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Wer kriegt die Kurve?

Ultras und die Fußball-Fankultur

Die wichtigste Jugendkultur in Deutschland seit Punk und Techno entstand beim Fußball. Nach dem Rückzug der Hooligans aus deutschen Stadien war die Stimmung während der Spiele in den 1990er-Jahren im Keller. Dann kamen die Ultras mit Choreos, Pyro und neuen Gesängen. 15 Jahre nach Gründung der ersten Gruppen sprach Thorsten Schaar mit Buchautor Christoph Ruf (»Kurvenrebellen«) und FC-St.-Pauli-Mitarbeiter Sven Brux über den Zusammenhang von Musik, Mode und dem bedingungslosen Support des Lieblingsvereins.
Geschrieben am

Wenn Christoph Ruf am Wochenende als Fußballreporter arbeitet, bleibt er selten auf der Pressetribüne sitzen. Als Ende der 1990er-Jahre die ersten Ultras in deutschen Fußballstadien auftauchten, interessierte er sich sofort für die inzwischen einflussreichste Jugendkultur seit Punk und Techno. Er wurde ihr glaubwürdigster Chronist. In der Winterpause erschien sein Buch »Kurvenrebellen«, kurz vor der WM im Sommer 2014 ist er auf Lesereise unterwegs. 

 

Bei den Lesungen werden die, die sonst Bengalische Feuer entzünden, zu andächtigen Zuhörern. Auch wenn es den Prototypen eines Ultras nicht gibt. Jede einzelne Gruppe interpretiert den Begriff anders. Die Ultras – egal, zu welchem Klub sie gehören – verbindet vor allem, dass sie rund um die Uhr für diesen Klub einstehen. Sie gehen mittlerweile sehr selbstbewusst mit der Behauptung um, dass hauptsächlich sie für die Stadionatmosphäre verantwortlich sind. Bei der Protestaktion »12:12 Ohne Stimme keine Stimmung« stellten sie Ende 2012 unter Beweis, was für ein Grundton ohne ihre Dauergesänge herrschen würde: Die gespenstische Stille, die in den Bundesliga-Stadien einsetzte, als sie für zwölf Minuten und zwölf Sekunden den Support einstellten, hallt bis heute nach.

Mitte März sitzt Ruf im Düsseldorfer Zakk. Eines der selbstverwalteten Kulturzentren, die Ende der 1970er-Jahre überall in der BRD entstanden. Heutzutage spielen hier Thees Uhlmann, Tocotronic oder die Antilopen Gang. Auch Autoren wie Max Goldt, Harry Rowohlt oder Axel Hacke lesen im Zakk. Fußball spielt hier keine besonders wichtige Rolle. Eigentlich ist er hier erst wieder ein Thema geworden, seit die Ultras existieren, denn viele von denen, die am Wochenende im Ultra-Block stehen, sind auch Stammgäste.

 

Die Lesung findet an einem Montagabend in der angeschlossenen Kneipe statt, an der Wand hängt ein Bild von Petra Kelly, Mitbegründerin der Grünen. Ruf sitzt inmitten der Zuhörer, denn eine richtige Bühne gibt es nicht. Für viele Besucher ist daher nur seine Stimme zu hören. Er liest quasi aus dem Off einen Text über Polizeigewalt. Mitunter klingt das selbst wie ein Polizeibericht. Nachnamen von Opfern sind abgekürzt, jedes Datum ist genau aufgeführt. Man merkt seinen Sätzen an, dass er alles genau belegen könnte. Wer vor Ultras auftritt und über Ultras spricht, muss gut vorbereitet sein. Es ist vielleicht das kritischste Publikum, das man als Buchautor haben kann. Zur Grundhaltung der Ultras gehört, gegenüber Außenstehenden misstrauisch zu sein. »Deutsche Presse, auf die Fresse« war als Sprechchor einst Teil des Standardrepertoires.

 

Bildungsreisen nach Italien

 

Sven Brux ist so etwas wie ein führender Experte für Subkultur. Wenn man seinen Namen in eine Suchmaschine eingibt, erscheinen lustige Fotos aus der Punk-Vergangenheit. Brux wird bald 50, seit 1989 arbeitet er für seinen Herzensklub FC St. Pauli. Er verfolgt die Geschichte der Ultras seit Ende der 90er-Jahre. Die »Passanten« waren die Keimzelle, es folgte der Fanklub »Carpe Diem«, bevor sich 2002 die erste offizielle Ultras-Gruppe gründete. Warum es so lange gedauert hat? Der italienische Begriff sei in Hamburg negativ besetzt gewesen, weil sich die HSV-Hooligans seit jeher ausgerechnet »Hamburg Ultras« nennen, erklärt Brux. 

