: Wie habt ihr die Distanz überbrückt, als ein Bandmitglied nach Berlin zog?
Distanzen sind ja immer auch relativ. Mit einem funktionierenden Internetanschluss ist so manches zu meistern. Das Aufeinandertreffen im Real Life ist natürlich nicht zu ersetzen. Zwischen Flixbus, Mitfahrgelegenheiten oder der Sitzplatzsuche im ICE bringt das einen sicher auch mal an den Rand des Verzweifelns. Daher sind wir hier ebenfalls für Tipps empfänglich. In jedem Fall benötigt man einen gut funktionierenden Terminkalender, eine hohe Frustrationstoleranz und eben insbesondere auch die Vorfreude darauf, sich gemeinsam zu treffen, Musik miteinander zu machen und sich auszutauschen. Jedoch besteht da nach wie vor eine innere Kraft und Energie, die einen motiviert und antreibt.

Seit ihr inzwischen einer Antwort auf die Frage näher gekommen, wie man das ganze live auf die Bühne bringt?
Wir arbeiten dran und haben schon eine grobe Ahnung wie das aussehen kann. Viel Zeit bleibt uns ja auch nicht mehr, denn im Dezember stehen schon die ersten Konzerte an. Was man schon sicher sagen kann ist, dass wir die Stücke des Albums live sehr frei und zum teilweise improvisiert umsetzen werden, was zum einen eine technische Notwendigkeit ist und zum anderen wieder den Kreis zum Konzept der „Jams“ schließt. Kein Konzert wird wie das andere und die Frage, ob wir mit den Konzerten an den magischen Entstehungsort musikalischer Ideen zurückkehren können oder kläglich daran scheitern, wird mit jedem Abend neu beantwortet werden müssen.

Urban Homes

Jams

Release: 18.11.2016

℗ 2016 Altin Village & Mine

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