 

Die Ultrakultur ist tatsächlich ein Import. Ende der 90er-Jahre wurde die Stimmung in den Bundesliga-Stadien immer schlechter. Die deutschen Fans fuhren nach Italien und ließen sich von den dortigen Kurvenritualen inspirieren. Die ersten Ultra-Lieder, die in Deutschland gesungen wurden, hatten noch italienische Texte. Die Pioniere, die sich damals auf Bildungsreise begaben, waren unter 20. Wer bereits älter als 25 war und Teil der neuen Jugendkultur werden wollte, wurde auch mal belächelt. Doch innerhalb weniger Jahre wuchs die Bewegung zum bundesweiten Trend. Schon zu Beginn der Nullerjahre gab es die komischen neuen Fans mit ihren typischen Doppelstockhaltern selbst in der 3. Liga zu bestaunen. 

 

Die Ultras sorgten umgehend dafür, dass die Stimmung in den Stadien kippte. Wie in Italien schwenkten sie 90 Minuten lang ihre Fahnen und hüpften ausdauernd auf und ab – weitgehend unabhängig vom Spielgeschehen. Die Gesänge waren plötzlich originell. Mit ihren Choreografien kreierten sie nachhaltige Bilder. Kritisch gesehen wurde die neue Fan-Kultur von angestammten Fans der Stehplatzkurven. Diese verstanden nicht, warum plötzlich ein »Capo« auf dem Zaun den Ton angeben musste. Beim Stadtteilklub führte das dazu, dass man sich in dieser Phase auch mal untereinander prügelte. 2008 zogen die Ultras St. Pauli in die neu gebaute Südkurve um. 

 

Diese neuen Hardcore-Fans, so stellte Brux schnell fest, hatten wenig gemeinsam mit den Punks, die Ende der 80er-Jahre den FC St. Pauli aufgemischt hatten. Wenn man den Ultras einen Kasten Bier hinstellte, waren hinterher noch etliche Flaschen übrig. Zu seiner aktiven Fan-Zeit hätte man weitere Kästen dazuholen müssen. »Ultras sind weder Trinker noch Kneipensitzer. Sie gehen nach dem Spiel eher nach Hause«, so Brux. Was der größte Unterschied zur Punk-Zeit ist? Die Ultra-Gruppen seien wesentlich besser organisiert, meist hierarchisch strukturiert. Wobei dem Vorsänger auf dem Zaun normalerweise die Führungsrolle zukomme. Die Struktur muss auch stimmen, wenn man große Choreografien planen will. Die »Choreos« werden wochenlang vorbereitet und in YouTube-Videos dokumentiert. Wenn es auf Auswärtsfahrt geht, kümmert man sich eigenverantwortlich um die Busse und das Catering. 

 

In den Nullerjahren waren die Ultras äußerlich kaum vom »Schwarzen Block« auf linken Demonstrationen zu unterscheiden. Sie wirkten wie ein Geheimbund. Heute tragen sie die schwarzen Kapuzenpullover nur noch, wenn Spiele gegen schlagkräftige Erzrivalen anstehen. Zum Selbstschutz, weil es die Identifizierung erschwert. Die Ultras-Kurven sind bunter geworden. Im Zweifelsfall bedienen sie sich aus dem eigenen Merchandising. Weil die T-Shirts, die die meisten Klubs im Fan-Shop anbieten, zu einfallslos sind, produzieren sie eigene Klamotten. Beim FC St. Pauli etablierten die Ultras in der Kurve erfolgreich die Farbkombination Braun-Rot-Weiß. Inzwischen ist das Design im offiziellen Fanartikel-Katalog gelandet. 

 

Neben dem ausgeprägten »Do it yourself«-Gedanken existiert ein starkes Markenbewusstsein: »Sportliche Eleganz« wurde zum Dresscode erhoben. Waren in der Fan-Szene früher eher Bomber- und Jeansjacken üblich, kaufen Ultras heute gerne im Outdoor-Fachhandel ein und tragen Windjacken von The North Face und Jack Wolfskin. Für viele unerlässlich ist die Bauchtasche von Eastpak, andere halten sie für die größte Modesünde der Szene. Als das Fanzine »Blickfang Ultra« (an den meisten Hauptbahnhöfen erhältlich) über den Fan-Kongress 2014 in Berlin berichtete, zeigte man eine doppelseitige Foto-Collage. Darauf zu sehen waren typische Schuhe der Teilnehmer, ausnahmslos Sneaker. Fazit: »Adidas ist zwar weiterhin das Maß aller Dinge, aber New Balance hat sich weitgehend aus der Nazi-Schmuddelecke befreit, und Asics dominieren über Nike Airmax.«

 

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»Tropfen im Wasser«

 

Buchautor Christoph Ruf selbst ist Metalhead. Man sieht es ihm heute nicht mehr an, aber er fuhr schon zum With Full Force Festival, als dort noch zur Hälfte langhaarige Metaller unterwegs waren, gekleidet in Jeans- und Lederkutten. Beim 20. Festivaljubiläum im vergangenen Jahr stellte er fest, dass die verbliebenen Kuttenträger wie Vertreter einer aussterbenden Spezies wirkten. Die neuen Stammgäste trugen schwarze Cargo-Hosen, schwarze Shirts mit Aufdruck, mit Buttons übersäte Caps sowie Tattoos, die sich von der Wikinger- oder Drachen-Optik der traditionellen Metal-Szene unterschieden. »Wenn die Protagonisten in den meisten deutschen Fankurven heute ähnlich aussehen wie die neue Klientel des With Full Force Festivals, hat das einen einfachen Grund: Ultras entstammen oft der genau gleichen Subkultur, aus der auch die Hardcore- oder HipHop-Szene kommt. In Berlin-Kreuzberg, Leipzig-Connewitz oder Hamburg-St. Pauli bewegen sie sich wie die Tropfen im Wasser.«

 

Ruf hat die Geschichte der italienischen Ultras erforscht. Dort sah man sich ursprünglich als kritische Gegenöffentlichkeit. Die Instrumente der Kurve, also Megafon, Transparente und Choreografien, entstammen ebenso der linken Demo-Subkultur wie die kritische Haltung gegenüber Polizei, Politik und Medien. 

 

In Italien wurde die Ultra-Bewegung stark durch linke Skinheads aus der Arbeiterklasse geprägt. Deren bevorzugte Musikrichtung Ska wurde von den deutschen Gruppen nicht übernommen. »Die Ultras hierzulande hören House oder auch mal Schlager, Gitarren sind eher verpönt«, erklärt Ruf. Die Ultras des FC St. Pauli veranstalteten Mitte der Nullerjahre Partys im Uebel & Gefährlich; im Kölner Stadion war zuletzt ein Banner der »Coloniacs« zu sehen, das Solidarität mit dem vom Abriss bedrohten Gebäude 9 bekundete. Bei vielen Traditionsvereinen sammeln sich Subkultur-Veteranen unter dem Mod-Target. 2009 wurde in Düsseldorf die Gruppe »Soul City« gegründet, ein Sammelbecken für Mods, linke Skinheads und Rockabillys. Die Zaunfahne der Fortuna-Fans ziert das Mod-Logo. Die Mitglieder kommen aus den unterschiedlichsten Sparten: Vom Handwerker bis zum Immobilienmakler ist alles dabei. Das Besondere: Ein Drittel der Mitglieder sind Frauen. 

 

Fanzines für die Hosentasche

 

Sven Brux, der Klubangestellte mit Punkvergangenheit, erklärt, dass dank der neuen Fankultur das Bildungsniveau in der Kurve gestiegen sei: »Früher war man mit einem Realschulabschluss im Bildungsranking weit vorne.« Er erinnert sich an Zeiten, als Vereinspräsidenten kleinere Streitfälle noch mit Freibier regeln konnten. Heute werden Beschlüsse genauer hinterfragt. Die Ultras haben längst Anwälte aus ihrem eigenen Kreis rekrutiert, die sich nicht zuletzt um die vielen Stadionverbotsverfahren kümmern. Die eigenen Ziele werden inzwischen auch vor TV-Kameras vertreten. Dabei fällt auf, dass die inoffiziellen Pressesprecher rhetorisch klug agieren, um die Zustände im modernen, durchkommerzialisierten Fußball zu kritisieren. Man könnte auch sagen: Die Ultra-Szene ist den Kinderschuhen entwachsen. 

 

Jan, 26, aus Hamburg gehört zur zweiten Generation der Ultras beim FC St. Pauli. Erstes Spiel 1997, erste Dauerkarte 2001/02, Ultra seit 2003. Jetzt bringt er zusammen mit fünf anderen Ultras, alle zwischen 25 und 40, ein Fanzine heraus, das zu jedem Heimspiel erscheint. Das »Basch«, hervorgegangen aus der »Gazzetta d'Ultrà«. Warum machen sie keinen Internet-Blog? Der Student der Wirtschafts-Psychologie sagt, er schätze den nostalgischen Touch. Damit sich die Leser, darunter viele zwischen 16 und 18, das Heft in die hintere Hosentasche stecken können, erscheint es im A5-Format. Print lebt, könnte man sagen, zumindest am Hamburger Millerntor. Sie verkaufen das Heft, das bis zu 48 Seiten dick ist, für einen Euro, gedruckt werden 900 Exemplare. Die Themen beschränken sich nicht auf den Fußball. Alles ist relevant, was den Stadtteil bewegt, von der Gentrifizierung bis zur Flüchtlingspolitik der SPD. Was die Ultras St. Pauli von anderen unterscheidet, ist die Selbstironie. »Wir können zum Glück noch über uns selbst lachen«, sagt Jan. Ein Satz, mit dem sie überhaupt nichts anfangen können, lautet: »Politik hat im Stadion nichts zu suchen.« So schließen sie Freundschaften über die Klubgrenzen hinweg, wobei die Wahl der befreundeten Ultra-Gruppen stets politisch begründet ist. 

 

Trend zur Splittergruppe 

 

Christoph Ruf trägt zum Ende der Lesung im Zakk seinen Text über die »Kohorte Duisburg« vor. Diese Ultra-Gruppe hat sich im Sommer 2012 aus dem Stadion zurückgezogen, nachdem sie von alten Hooligans angegriffen wurde. Die »Kohorte« erfand sich daraufhin als politische Gruppe komplett neu. Sonst folgt an dieser Stelle des Vortrags immer eine angeregte Diskussion. Nur in Düsseldorf ist das anders. Der Hintergrund: Im Publikum sitzen die Mitglieder von drei verschiedenen Gruppen. Die normalen Ultras befinden sich am Tisch des Fan-Projekt-Leiters, die linken Politaktivisten von »Dissidenti Ultra« auf der Empore, und irgendwo neben der Theke hockt die Spaß-Guerilla von »Unterste Schublade Düsseldorf«. Wie in vielen anderen Städten haben sich zuletzt Splittergruppen gebildet. Neben der Zersplitterung gebe es in Deutschland seit 2010 noch eine weitere neue Entwicklung, meint Ruf: Es gebe kaum mehr eine Ultra-Gruppe, die Gewalt ablehne. Seinem Buch gab er den Untertitel: »Einblicke in eine widersprüchliche Szene«.

 

Der Zuspruch ist ungebrochen. Teilweise müssen Ultra-Gruppen einen Aufnahmestopp verhängen, weil der Zulauf so stark ist. Ultra zu sein ist für viele 14-Jährige eine Mischung aus Räuber-und-Gendarm-Spiel und erweitertem Freundeskreis. »Eine Jugendkultur, die auch einfach gut zum autistischen Verhalten von Jugendlichen in der Pubertät passt«, findet Ruf. Gruppen, die verstärkt politische Inhalte ins Stadion tragen, haben es weiterhin nicht leicht: Ob Protest gegen Mietpreiserhöhungen oder die Ehrung von Widerstandskämpfern – viele Fußballfans finden, dass das nicht ins Stadion gehört, und ignorieren es, wenn etwa die Ultras des FC St. Pauli in der Halbzeit ihre Tapetenbahnen präsentieren, gerne auch mal Solidaritätsadressen in verschiedenen Sprachen. Jan vom »Brasch«-Fanzine stört das überhaupt nicht: »Nur weil du heute bei uns im Fan-Block stehst, musst du morgen nicht zum Vortrag über ›Rechte Strukturen auf Norderney‹ kommen.« Christoph Ruf hat dazu eine klare Meinung: »Fußball hat einen Kern von Irrationalität. Wenn man alles mit Vernunft angeht, kann man irgendwann nicht mehr ins Stadion gehen.« 

 

Christoph Ruf »Kurvenrebellen. Die Ultras – Einblicke in eine widersprüchliche Szene« (Verlag Die Werkstatt; 208 S.; € 12,90)

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